12 Points: Wie Europa abstimmt

Ist die Punktevergabe beim ESC mehr als nur Ausdruck des musikalischen Geschmacks? Was es mit dieser Vermutung auf sich hat und welche wichtige Rolle hier die Balkanstaaten spielen, erklären ALINA SCHOENBERG, CHRISTOPHER SCHWAND, CHIARA FORAMITTI und DIMITRIOS IERAPETRITIS. 

Dieser Artikel wurde in Info Europa 1/2026: Eurovision Song Contest im Donauraum: Kulturführer Mitteleuropa 2026 veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist hier abrufbar.

Noch bevor der erste Ton erklingt, rätseln erfahrene ESC-Zuschauer*innen nicht nur über mögliche Gewinner*innen, sondern auch über die Punktevergabe. Erhält Griechenland erneut 12Punkte von Zypern und wird das Vereinigte Königreich diesmal mit mehr als zwei Punkten belohnt? Beim ESC ist die Abstimmung definitiv Teil der Unterhaltung sie wird genauso aufmerksam verfolgt und gefeiert wie die Auftritte selbst. Abstimmungsergebnisse werden anschließend auch gerne kulturell und politisch interpretiert: Mag uns wirklich niemand? Warum sind wir bei Land X nicht mehr so beliebt? Haben manche Länder freundlichere Nachbarn als wir? Und ist die Abstimmung politischer als es der Wettbewerb eigentlich vorsieht?  

Betrachtet man die Abstimmungsergebnisse beim ESC über die Jahre, so sind diese weit mehr als nur eine Geschichte des musikalischen Geschmacks. Sie spiegeln Nähe und Ferne, geben Hinweise auf Identität und Diversität sowie erzählen von Allianzen und Spaltung. Und das so laut, dass sie schon längst die Aufmerksamkeit von mehr oder weniger musikaffinen Forscher*innengeweckt haben.  

Faszination der Punktevergabe

Wissenschaftliche Analysen der Daten zeigen, dass geografische Nähe, Migration und kulturelle Verbindungen der teilnehmenden Länder einen messbaren Einfluss darauf haben, wie Punkte beim ESC vergeben werden. Forschende unterscheiden häufig fünf große Abstimmungsblöcke: ein westlicher, ein östlicher, ein ostmediterraner, ein skandinavischer und ein Balkanblock, der meistens aus Serbien, Kroatien, Slowenien, Bosnien und Herzegowina, Nordmazedonien und Montenegro besteht. Bei genauer und kritischer Betrachtung erweisen sich zwei „Freunderlwirtschaften“ äußerst hartnäckig: der scherzhaft „Viking Empire“ genannte Norden und der Balkanblock. Letzterer gilt darüber hinaus als das am stärksten in sich geschlossene Netzwerk und hat die wenigsten Verbindungen mit anderen Abstimmungsblöcken.  

Doch wie erfolgreich ist der Balkan im ESC wirklich? Musikalisch scheint er die Geschichte des ESC derzeit noch nicht zu dominieren. Schweden hat in seinen Teilnahmen seit 1957 knapp 7000 Punkte gesammelt, Italien und Frankreich über 5000. Serbien und Kroatien hingegen konnten über all ihre Teilnahmen hinweg weniger als 2000 Punkte ergattern. Die Untersuchung der Finalrunden allein ist dabei allerdings nicht ausreichend, da sie nicht berücksichtigt, dass manche Länder eine geringere Anzahl an Teilnahmen aufweisen. Viele Balkanländer waren aufgrund politischer Umbrüche zeitweise gar nicht im Wettbewerb vertreten oder nahmen erst spät in der Geschichte des ESC teil. Betrachtet man statt der absoluten Punktezahl also die Leistung der Balkanländer im Verhältnis zu ihren Teilnahmen, so wird deutlich: der Erfolg des Balkans wird unterschätzt. Setzt man nämlich die in den Finalrunden ersungenen Punkte ins Verhältnis zu den maximal möglichen Punkten, so erreicht das ehemalige Serbien und Montenegro den Höchstwert von 45% der erreichbaren Punkte. Viele Balkanländer kommen auf einen Wert von 15% bis 20%und schneiden damit besser ab als erprobte Teilnehmer wie Spanien, Portugal oder Belgien. In anderen Worten: erreichen Balkanländer das Finale, so werden ihre Beiträge durchaus reich mit Punkten belohnt.  

Punkte für den Nachbarn 

Auch das Abstimmungsverhalten der Balkanländer selbst verrät vieles. Ein Blick darauf, wie oft ein Land seine „twelve points“, also die maximale Punkteanzahl, an das spätere Gewinnerlied vergibt, zeigt, wie stark die eigene Wahl mit dem europäischen Gesamtkonsens übereinstimmt. Lettland vergibt seine Höchstwertung in jedem dritten Wettbewerb an den oder die Gewinner*indes ESC. Bei Schweden, der Schweiz oder dem Vereinigten Königreich passiert dies ungefähr bei einem Viertel ihrer Teilnahmen. Serbien hingegen hat in 17 Abstimmungsjahren nur einmal seine 12 Punkte an den späteren Siegerbeitrag vergeben, Kroatien nur dreimal in 30 Abstimmungen. 

Insgesamt zeigen diese Zahlen ein einfaches und dennoch auffälliges Muster: Wenn Balkanländer teilnehmen, schneiden sie üblicherweise gut ab, bestimmen jedoch selten dieGewinner*innen. Individuell profitieren sie vom Abstimmungssystem, ohne das Endergebnis wesentlich zu beeinflussen. Je mehr Balkanländer teilnehmen, desto stärker werden die regionalen Unterstützungsstrukturen innerhalb des Netzwerkes. 

Hinzu kommt der Einfluss großer Diaspora-Gemeinschaften in Ländern wie Österreich, Deutschland oder in der Schweiz, deren Stimmen oft weiterhin kulturelle Verbindungen zuHerkunftsregionen widerspiegeln. Besonders sichtbar werden diese Muster im Televoting, also bei der Abstimmung des Publikums, während die Jurys tendenziell etwas stärker zum europäischen Konsens beitragen. 

Kulturelle Nähe zählt 

Was lässt sich also aus all dem über den ESC lernen? Der ESC ist auch eine Bühne kultureller Soft Power, also der Fähigkeit einzelner Länder, durch Musik, Image und kulturelle Ausstrahlunginternationale Aufmerksamkeit und Sympathie zu gewinnen ohne politische oder wirtschaftliche Macht einzusetzen. Wie diese kulturelle Ausstrahlung wahrgenommen wird, zeigt sich nicht nur auf der Bühne, sondern auch in der Punktevergabe. In Nord- und Westeuropa ist das Abstimmungsverhalten stärker auf Konsens ausgerichtet. Favorit*innen werden oft früh erkannt und Gewinner*innen gemeinsam unterstützt. 

Die Abstimmungskultur der Balkanländer hingegen spiegelt kulturelle Nähe, ähnliche musikalische Vorlieben, eine gemeinsame Geschichte sowie Diaspora-Verbindungen wider. Gemeinsamebzw. ähnliche Sprachen und Traditionen haben kulturelle Gemeinschaften geschaffen, die durch politische Grenzen nicht verschwunden sind. Ihr Abstimmungsverhalten zeigt eine gemeinsame Vergangenheit und ist stärker von Identität und Geschmack geprägt als vom resteuropäischen Mainstream.  

