
Als neuer Bundesminister für Bildung ist CHRISTOPH WIEDERKEHR österreichweit für über eine Million Schüler*innen verantwortlich. Im IDM-Interview spricht er darüber, wie er die Herausforderungen im Bildungsbereich angehen möchte.
Dieser Artikel wurde in Info Europa 2/2025: Zukunftsfit durch Bildung veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist .
Herr Bundesminister, welche Schwerpunkte möchten Sie setzen, um Bildung in Österreich zukunftsfähig zu gestalten?
Ich möchte, dass alle Kinder gerne in die Schule gehen. Dafür müssen wir die Rahmenbedingungen an den Schulen weiter verbessern. Ein Chancenbonus soll jene Schulstandorte stärken, die besondere Herausforderungen haben. Mit einem Schwerpunkt bei der Deutschförderung und deutlich mehr Planstellen in diesem Bereich wollen wir dafür sorgen, dass sich die Deutschkenntnisse der Schüler*innen verbessern.
In österreichischen Schulen werden Kinder mit unterschiedlichem sprachlichen und kulturellen Hintergrund unterrichtet. Wie kann das Bildungssystem dazu beitragen, diese bestmöglich zu integrieren und gleiche Chancen für alle zu gewährleisten?
Um eine gemeinsame Wertebasis in unserer Zuwanderungsgesellschaft sicherzustellen, werden wir ein neues Schulfach Demokratiebildung einführen. Dieses Fach ist für das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft sehr wichtig. Für jene, die nicht gut genug Deutsch können, sehen wir außerdem verpflichtende Sommerdeutschkurse vor. Und schließlich sind bei diesem Thema auch die Eltern gefordert. Wir wollen Eltern, die nicht am Bildungserfolg ihrer Kinder mitwirken, stärker in die Pflicht nehmen.
Österreich legt großen Wert auf die kontinuierliche Zusammenarbeit mit Ländern Mittel- und Osteuropas. Welche Kooperationen im Bereich Bildung sind Ihrer Meinung nach besonders hervorzuheben?
Im Rahmen der gesamtstaatlichen außenpolitischen Schwerpunkte engagiert sich auch das Bildungsressort in Mittel- und Osteuropa. Dabei geht es einerseits um die Unterstützung der Länder auf ihrem Weg in die EU – konkret in den Europäischen Bildungsraum -, andererseits auch um direkte Kooperationen im Bereich der Fachkräfte, die auch für unsere Wirtschaft wichtig sind. Ein Schwerpunkt liegt auf der Berufsbildung, wo unser System Modellcharakter hat.
Wir unterstützen mit Regionalbüros und sogenannten Bildungsbeauftragten die Länder am Westbalkan, in Moldau und in der Ukraine. Im Rahmen konkreter Projekte werden die Partnerländer beispielsweise dabei unterstützt, Ausbildungen zu modernisieren und an die Anforderungen des Arbeitsmarktes anzupassen. Die Basis für solche Kooperationen bilden zwischenstaatliche Abkommen zwischen Österreich und den Partnerländern.
Internationale Zusammenarbeit spielt aber auch in anderen Bereichen eine wichtige Rolle. Etwa in der Erinnerungskultur und Antisemitismusprävention, wo wir einen engen Austausch mit Israel und der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem pflegen. Auf Basis einer zwischenstaatlichen Vereinbarung haben seit dem Jahr 2000 mehr als tausend österreichische Lehrpersonen Fortbildungen in Israel besucht. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit werden auch Lernmaterialen für unsere Schulen entwickelt.
In vielen Schulen fehlen ausreichende Lehrpersonen. Wie können betroffene Schulen ausreichend unterstützt werden?
Der Lehrkräftemangel ist weiterhin eine große Herausforderung, der wir mit einer Stärkung des Berufsbilds und einer Ausbildungsoffensive begegnen. Wir sehen zum Bespiel wieder steigende Zahlen der Lehramtsstudierenden, was mich grundsätzlich positiv stimmt.
Gerade in Wien ist Mehrsprachigkeit gelebter Alltag. Im Schuljahr 2021/22 sprachen mehr als die Hälfte der Schüler*innen (rund 53 %) laut Schulstatistik im Alltag regelmäßig mehr als eine Sprache. Welche Bedeutung hat diese Mehrsprachigkeit für das österreichische Bildungssystem und die Zukunft des Arbeitsmarktes?
Zunächst einmal sollte Mehrsprachigkeit als etwas Positives empfunden werden. Wir sehen jedoch momentan, dass es manchmal so ist, dass Kinder zwar mehrere Sprachen sprechen, keine jedoch wirklich gut. Hier setzen wir mit gezielter Sprachförderung bereits im Kindergarten an. Denn im Kindergartenalter entscheidet sich schon viel.
Wenn jemand mehrere Sprachen gut spricht, sind die Chancen am Arbeitsmarkt weitaus größer. Das belegen zahlreiche Studien. Daher werden wir jene Kinder und Jugendliche, die eine andere Erstsprache als Deutsch haben, gezielt unterstützen. Ziel einer modernen Gesellschaft muss es sein, dass alle Bürger*innen ein selbstbestimmtes, geglücktes Leben führen können. Hier ist Sprache das wesentliche Element, dieses Ziel auch tatsächlich zu erreichen.
Christoph Wiederkehr ist seit 2025 österreichischer Bundesminister für Bildung. Von 2020 bis 2025 war er Vizebürgermeister der Stadt Wien sowie Amtsführender Stadtrat für Bildung, Jugend, Integration und Transparenz.