40 Jahre Schengen: Wohin steuert Europa?

 

 

Schengen feierte 2025 sein 40-jähriges Bestehen. Wir haben bei der Europäischen Kommission nachgefragt: über die Errungenschaften von Schengen, den Beitritt Bulgariens und Rumäniens sowie die Herausforderungen und Prioritäten für die Zukunft. Hier lesen Sie die Antworten einer*eines Sprecher*in der Europäischen Kommission. 

 

Im Juni 1985 unterzeichneten Deutschland, Belgien, Frankreich, Luxemburg und die Niederlande das Schengener Abkommen. Was ist das wichtigste Vermächtnis dieses Abkommens für Europa? 

 

Dieser Artikel wurde in Info Europa 3/2025: In Bewegung: Mobilität im Donauraum veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist hier abrufbar.

Der Schengen-Raum ist eine der sichtbarsten und bedeutendsten Errungenschaften der Europäischen Union. Doch er wirkt auch in weniger greifbaren Dimensionen. Vor 40 Jahren läutete das Abkommeneine neue Ära der Offenheit ein – ein radikaler Bruch mit der Geschichte geschlossener Grenzen in Europa. Das Schengener Abkommen stand damals für die Vision einer besseren Zukunft. Wohl kaum einer der Unterzeichner von 1985 hätte erwartet, dass das Abkommen einen von Grenzkontrollen freien Raum schaffen würde, der noch zu ihren Lebzeiten vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer reichen würde. 

Das Geheimnis des Erfolgs liegt in ständiger Arbeit und Verbesserung. Täglich arbeiten fast 2 Millionen Polizist*innen, Grenzschützer*innen, Migrationsbeamt*innen und Konsularmitarbeitende zusammen,um unsere Freiheit und Sicherheit zu gewährleisten. Die Kommission und der Schengen-Koordinator arbeiten eng mit allen Mitgliedstaaten zusammen, die derzeit temporäre Binnengrenzkontrollen durchführen, ebenso wie mit den betroffenen Nachbarstaaten – im Einklang mit dem kürzlich überarbeiteten Schengener Grenzkodex. 

Bulgarien und Rumänien wurden von der Europäischen Kommission bereits 2011 als bereit für den Schengen-Beitritt eingestuft. Verzögerungen durch Vetos – insbesondere aus Österreich – hielten den Beitritt jedoch auf. Erst seit Anfang 2025 sind beide Länder volle Mitglieder. Wie lassen sich solche langwierigen Vetos künftig vermeiden, um ein faires und regelbasiertes Verfahren sicherzustellen? 

Der Schengen-Raum hat sich in den vergangenen 40 Jahren von einem kleinen regionalen Kooperationsprojekt zu einem strategischen Instrument der Union in einem stark veränderten geopolitischen Umfeld entwickelt. Schengen bringt der EU und ihren Bürger*innen tiefgreifende Vorteile. Er bildet das Rückgrat des Binnenmarktes und erleichtert das Leben von über 450 Millionen Menschen. Gleichzeitig müssen wir die gewachsenen Herausforderungen bewältigen und Verbesserungen umsetzen – genau das wurde durch den intensiven politischen und technischen Dialog im Zuge des Beitritts Bulgariens und Rumäniens erreicht. 

Einige Mitgliedstaaten hatten anfangs Bedenken, doch letztlich haben die bulgarischen und rumänischen Behörden überzeugend dargelegt, dass die EU-Außengrenzen wirksam geschützt werden. Wie die Kommission festgehalten hat, sollen künftige Beitrittskandidaten bereits beim EU-Beitritt über voll funktionsfähige nationale Schengen-Governance-Systeme verfügen. Die Entscheidung über die Aufhebung von Personenkontrollen an den künftigen Binnengrenzen muss auf der Erfüllung objektiver Kriterien beruhen, die im Rahmen des Schengen-Evaluierungsmechanismus überprüft werden. 

Welche Auswirkungen hat der volle Beitritt Bulgariens und Rumäniens zum Schengen-Raum – für die beiden Länder selbst, aber auch für die gesamte Schengen-Zone? 

In diesem Jahr konnten erstmals auch die Bürger*innen Bulgariens und Rumäniens die vielen Vorteile Schengens genießen, durch unbürokratisches Reisen, Impulse für den Tourismus, günstigere Waren und mehr Möglichkeiten für Arbeit und Studium. 