Die besondere Stärke des Wettbewerbs liegt darin, dass der ESC gleichzeitig als Symbol europäischer Einigkeit und Plattform europäischer Vielfalt wirkt. Die Balkanländer erinnern bei der Vergabe ihrer 12 Punkte daran, dass ihnen lokale Identität und kulturelle Nähe wichtig sind. Damit macht die Eurovision-Abstimmung sichtbar, dass das europäische Publikum ein Mosaik aus Vorlieben ist, das von Geschichte, Migration, geographischer Nähe und kulturellen Verbindungen geprägt ist. Und deshalb sind die berühmten „twelve points“ mehr als nur ein Wettbewerbssignal sie sind kleine Botschaften darüber, wie Europa wirklich tickt. 

Alina Schoenberg ist Forschungsprofessorin für Kohäsion, Resilienz und Demokratie in Europa an der IMC Krems. Ihre Forschungsinteressen konzentrieren sich auf regionale und urbane Entwicklung, politische Unzufriedenheit und Wahlverhalten sowie Euroskeptizismus.

Christopher Schwand ist Institutsleiter und Professor an der IMC Krems. Seine Forschung beschäftigt sich mit den transformativen Auswirkungen technologischen Wandels und globaler Herausforderungen.

Chiara Foramitti arbeitet seit über drei Jahren beim Österreichischen Integrationsfonds. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich Handel und internationale Politik.

Dimitrios G. Ierapetritis ist Gastforscher an der IMC Krems und Mitglied des Lehrpersonals an der Panteion University of Social and Political Sciences. Seine Forschungsinteressen konzentrieren sich auf regionale und lokale Entwicklung, geografische Netzwerke und Entrepreneurship.

 

Schaulauf national-kultureller Identitäten

ESC-Beiträge erzählen Geschichten, die weit über das Musikalische hinausgehen. IRVING WOLTHER zeigt anhand südosteuropäischer Beiträge, wie drei Minuten Musik zur Bühne für Geschichte, Identität und politische Spannungen werden können. 

Dieser Artikel wurde in Info Europa 1/2026: Eurovision Song Contest im Donauraum: Kulturführer Mitteleuropa 2026 veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist hier abrufbar.

Für manche Teilnehmerländer ist der Eurovision Song Contest (ESC) nur ein buntes Popmusikspektakel für andere weit mehr: Gerade in Mittel- und Südosteuropa fungiert der ESC seit Jahrzehnten als Projektionsfläche für nationale Selbstvergewisserung, kulturelle Distinktion und zugleich den Wunsch, in einem gemeinsamen europäischen Klangraum sichtbar zu sein. Während der Wettbewerb in Westeuropa oft als seichte Unterhaltung geschmäht wurde und wird, ist seine Bedeutung östlich der einstigen Systemgrenze kaum zu überschätzen. Hier traf der ESC auf Gesellschaften, deren musikalische Öffentlichkeit lange Zeit staatlich reguliert, ideologisch aufgeladen oder international isoliert war. Der Gang auf die ESC-Bühne markierte daher oft nicht weniger als den symbolischen Eintritt in eine europäische Normalität. 

Zwischen Folklore und Moderne

In vielen Ländern des Balkans wurzelt die populäre Musik tief in regionalen Traditionen. Mehrstimmige Gesänge, asymmetrische Rhythmen und charakteristische Instrumente prägen bis heute das musikalische Selbstbild – von der albanischen Iso-Polyphonie*über die bosnische Sevdalinka* bis zum dissonanten bulgarischen Kehlkopfgesang*. Der Eurovision Song Contest drängte diese Traditionen nie ins Abseits, sondern stellte sie vor dieHerausforderung, kulturelle Eigenheit in ein dreiminütiges, massenmedial taugliches Format zu übersetzen. 

Die Antworten fielen dabei höchst unterschiedlich aus. Allen gemein war, dass die zur Schau gestellten national-kulturellen Besonderheiten mangels Bewusstsein für die kulturgeschichtlichen Zusammenhänge in Osteuropa bei Zuschauer*innen im Westen pauschal als „folkloristisch“ abgetan wurden. So vermochte der kroatische Klapa-Gesang*, der sogar immaterielles Kulturerbe der Menschheit ist, gegenüber dem westlichen Publikum die kulturelle Eigenständigkeit Kroatiens nicht überzeugend zu vermitteln. Deutlich wirkungsvoller erwies sich dagegen die sogenannte „Balkan-Ballade“, die aus der Tradition der bosnischen Sevdalinka schöpft und die gleich mehrere jugoslawische Nachfolgestaaten im Laufe ihrer ESC-Teilnahmegeschichte ins Feld führten. 

Der ESC als postjugoslawischer Resonanzraum 

Nach dem Zerfall Jugoslawiens war der Musikmarkt fragmentiert, die Erinnerung blieb jedoch ein Ort der Gemeinsamkeit. Der Erfolg von Künstler*innen wie Dino Merlin (Bosnien-Herzegowina), Dado Topić (Kroatien) oder Esma Redžepova (Nordmazedonien) reichte weiterhin über die neuen Grenzen hinweg – und der ESC wurde zu einem der wenigen Foren, bei denen die immer noch vorhandene kulturelle Nähe zwischen den ehemaligen Teilrepubliken öffentlich sichtbar blieb. 

Dabei lösten die nationalen ESC-Beiträge nicht selten hitzige Debatten über „kulturelle Zugehörigkeit“ aus. So war die Teilnahme der kroatischen Sängerin Severina am Wettbewerb 2006 in Athen heftig umstritten. Ihr Titel Moja štikla (dt. Mein Stöckelschuh) enthielt nämlich zahlreiche Elemente des als „unkroatisch” empfundenen Turbo-Folk*, dessen Wiege in Serbien und Montenegro zu finden ist. Länder wie Nordmazedonien griffen dagegen bewusst auf musikalische Marker wie den 7/8-Takt zurück und versuchten diese als „typisch mazedonisch“ zu branden. Dies wiederum stieß bei journalistischen Vertreter*innen angrenzender Balkanstaaten wie Griechenland oder auch der Türkei auf heftige Gegenrede. 

Sackgassen und Sonderwege

Welche Sprengkraft die Frage der kulturellen Zugehörigkeit auch über die Grenzen des ehemaligen Jugoslawiens hinaus besitzt, zeigte sich 2013. Nordmazedonien (aufgrund des Namenskonflikts mit Griechenland damals noch „Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien“) zog damals seinen Wettbewerbsbeitrag Imperija von Esma & Lozano zurück, da der vieldeutige Titel drohte, einen diplomatischen Streit mit Griechenland und Bulgarien vom Zaun zu brechen. Rumänien, das 2009 mit dem Titel The Balkan Girls in Moskau an den Start ging, wurde dagegen zum Gespött vieler Pressevertreter*innen aus jugoslawischen Nachfolgestaaten, die dem Land absprachen, über Mädchen vom Balkan singen zu dürfen. 

Slowenien nimmt unter den jugoslawischen Nachfolgestaaten eine Sonderstellung ein. Historisch, sprachlich und kulturell stärker nach Mitteleuropa orientiert, verstand sich das Land früh als Brücke zwischen Ost und West. Seine ESC-Beiträge spiegeln diese Lage wider und bewegen sich zwischen Schlagertradition, Pop-Avantgarde und ironischer Brechung nationaler Symbole (wie im Fall des Beitrags Narodnozabavni rock (dt. Volksmusik-Rock) aus dem Jahr 2010, der slowenische Rockmusik mit Oberkrainer-Ästhetik verband). Doch auch hier wird der Wettbewerb genutzt, um Deutungsangebote zu machen, wie das Land im übrigen Europa gesehen werden möchte. 

Mehr als ein Wettbewerb

Dass Musik Identität nicht nur abbildet, sondern aktiv verhandelt, gehört zu den zentralen Lektionen, die der ESC (nicht nur) in dieser Region vermittelt. Das erleben wir auch beim Eurovision Song Contest 2026 in Wien: So erzählt der kroatische Beitrag Andromeda davon, wie sich katholische Frauen im osmanischen Bosnien durch das Tätowieren von Gesicht und Händen mit Kreuzsymbolen (Sicanje) davor schützten, von muslimischen Männern verschleppt zu werden. Unter Bezugnahme auf die kroatische Erinnerungskultur erlaubt der Titel Lesarten von weiblichem Empowerment bis hin zu nationalistischer Abgrenzung, die gleichberechtigt nebeneinander Bestand haben. 

Der Eurovision Song Contest ist in Mittel- und (Süd-)Osteuropa kein bloßes Fernsehformat. Er ist Erinnerungsraum, Schaufenster und Experimentierfeld für eigene Identitäten. Dabei erlaubt er es kleinen Ländern, im großen Weltgeschehen oft vernachlässigte Geschichten zu erzählen, und zwingt im Gegenzug große Nationen zur Verdichtung ihrer kulturellen Narrative. Gerade deshalb ist die Rückkehr des ESC nach Österreich mit seiner Vielvölker-Vergangenheit nicht einfach ein banaler Medienzirkus, sondern eine Einladung, den Wettbewerb wieder als das zu begreifen, was er immer war – ein europäisches Kulturbarometer. 

*Info-Box: 

  • Iso-Polyphonie: Traditionelle mehrstimmige Gesangsform aus Albanien, bei der eine durchgehende Bordunstimme die melodischen Stimmen begleitet. Teil des immateriellen UNESCO-Kulturerbes. 
  • Sevdalinka: Urbanes Liedgenre aus Bosnien und Herzegowina, das sich durch melancholische Melodien und poetische Texte über Liebe, Sehnsucht und Verlust auszeichnet. 
  • Kehlkopfgesang: Gesangstechnik, bei der die Sänger*innen gleichzeitig mehrere Töne erzeugen, indem sie Obertöne im Kehlkopf und Mundraum modulieren. 
  • Klapa-Gesang: Traditioneller a-cappella-Gesang aus Dalmatien, der meist von Männergruppen in enger Mehrstimmigkeit vorgetragen wird und Themen wie Liebe, Heimat und Meer behandelt. 
  • Turbo-Folk: Populäres Musikgenre aus Südosteuropa, das traditionelle Volksmusik mit modernen Pop-, Dance- und elektronischen Elementen kombiniert. 

Irving Wolther beschäftigt sich seit über 40 Jahren mit dem Eurovision Song Contest und gehört international zu den führenden Forschenden zu diesem Thema. Er ist Mitgründer und Inhaber des _phonos-Journalistenbüros in Hannover und arbeitet als Journalist unter anderem für die offizielle deutsche ESC-Website.

Weiterführende Literatur: Die ganze Welt des Song Contests, Irving Wolther, Journalistenbüro _phonos, 2016.

 

Wettbewerb der Wertvorstellungen

Der ESC polarisiert, nicht zuletzt auch in der Frage nach seiner Diversität. Für die einen ist er Bühne und Schutzraum für LGBTQIA+-Sichtbarkeit, für die anderen Projektionsfläche eines Kulturkampfes um Werte und Identität, wie MALWINA TALIK beschreibt. 

Dieser Artikel wurde in Info Europa 1/2026: Eurovision Song Contest im Donauraum: Kulturführer Mitteleuropa 2026 veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist hier abrufbar.

Als Conchita Wurst 2014 mit Rise like a Phoenix den Eurovision Song Contest (ESC) gewann, wirkte es für einen kurzen Moment so, als könnte eine glitzernde Popbühne tatsächlich gesellschaftlicheRealitäten verschieben. Die österreichische Kunstfigur mit Bart triumphierte sowohl bei der Jury als auch beim Televoting mit klarem Vorsprung und ihr Sieg wurde weit über die Musik hinaus als politisches Signal verstanden: bejubelt in großen Teilen Europas, scharf kritisiert von konservativen Stimmen, vor allem in Russland. 

Kaum ein anderes Kulturereignis polarisiert so stark wie der ESC. Seit Jahren wird ihm politische Verzerrung vorgeworfen: Nachbarschaftsvoting, Diaspora-Effekte oder die strategische Mobilisierung im Ausland lebender Staatsbürger*innen –  in Extremfällen sogar durch Außenministerien, die dazu auffordern, bis zu 20 Mal von derselben Nummer abzustimmen, wie Reuters 2025 etwa über Israel berichtete. Und doch mindert dies seine Popularität nicht: Mit regelmäßig über 160 Millionen Zuschauer*innen weltweit, einer Junior-Ausgabe und Teilnehmerländern jenseits Europas ist der ESC längst ein globales Medienereignis. 

Eisbrecher für Vielfalt? 

Der ESC wird häufig als „Gay Contest“ bezeichnet. Dabei inszeniert der ESC Diversität in den unterschiedlichsten Formen: musikalisch zwischen Ethno-Folk (moldauische Band Zdob și Zdub) und Elektropop (serbische Girlgroup Hurricane), ästhetisch zwischen traditioneller Tracht und futuristischer Performance, inhaltlich zwischen Ballade (Michał Szpak aus Polen) und bewusst provokanterInszenierung (Verka Serduchka aus der Ukraine). Vielfalt bedeutet hier kein Monopol einer Identität.  

Gleichzeitig ist der ESC seit den 1990ern bewusst zu einem wichtigen Resonanzraum für LGBTQIA+-Sichtbarkeit geworden. Als Dana International 1998 für Israel antrat und den Wettbewerb als erste offen trans Frau gewann, löste dies im Land heftige Proteste orthodoxer Gruppen aus, die bis hin zu Todesdrohungen reichten. Zugleich eröffnete ihr Auftritt jedoch auch eine landesweite Debatte überQueerrechte Jahrzehnte später nutzte Nemo 2024 die Bühne, um die Anerkennung nicht-binärer Identitäten einzufordern. Jahr für Jahr treten mehr offen queere Künstler*innen an: 2021 erreichte der Wettbewerb mit zehn queeren Acts einen Rekord. Und über 32 der 52 teilnehmenden Länder haben in den letzten Jahrzehnten mindestens einmal ein*e Repräsentant*in der LGBTQIA+-Community in den Wettbewerb geschickt. 

Zwischen Bühne und Gesellschaft 

Für queere Künstler*innen aus Ländern mit geringer institutioneller Unterstützung kann der ESC eine Form der Sichtbarkeit schaffen, die im nationalen Kontext kaum möglich wäre. Ein Blick auf die europäische „Rainbow Map“ der LGBTQIA+-Rechte zeigt dabei eine paradoxe Konstellation: Gerade in einigen besonders ESC-begeisterten Staaten ist die gesellschaftliche oder rechtliche Akzeptanzdieser Minderheit begrenzt. Der Wettbewerb hebt diese Widersprüche zwar nicht auf, aber er macht sie sichtbar. 