Durch den vollständigen Wegfall der Binnengrenzen werden Bulgarien und Rumänien Milliardeneinsparungen erzielen – etwa durch geringere Logistikkosten, weniger Lieferverzögerungen sowie niedrigere Ausgaben für Treibstoff und Fahrpersonal. Davon profitieren nicht nur die beiden Länder selbst, sondern auch alle anderen Schengen-Staaten sowie deren Unternehmen und Bürger*innen, die mit ihnen Handel treiben oder reisen. 

Welche Unterstützung steht EU-Kandidatenländern zur Verfügung, um ihre Grenz- und Verwaltungsstrukturen frühzeitig an die Schengen-Standards anzupassen? 

Die Erfüllung der Schengen-Verpflichtungen ist ein zentraler Bestandteil des EU-Beitrittsprozesses für EU-Kandidatenländer. Im vergangenen Jahr hat die Kommission, gestützt auf die Erfahrungen mit Kroatien, Bulgarien und Rumänien, verstärkt darauf hingewiesen, dass diese Verpflichtung auch durch konkrete, operative Umsetzung erfüllt werden muss. Damit soll sichergestellt werden, dass Kandidatenländer die Schengen-Verpflichtungen auf höchstem Niveau umsetzen und sich von Beginn an effektiv auf den Beitritt vorbereiten. So werden unnötige Verzögerungen vermieden und die Vorteile einer verstärkten Schengen-Kooperation schon in dieser Phase nutzbar gemacht. 

Im Rahmen dieses verstärkten Ansatzes hat die Kommission die zentrale Rolle der nationalen Schengen-Governance betont – sie bildet die Grundlage für Aufbau, Steuerung und nachhaltigen Betrieb eines funktionierenden Schengen-Systems. Dies umfasst die Stärkung nationaler Institutionen, die klare Zuweisung von Verantwortlichkeiten und den Aufbau operativer Kapazitäten. Die Kommission unterstützt diese Vorbereitungen gemeinsam mit den Mitgliedstaaten durch Beratung, Schulungen, Kapazitätsaufbau und finanzielle Hilfen. Zur praktischen Umsetzung sind die EU-Kandidatenländer dazu aufgefordert, einen umfassenden Schengen-Aktionsplan zu entwickeln. 

Welche Prioritäten für den Schengen-Raum verfolgt die Europäische Kommission in den kommenden Jahren? 

Um Schengen auch in den nächsten 40 Jahren zu sichern, sind drei Dinge entscheidend: Erstens, wir müssen unsere Außengrenzen stärken. Dazu werden moderne IT-Systeme für das Grenzmanagement implementiert, physische und digitale Infrastruktur besonders an sensiblen Grenzabschnitten ausgebaut und die Ressourcen von Frontex erheblich gesteigert. Eine wichtige Rolle spielt hier auch das „Smart Borders“-Paket mit hochentwickelten Technologien wie dem Entry/Exit System (EES), dem Europäischen Reiseinformations- und -genehmigungssystem (ETIAS) sowie dem erweiterten Einsatz automatisierter Grenzkontrollsysteme (ABC). 

Zweitens, wir müssen die Probleme im Migrationsmanagement der EU angehen. Die Mitgliedstaaten haben letztes Jahr einen neuen Migrations- und Asylpakt vereinbart, ergänzt durch Maßnahmen zur Rückführung von Personen ohne Aufenthaltsrecht. Diese Reformen gehen Hand in Hand mit verstärktem Engagement mit Drittstaaten, insbesondere zur Rücknahme ihrer Staatsangehörigen. 

Drittens, wir sichern Schengen, indem wir unseren Strafverfolgungsbehörden die notwendigen Instrumente zur Bekämpfung von Bedrohungen bereitstellen. Europol soll stärker operativ eingesetzt werden und nationale Behörden besser unterstützen, zudem sollen Datenzugriffe verbessert werden, um Ermittlungen effizienter zu machen. 

Wie lässt sich die Bedeutung Schengens jüngeren Generationen vermitteln, die offene Grenzen als selbstverständlich betrachten und gleichzeitig zunehmend populistischer und nationalistischer Rhetorik ausgesetzt sind? 

Die Kommission verpflichtet sich, die Stimmen junger Menschen in der EU-Politik stärker einzubeziehen. Ein wichtiges Instrument dafür sind Jugenddialoge. Nur wenige Tage nach Amtsantritt hielt Kommissar Magnus Brunner seinen ersten Jugenddialog zu Schengen – in der Stadt Schengen selbst. Er tritt regelmäßig in den Dialog mit jungen Menschen, hört ihre Anliegen und macht die EU für sie erlebbar. 

Es liegt an uns, dafür zu sorgen, dass auch künftige Generationen die Vorteile Schengens schätzen und genießen können – sowohl die bisher erreichten als auch die, die wir gerade weiterentwickeln.