Viele queere Fans sehen den ESC als sicheren Raum für Selbstausdruck und Identitätsfindung. Künstler*innen wie der belgische Sänger Gustaph, dessen Performance von der Ballroom-Kultur inspiriert war, betonen, dass die Bühne und die Eurovision-Community den Mut geben, offen zur eigenen Identität zu stehen. Für junge LGBTQIA+-Menschen bietet der ESC eine mediale Spiegelung eigener Erfahrungen, oft in Zeiten, in denen sie im direkten Umfeld noch auf Ablehnung stoßen. 

Glitzer und Geopolitik 

So gilt der ESC seit langem als eine der sichtbarsten internationalen Plattformen für Inklusion und Diversität. Doch die politischen Rahmenbedingungen in Europa haben sich verändert. Gegenbewegungen zu Geschlechterdiversität und zunehmende Anfeindungen gegenüber LGBTQIA+-Communities stellen die Nachhaltigkeit dieser Fortschritte infrage. 2020 blieb Ungarn dem ESC fern; viele Medien führten dies auf eine ablehnende Haltung gegenüber der LGBTQIA+-freundlichen Ausrichtung des Wettbewerbs zurück. Bis heute bleibt das allerdings eine Ausnahme: Die meisten der diesjährigen Boykotts sind auf den Krieg Israels in Gaza zurückzuführen. 

Gleichzeitig wurde in Russland mit dem Intervision Song Contest ein alternatives Format wiederbelebt. Offiziell versteht er sich als kulturelle Plattform für Künstler*innen aus Russland und verbündeten Staaten. Faktisch dient er jedoch auch als Instrument geopolitischer Symbolpolitik. Russische Medien inszenieren den Intervision als Hüter „traditioneller“ Werte. In der staatlichen Rhetorik wird die westliche Betonung von Geschlechtervielfalt regelmäßig als moralischer Verfall diskreditiert; Kulturkampf und Außenpolitik greifen ineinander. 

Spiegel Europas?

Der ESC bewegt sich damit im Spannungsfeld zwischen Unterhaltung, Soft Power und gesellschaftlicher Selbstvergewisserung. Er ist damit weder reine progressive Utopie noch bloßes Spektakel, vielmehr aber ein Seismograph europäischer Konfliktlinien: zwischen liberalen und konservativen Identitätsentwürfen, zwischen nationaler Selbstinszenierung und supranationalem Werteanspruch. Als Wettbewerb der Lieder und Wettbewerb der Werte inszeniert sich der ESC in Glitzer, Licht und meist eingängiger Popmusik. Die zentrale Frage lautet aber: Kann er weiterhin als Leuchtturm der Inklusion fungieren oder wird er zunehmend zum Spiegel einer polarisierten Realität? Auch wenn offiziell betont wird, Politik und ESC nicht zu vermischen, wird die Antwort auf diese Frage letztlich aus der gesellschaftspolitischen Dynamik kommen. 

Malwina Talik ist Analystin mit den Schwerpunkten Geopolitik, demokratische Resilienz, hybride Bedrohungen und Geschlechtergerechtigkeit in Mittel- und Osteuropa. Bis Mitte April 2026 war sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am IDM tätig. Seit ihrer Kindheit verfolgt sie regelmäßig den Eurovision Song Contest.

Intervision 2.0: Russlands antiwestlicher Gegenentwurf

Seit dem Ausschluss vom ESC sucht Russland nach neuen Wegen internationaler kultureller Präsenz. Die Wiederbelebung des Intervision Song Contest ist Teil dieser Strategie – und ein Versuch, eine antiwestliche kulturelle Ordnung zu etablieren, wie VITALY KAZAKOV schreibt. 

Dieser Artikel wurde in Info Europa 1/2026: Eurovision Song Contest im Donauraum: Kulturführer Mitteleuropa 2026 veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist hier abrufbar.

„Einheit durch Musik: Top-Künstler aus aller Welt kommen auf einer Bühne zusammen, um Millionen zu inspirieren und zu vereinen! Das neue Motto für den nächsten Eurovision Song Contest(ESC)? Im Gegenteil: Es ist der Slogan für den wiedereingeführten Intervision Song Contest. Ursprünglich während des Kalten Krieges als Alternative zum ESC im Ostblock konzipiert und 1980 eingestellt, erfuhr der Wettbewerb 2025 in Moskau eine internationale Neuauflage. Vertreter*innen aus insgesamt 22 Ländern aus Afrika, (Zentral-)Asien, Lateinamerika und dem Nahen Osten waren dabei, darunter auch aus China, Indien und Brasilien. Interessanterweise sollten auch die USA teilnehmen, doch nachdem schon der erste Künstler zurücktrat, sagte die nach ihm nominierte Künstlerin ebenfalls ab.  

Vom ESC seit der russischen Vollinvasion der Ukraine ausgeschlossen, nahm der Kreml die Wiederbelebung des Intervision sehr ernst. Der stellvertretende Ministerpräsident Dmitri Černyšenko, der auch für die Planung der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi verantwortlich war, wurde Vorsitzender des Organisationskomitees. Ebenfalls stark involviert war Konstantin Ernst, Leiter des halbstaatlichen russischen Fernsehsenders Erster Kanal” und Mitverantwortlicher für die Eröffnungsfeier von Sotschi. Die Russische Föderation trat mit dem Beitrag Prjamo po serdcu (dt. Direkt ins Herz) an, gesungen von einem umstrittenen Musiker mit dem Künstlernamen Shaman, der als einer der wichtigsten Propagandisten Russlands im kulturellen Bereich gilt.  

Kulturpolitik als geopolitisches Instrument

Der Intervision ist ein Paradebeispiel dafür, wie populäre Kultur- und Sportveranstaltungen strategisch eingesetzt werden. Dies ist weder neu noch ausschließlich auf die Russische Föderation beschränkt. So nutzte Katar die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 für die Festigung seiner Position als zentraler regionaler Knotenpunkt im Nahen Osten. Diese Projektion von Soft Power im Rahmen großer Meisterschaften oder Sportinvestitionen wird oft als „Sportswashing” bezeichnet. Narrative der nationalen Selbstdarstellung und ideologisch geprägte Diskurse stehen dabei oft im Widerspruch zu sozialen, wirtschaftlichen oder Umwelt-Bedenken. So stand etwa die Entscheidung der FIFA, US-Präsident Donald Trump mit dem FIFAFriedenspreis“ auszuzeichnen in krassem Gegensatz zur Rhetorik und den geopolitischen Handlungen seiner Regierung und sorgte für viel Kritik im Vorfeld der Fußball-WM, die diesen Sommer von den USA,Mexiko und Kanada ausgerichtet wird. 

Der Ausschluss Russlands aus der FußballWM und EM, den Olympischen Spielen, dem ESC sowie die Verbannung russischer Ballett- und Opernensembles von vielen Weltbühnen bringt den Kreml dazu, eigene Versionen dieser sportlichen und kulturellen Events zu organisieren wenn auch in viel kleinerem Umfang. Die Antwort Russlands auf den Ausschluss aus den FISU-Weltuniversitätsspielen war 2023 das Internationale Festival des Hochschulsports in Jekaterinburg. Geplant, und vom russischen Präsidenten Vladimir Putin bereits für 2024 angekündigt,waren auch die Welt-Freundschaftsspiele, die letztendlich auf unbestimmte Zeit verschoben wurden, da befürchtet wurde, dass sie trotz eines hohen Preisgeldes nicht genügend Spitzensportler*innen anziehen würden. Im Juni 2024 fanden in Kasan in der russischen Republik Tatarstan außerdem die BRICS-Spiele statt, mit Teilnehmenden aus 82 Ländern. Schon 2018 beschrieb der Geograph Sven Daniel Wolfe Russlands Nutzung solcher Sportveranstaltungen als eine neue Form des „Potemkinismus – benannt nach den Vorzeigedörfern, die im Russland der Kaiserzeit gebaut wurden, um Besucher*innen zu beeindrucken.  

Russlands antiwestliche Kulturfront 

Der Intervision Song Contest funktioniert ähnlich und könnte in Analogie zu „Sportswashing“ als „Songwashing“ bezeichnet werden. Der Wettbewerb soll das Regime von Putin legitimieren und gegenüber dem Publikum im In- und Ausland Normalität signalisieren, obwohl das Land einen erbitterten Angriffskrieg gegen seinen Nachbarsstaat führt. 

Gleichzeitig inszeniert sich der Intervision als klarer Gegensatz zum ESC. So erklärte der russische Außenminister Sergej Lavrov im Vorfeld in einer scheinbar direkten LGBTIQA+-feindlichen Anspielung auf den ESC, dass der Intervision frei von „Perversionen oder Beleidigungen der menschlichen Natur“ sein werde. Auch Putin betonte in seiner für den Wettbewerb aufgezeichneten Eröffnungsansprache den „Respekt vor traditionellen Werten und kultureller Vielfalt“. 

Wettbewerb mit Zukunftspotenzial? 

Oppositionelle russischsprachige Medien wie „Meduza“ bewerteten den Wettbewerb letztendlich als „eine sowjetisch anmutende Ausstellung befreundeter Länder“. Während es keine Überraschung ist, dass der Intervision weder dem russischen Sänger Shaman noch dem letztendlichen Gewinner, Đức Phúc aus Vietnam, zu globalem Erfolg verholfen hat, lohnt es sich, die Reaktionen des Publikums im Auge zu behalten – insbesondere außerhalb des Westens. Denn der Intervision ist für die Russische Föderation, aber auch China und Länder der Golfregion, ein Teil des Versuchs, eine antiwestliche Koalition und eine rivalisierende kulturelle Weltordnung aufzubauen.  

Für 2026 gibt es offenbar Pläne, den Intervision Song Contest in Saudi-Arabien stattfinden zu lassen. Deutet dies bereits auf die Entstehung einer alternativen Ordnung kultureller Veranstaltungen hin? Es bleibt abzuwarten, ob es dem Intervision tatsächlich gelingt, sich zu einer Nischenplattform zu entwickeln, die für einige Teile der Welt politisch und kulturell von Bedeutung ist oder ob er – wie schon das Original aus der Zeit des Kalten Krieges – wieder in Vergessenheit gerät. 

Eine frühere Version dieses Artikels erschien auf Englisch in The Conversation“.

Vitaly Kazakov ist ein Marie Skłodowska-Curie Actions European Postdoctoral Fellow an der Universität Aarhus in Dänemark. Seine Forschungsinteressen umfassen die mediale Vermittlung von Sport und populären Kulturveranstaltungen. Sein aktuelles Forschungsprojekt untersucht in vergleichender Perspektive die politischen Nachwirkungen großer Fußballturniere.

IDM Short Insights 58: German-Polish Friendship

Even though the history still throws its shadow over the German Polish relationship, on the 17th of June this year, both countries were willing to further deepen their friendship by a new bilateral agreement that will help to make combined military actions easier in the future. To learn more about what this agreement exactly covers in only 2 Minutes, watch this Video or read the transcription!

Transcript:
So, 35 years after the Treaty of Good Neighbour ship and friendly cooperation was signed between Poland and Germany, the two countries signed a new bilateral agreement on the 17th of June this year. The whole project aims to strengthen Natos eastern flank and to show that in times of prices with the Russian aggression towards Ukraine, the European countries stand together. 

First of all, it is important to note that this new bilateral agreement is not a new defence agreement between Germany and Poland. It just further deepens articles from NATO and from the EU. What the agreement exactly will help to ensure is that it will get easier to move military equipment and also soldiers easier and faster from country to country. And as already discussed, it’s really about cybersecurity. There is this joint command for the Baltic Sea. And all of this is to reinforce Poland’s eastern, so-called Eastern Shield, which runs along the border towards Russia and Belarus.   

This corporation is heavily shaped by the legacy of World War 2. So when the peace government was still ruling in Poland, the peace government asked Germany to pay one around €1.2 billion as a compensation for the occupation. During the Second World War, Germany always refused to pay this high amount of money. And it’s very likely, unfortunately, in the future that these historical tensions will come up again as Poland is looking at a new general election next year and peace might get power again. So this is something that throws a shadow over the agreement.

However, this agreement really shows the trust that European countries have towards each other and also the close cooperation on topics that and foster peace and stability as well as security within the EU. 

EU-Fortschritt, Regierungsrücktritte: Was die Ukraine und Moldau gerade verbindet und trennt – Sebastian Schäffer

Die Rücktritte in Chișinău und Kyjiw fallen in eine Phase neuer Bewegung im EU-Beitrittsprozess. Das ist kein Widerspruch. Aber es zeigt, dass europäische Integration politische Krisen nicht einfach überdeckt. Vor allem die Entlassung des Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow sorgt für Proteste.  

Es ist ein bemerkenswertes Timing: Während die EU-Beitrittsprozesse der Ukraine und Moldaus durch das Eröffnen des Cluster 6 am 14. Juli 2026 sichtbar vorankommen, sind in beiden Ländern innerhalb weniger Tage die Regierungen zurückgetreten. In Chișinău kündigte Premierminister Alexandru Munteanu seinen Rücktritt an; in Kyjiw trat Premierministerin Julija Swyrydenko im Zuge eines von Präsident Wolodymyr Selenskyj angestoßenen Regierungsumbaus zurück. 

Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich. Mehr Europa, mehr Stabilität, so lautet zumindest die naheliegende Erwartung. Doch sie greift zu kurz. Der EU-Beitrittsprozess ist kein Stabilitätsversprechen. Er ist zunächst einmal ein Belastungstest: für Institutionen, für politische Führung und für die Fähigkeit eines Staates, Reformen auch dann durchzuhalten, wenn Korruptionsvorwürfe, wirtschaftlicher Druck oder Krieg die politische Agenda dominieren. 

Schwer vergleichbare Rücktritte 

Die Ereignisse in Moldau und der Ukraine sollte man nicht gleichsetzen. 

In Moldau ist Munteanus Rücktritt vor allem ein Problem der Regierungsführung. Seine öffentliche Begründung blieb vage; im Hintergrund standen jedoch Korruptionsvorwürfe und eine Affäre um das staatliche Flugsicherungsunternehmen MoldATSA. Das ist politisch deshalb so heikel, weil die proeuropäische Regierung ihre Legitimität gerade aus dem Versprechen gezogen hat, mit den Mustern von Korruption, informellen Netzwerken und schwachen Institutionen zu brechen. 

Der Rücktritt ist daher nicht einfach eine Personalfrage. Er betrifft den Kern des moldauischen Reformversprechens: Kann eine Regierung, die Europa als strategisches Projekt versteht, auch im Alltag eines schwierigen Staates glaubwürdig anders regieren? Der politische Preis für fehlende Antworten ist hoch, nicht weil der EU-Kurs sofort kippt, sondern weil das Vertrauen in jene Kräfte erodieren kann, die ihn tragen sollen. 

Am kommenden Dienstag soll in Chișinău bereits ein neuer Premier bestätigt werden. Vorgezogene Neuwahlen sind dennoch unwahrscheinlich. Die Regierungsbildung liegt weiterhin bei der parlamentarischen Mehrheit. Erst wenn diese wiederholt scheitern würde, entstünde überhaupt ein verfassungsrechtlicher Weg zu Neuwahlen. Die politische Frage ist daher insbesondere, ob die proeuropäische Mehrheit die Krise rasch, glaubwürdig und institutionell bewältigen kann. 

In der Ukraine ist die Lage anders. Dort war der Rücktritt der Premierministerin kein Ausdruck eines offenen Zusammenbruchs der Regierung, sondern Teil eines von Selenskyj gesteuerten Umbaus. Die neue Regierung unter Serhij Korezkyj soll Energieversorgung, Rüstungsproduktion, Durchhaltefähigkeit und Koordinierung mit den internationalen Partnern stärker bündeln. 

Die Werchowna Rada hat Korezkyj und den Großteil des neuen Kabinetts bereits bestätigt. Offen bleiben das Außen- und das Verteidigungsressort. Für beide Positionen hat der Präsident das Vorschlagsrecht, die Rada muss den Kandidaten jedoch zustimmen. 

Auch in der Ukraine sind Neuwahlen derzeit keine Option. Unter dem geltenden Kriegsrecht dürfen nationale Wahlen nicht stattfinden. Solange der Krieg gegen die Ukraine andauert, Teile des Landes besetzt sind und keine ausreichenden Sicherheitsbedingungen bestehen, bleibt die politische Legitimation an die bestehenden Institutionen gebunden.1 

Warum Fedorow wichtig ist 

Der eigentliche Reibungspunkt in Kyjiw ist der Abgang von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow. Er stand für eine Seite der ukrainischen Kriegsführung, die weit über klassische Sicherheitslogik hinausgeht: Drohnen, Digitalisierung, schnellere Innovationszyklen, neue Formen der Beschaffung und eine technologische Modernisierung des Staates. 

Dass Fedorov nach nur wenigen Monaten im Amt gehen musste, hat deshalb öffentliche Kritik und Proteste ausgelöst. Nicht jeder populäre Minister muss im Amt bleiben. Aber in diesem Fall geht es um eine politische Frage, die über die Person hinausweist:  Bleibt die Fähigkeit zur Innovation der ukrainischen Strategie erhalten oder fällt sie einer stärker zentralisierten Sicherheit- und Kriegslogik zum Opfer? 

Der Fall Fedorow sollte auch nicht isoliert betrachtet werden. Bereits im Januar hatte Selenskyj den damaligen Chef des Militärgeheimdienstes Kyrylo Budanow an die Spitze des Präsidialamtes berufen. Budanow nahm diese neue Rolle an und wechselte damit vom Militärgeheimdienst in eine zentrale politische und diplomatische Koordinierungsfunktion. 

Das war auch deshalb bemerkenswert, weil Budanow zu den populärsten Persönlichkeiten des Landes zählt. Seine Berufung ins Präsidialamt kann als Versuch gelesen werden, eine einflussreiche und eigenständige Figur enger an das politische Zentrum zu binden. Sie kann aber ebenso bedeuten, dass Selenskyj gerade auf eine besonders glaubwürdige Persönlichkeit setzt, um das Präsidialamt in einer schwierigen Phase zu stärken. Die Motive lassen sich von außen nicht abschließend beurteilen. 

Fedorow hingegen übernahm keine neue Aufgabe. Trotzdem deuten die Fälle auf ein Muster hin: Selenskyj ordnet Schlüsselpositionen neu und bündelt politische, diplomatische und sicherheitspolitische Koordinierung stärker im Umfeld des Präsidialamtes. Unter Kriegsbedingungen ist das nicht ungewöhnlich. Doch es verändert auch die politische Balance innerhalb des Staates. 

Der Abgang Fedorows wiegt besonders schwer, weil nun gleich zwei für den weiteren Kriegsverlauf zentrale Positionen neu besetzt werden. Zum einen wird das Verteidigungsministerium nach Fedorovs Rücktritt neu geführt. Zum anderen soll Jewhen Chmara, der amtierende Leiter des ukrainischen Sicherheitsdienstes SBU, das Verteidigungsministerium übernehmen. Damit muss auch die Führung des SBU neu geordnet werden. 

 Das Verteidigungsministerium entscheidet über Beschaffung, Rüstungsproduktion und die Weiterentwicklung militärischer Fähigkeiten. Der SBU ist zentral für Spionageabwehr, den Schutz kritischer Infrastruktur, die Bekämpfung russischer Einflussoperationen und die Planung sensibler Operationen im Hinterland. Dass beide Spitzenpositionen nahezu gleichzeitig neu geordnet werden, kann für den Kriegsverlauf von erheblicher Bedeutung sein. 

Die neue Regierung wird darauf eine praktische Antwort geben müssen. An der Zukunft der Drohnenproduktion, an Beschaffungsreformen, an Transparenz und an der Rolle neuer Akteure im Verteidigungssektor wird sich zeigen, ob der Umbau tatsächlich mehr strategische Handlungsfähigkeit bringt oder ob er vor allem Macht und Verantwortung enger zusammenführt. 

Die Demonstrationen gegen Fedorovs Absetzung verdienen dabei besondere Aufmerksamkeit. In Kyjiw und anderen Städten gingen Menschen auf die Straße, um gegen die Entscheidung zu protestieren. Das ist kein Zeichen demokratischer Schwäche, sondern demokratischer Lebendigkeit. Gerade weil Wahlen während des Kriegsrechts nicht möglich sind, sind Parlament, Medien, zivilgesellschaftlicher Druck und öffentliche Kritik umso wichtiger. Dass Menschen auch im Krieg politische Entscheidungen offen hinterfragen, zeigt, dass die ukrainische Demokratie nicht auf einen künftigen Wahltermin vertagt wurde. Bereits im vergangenen Jahr waren Proteste gegen das Gesetz zur Antikorruptionsbehörde letztendlich erfolgreich. 

Gemeinsamer Stresstest 

Die Gemeinsamkeit zwischen Moldau und der Ukraine liegt also nicht in den Gründen für die Rücktritte. 

Moldau ringt mit Fragen von Integrität, Regierungsqualität und dem Vertrauen in die proeuropäische Transformation. Die Ukraine organisiert sich unter den Bedingungen eines fortdauernden Krieges neu und muss dabei militärische Effektivität, demokratische Legitimität und Reformfähigkeit miteinander verbinden. 

Aber in beiden Fällen gilt: Der europäische Weg macht politische Probleme nicht kleiner. Er macht sie sichtbarer. Gerade weil der Beitrittsprozess konkreter wird, steigen die Erwartungen, in Brüssel, aber auch in Chișinău und Kyjiw selbst. 

Das ist letztlich keine schlechte Nachricht. Es wäre gefährlicher, wenn die EU Fortschritte nur an eröffneten Verhandlungsclustern messen würde. Entscheidend ist, ob Reformen institutionell belastbar sind: ob sie einen Regierungswechsel überstehen, ob sie nicht an einzelnen Personen hängen und ob sie auch dann weitergeführt werden, wenn der politische Preis steigt. 

Was jetzt zählt 

Für Moldau bedeutet das: Die Nachfolgeregierung muss rasch zeigen, dass Integrität kein europäisches Schlagwort ist, sondern eine Frage konkreter politischer Verantwortung. Der Rücktritt Munteanus muss nicht den EU-Kurs beschädigen. Er kann aber zum Vertrauensverlust führen, wenn die strukturellen Ursachen der Krise ungelöst bleiben. 

Für die Ukraine bedeutet es: Die Regierung Korezkyj wird nicht nur daran gemessen werden, ob sie den Staat für den nächsten Kriegswinter effizienter aufstellt. Sie muss zugleich beweisen, dass zentrale Steuerung Innovation, Transparenz und öffentliche Unterstützung nicht verdrängt. Der Fortschritt Richtung EU bleibt für beide Länder strategisch entscheidend. Aber er entbindet sie nicht von der schwierigeren Aufgabe: einen Staat aufzubauen, der auch in Krisen funktioniert. 

1Welche Optionen für die Durchführung von Wahlen bestehen, erarbeiten wir gerade in einer neuen Studie am IDM, die voraussichtlich im Herbst erscheinen wird.

Sebastian Schäffer ist Direktor des IDM.

Wie(so) beim ESC siegen?

Weshalb nicht jeder Europas Wettsingen gewinnen will und ob heuer jemand aus dem Donauraum Chancen auf den Titel hat, erzählt MARIO LACKNER. 

Dieser Artikel wurde in Info Europa 1/2026: Eurovision Song Contest im Donauraum: Kulturführer Mitteleuropa 2026 veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist hier abrufbar.

35 Nationen treten 2026 auf der Bühne des Eurovision Song Contest (ESC) gegeneinander an – darunter zehn aus Mittel- und (Süd-)Osteuropa. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) orientierte sich bei der Konzeption des ESC vor 70 Jahren am Festival della Canzone Italiana in Sanremo, wo aus mehreren Einsendungen ein Gewinnerbeitrag gewählt wird. 1956 wurde dann beim allerersten ESC Lys Assia aus der Schweiz zur ersten Gewinnerin gekürt. Dass die Rundfunkanstalt des siegreichen Beitrags im darauffolgenden Jahr Gastgeberin wird, wurde 1957 Teil des Reglements. Dieser auf den ersten Blick sehr lukrative Anreiz den Grand Prix nach Hause zu holen, entpuppte sich alsbald als Bumerang. Schon 1960 und 1963 ließen die Vorjahressieger (Niederlande und Frankreich) die Ehre – und Mehrarbeit! – an sich vorüber gehen. In beiden Fällen übernahm die BBC die Organisation des ESC in London.  

Insbesondere Sender mit wenig Budget oder zu kleinen Veranstaltungshallen fürchten einen Triumph. In San Marino rätselt jedermann, wo das Festival stattfinden könnte, und in den Neunzigerjahren stand die irische RTÉ sogar vor dem Bankrott, da ihre Beiträge vier Mal auf Platz eins landeten! 

Betriebswirtschaftlich eine Katastrophe stellt der ESC volkswirtschaftlich einen Lottosechser dar – insbesondere ab der „Mega-Eventisierung“ zur Jahrtausendwende. Die Umwegrentabilität steigt stetig durch das Pilgern tausender Fans an den Ort des Geschehens und die Ausweitung des Spektakels ab 2004 bzw. 2008 auf zwei bzw. drei Live-Sendungen. So ist es auch nachvollziehbar, dass noch im Morgengrauen nach JJs Sieg Wiens Bürgermeister verkündete, dass Österreichs Hauptstadt nach 2015 auch 2026 bereit für den ESC sei, während der ORF zu grübeln begann, welche Formate neben Dancing Stars gestrichen werden müssten, um das Festival finanzieren zu können. 

Zwischen Prestige, Kostenfalle und Kalkül

Während für Städte ein Sieg pures Gold und grenzenlosen Enthusiasmus bedeutet, bleibt die größte TV-Show der Welt für den Gastgeber-Sender ein Mammutprojekt, das bei Möglichkeit doch lieber jemand anderes stemmen soll. Daher ist für die Sender eine Qualifikation fürs Finale und eine Platzierung unter den Top zehn oftmals Erfolgsziel genug. Dies erklärt vielleicht auch die gern kritisierte Qualität der Beiträge, die uns Jahr für Jahr PR-stark als wettbewerbsfit verkauft werden.

Mit ungebremstem Siegeswillen gehen nur wenige an den Start. Allen voran Schweden und das nachhaltig: kein Land gewann derart oft und verblüffend regelmäßig – durchschnittlich alle sieben Jahre seit 1974! Und sein Sender SVT scheint die Aufgabe jedes Mal begeistert in einer unterhaltsamen Melange aus Perfektion und Selbstironie zu meistern.  

Dass die „ESC bubble“ auch hoch politisch ist, illustrieren autoritäre Regierungen, die sie instrumentalisieren, um sich im Rampenlicht zu suhlen. Das zeigen die protzigen Austragungen des Festivals 2009 und 2012 in Russland und Aserbaidschan sowie ständige Interventionen durch den belarusischen Präsidenten Alexander Lukaschenko. Auch Jugoslawiens Führung kam die Trophäe 1990 kurz vor dem Kollaps der Vielvölkerföderation gerade recht, um in Zagreb die Illusion eines friedlichen Miteinanders aller Religionen, Sprachgemeinschaften und Teilrepubliken zu präsentieren. Konträr dazu dürfen die Siege der Türkei und der postsowjetischen Staaten Estland, Lettland und der Ukraine betrachtet werden. Diese stellten ab 2001 wichtige nationalkulturelle Meilensteine auf dem Weg europäischer Integration dar. Im Falle der Türkei war der Erfolg von 2003 Ausdruck einer damals noch stärkeren westlichen Orientierung, während Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan wieder deutlich auf Distanz geht und zwischenzeitlich sogar den Alternativwettbewerb Türkvizyon initiierte.

Chancen 2026: Wer spielt vorne mit?  

Doch wie steht es um die Karten für Österreich und die anderen Donau-Anrainerstaaten beim ESC 2026? 

Nach dem Sieg mit Wasted Love wird das heurige Lied Tanzschein voraussichtlich deutlich weniger Punkte für Österreich sammeln können. Der Sänger Cosmó erfüllt damit den Anspruch, das Land weder zu blamieren noch dem ORF ein zweites Mal hintereinander das kostspielige und arbeitsaufwändige Pop-Festival in den Jahreshaushalt zu katapultieren. Auch Deutschlands Fire, das wie zig andere Uptempo-Nummern der letzten Jahre den Charme des zypriotischen Beitrags Fuego von 2018 versprüht, wird nicht um Platz eins mitkämpfen. Recycling hat noch nie an die Spitze des ESC geführt und der innerhalb der ARD neu zuständige Südwestrundfunk kommt damit auch nicht in die Verlegenheit, gleich 2027 das Megaprojekt stemmen zu müssen. Kroatien hätte da schon mehr Lust, da der bis dato einzige ESC auf dessen Boden noch zu Zeiten Jugoslawiens stattfand. Mit dem sphärisch verstrahlten, ebenso Jahre zu spät kommenden Andromeda wird dies aber genauso wenig gelingen wie mit Serbiens Rammstein-Gedächtnisode Kraj mene (dt. Neben mir).  

Ähnlich steht es um den repetitiven Party-Song Viva Moldova, den Beitrag aus Rumänien Choke me mit Vampirmotiven und die restlichen Beiträge aus Ostmitteleuropa und donauabwärts: Polen und Tschechien brillieren mit radiotauglichen, aber wenig vielversprechenden Songs, Bulgarien bedient das Song-Contest-Tanzparkett und die Ukraine verliert langsam den Solidaritätsfaktor im Televoting. 

Erfolgsformel 

Wer es beim ESC wirklich wissen will, der muss spezifischer auf 3 S fokussieren: Song, Sänger*in, Show. Melodie und Arrangement müssen nicht absolut dem Zeitgeist entsprechen, da zu moderne Songs selten zu den erfolgreichsten Beiträgen zählen. Eingängig sollte er aber sein, leicht mitzupfeifen und entweder nach etwas mehr als 2 Minuten zu Ende sein oder in der dritten Minute mit einer kräftigen Überraschung aufwarten. Auch der* oder die* Sänger*in braucht vokaltechnisch nicht top of the pops sein, aber negativ auffallen war noch nie profitabel. Dana Internationals Platz eins für Israel 1998 war beispielsweise nur möglich, da ihr Chor ihren beschränkten Stimmumfang und die außergewöhnliche Stimmfarbe perfekt ergänzte. Und Elena Paparizou hätte Griechenlands bis dato einzigen Sieg 2005 nicht verwirklicht, wäre da nicht ein zypriotischer Backgroundsänger gewesen, der sie bei den zahlreichen Tanzsequenzen rettete. 

Bleibt noch das dritte S: die Show! Sie sollte die Story, die durch Song und Interpret*in verkörpert werden, illustrieren, aber nicht mit Bombast überladen. Ob dies aufregende Choreos, LED-Feuerwerke oder lediglich einen einzelnen Lichtkegel (reduzierte Kamerafahrten inklusive) erfordert, bleibt offen und ein bis zu den Proben vor Ort diskutiertes „Detail“. 

Das Rennen 2026 ist eröffnet und wenn Sie diese Zeilen lesen, wissen wir bereits, wer in den Wettquoten auf Platz eins und zwei liegt. Wird wie in den letzten Jahren einer dieser Beiträge den Wettbewerb für sich entscheiden? Oder erleben wir nach längerer Zeit mal wieder eine echte Überraschung? 

Mario R. Lackner ist Volksbildner (u.a. bis 2025 an der Wiener Urania), Moderator und in seiner Freizeit Singer/Songwriter. Er verfolgt den ESC seit 1989, gestaltete 2020 mit Martin Beischl die Liedtextausstellung „Poesie, 12 Points!“ und ist Autor dreier Sachbücher (darunter 2015 mit Oliver Rau „Friede, Freude, Quotenbringer“).

Foto: Verena Teuber

IDM Short Insights 57: Moldova’s European Future: Insights from Chișinău

As part of the Citizens for EU Enlargement (CitizEn) project, IDM Director Sebastian Schäffer and Research Associate Sophia Beiter are in Chișinău, Moldova, at a pivotal moment in the country’sEU accession process. Just days after the opening of Cluster 1 – Fundamentals, they share their reflections on Moldova’s progress towards EU membership, the reforms driving the process forward, and why it is important that citizens can already feel the benefits of European integration in their daily lives. Listen or read Sebastian and Sophia’s key takeaways from Chișinău.

Transcript:
2 days ago, on the 15th of June, Moldova officially started negotiations with the European Union. The Cluster One fundamentals was opened and after years of preparation, now there is the way open to a European future for kitchen up.  

But what does Cluster One actually cover? Fundamental rights, rule of law, judiciary independence and anti corruption reforms. Cluster one is the most important cluster. It opens 1st and is closed last. And the progress in this cluster determines the pace of the entire negotiations. What has been impressive is the speed that Moldova has shown on its way towards the European Union. They have finished the screening by the end of 2025 and are aiming to push through 70 acts of legislation until the end of 2026, which would enable them to close 8 to 9 chapters. 

The goal is to be fully ready for the end of the negotiations by 2028. But EU accession is not only about the treaties. Moldova already uses the Roam like at home since January 2026 and SEPA integration is completed. It is important that citizens feel the steps forward on the path towards European integration in their daily lives. And the perspective of citizens and the importance of citizen engagement is also the reason why we are here in Moldova. 

For the next few days, within our project Citizens for EU Enlargement, together with our partners from across Europe, we will discuss how to communicate the topic of EU enlargement better with citizens, especially citizens from EU enlargement skeptic EU countries.

IDM Short Insights 56: 4 Key Takeaways From the Rapid Response Summit

On 27 May, IDM Research Associate Ninon Bouteloup attended the “Rapid Response European Summit for Information Integrity and Countering Disinformation: From Early Signals to Rapid Response”, organised by România Imună under the High Patronage of the President of Romania. This exceptional event brought together civil society organisations, tech companies, ministers, researchers, and representatives from the EEAS, with perspectives from Romania, France, Ukraine, Moldova, the UK, and the US. Listen or read Ninon’s four key takeaways from the day.

Transcript:
Hello everyone, I am today at the Romanian Presidential Palace here in Bucharest. As you can see behind me for a special event, it is the Rapid Response Summit that is organized by Romania HIMUNA that is an opportunity for them to present their new initiative. Actually, they use digital technologies in order to better monitor and respond to FIMI spreads. So foreign information manipulation and interference, there is not only the remaining perspective here today, there is also Moldova, who was present with a representative from the Moldovan STRATCOM center.  

And one key point from her intervention that I got is actually the importance of building cohesion, because this is thanks to a strong determination at the society level that we can actually push back. To do this, it is very important to know the vulnerabilities of your society and also to agree on what we would like to defend, the democratic values that we would like to defend. This is part of the cognitive security that we should include in our curricula at school. 

The second point that I got from today is also the fact that we are no longer looking at the content of diinformation, at the what, but we are now looking at who. Who are the threat actors, at how? How do they spread these narratives, and at why? What are their goals? It’s very important and it also shows that now debunking and pre banking are no longer the solution alone, that they need also to include other actions such as, for instance, exposing and shaming threat actors.  

This is related to my third Point that is that actually we need to move from a defensive approach to now an offensive approach. We need to impose cost on the threat actors so that it becomes more costly for them to act. For instance, by exposing an IP address, we force them to move somewhere else. 

 My last point is actually to build trust in the society and for this we need transparency. It has been mentioned the case of France and for instance, the Visionary initiative that has sometimes been called a Ministry of Truth. It’s very important that we communicate on our methodologies, on why by publishing report, so that we show that actually how our goal is not to harm freedom of expression, but rather to ensure that we live in free and fair societies.”