Gemeinsames Engagement als größte Herausforderung und größter Erfolg

Die Bewahrung von Vielfalt und gemeinsames Handeln – das stand in Plovdiv 2019 ganz oben auf der Agenda. In ihrem Beitrag berichtet GINA KAFEDZHIAN, wie Plovdiv die Einbindung unterschiedlichster Gemeinschaften und Transformation städtischer Strukturen gelang.

Dieser Artikel wurde in Info Europa 1/2025: Wandel durch Kultur – 40 Jahre Europäische Kulturhauptstädte veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist hier abrufbar.

Plovdiv ist die zweitgrößte Stadt Bulgariens und berühmt für ihr kulturelles Erbe. Sie ist die älteste kontinuierlich bewohnte Stadt in Europa. Das Wunderbare und Bedeutende daran ist, dass mit dem Titel nicht gefeiert werden soll, was war oder was ist, sondern das, was auf dem Spiel stand und steht! Und in Bulgarien, im Donauraum, in unserem weiteren Europa und in unserer kostbaren Welt ist das: Vielfalt zu erkennen, zu leben und zu bewahren! Jede Kulturhauptstadt Europas – von der Idee über die Programmplanung bis hin zur Umsetzung – ist eine Kette dieser Vielfältigkeit: ein genreübergreifendes, vielschichtiges, mehrsprachiges, multikulturelles und multidirektionales Ökosystem.  

Diese Vielfalt und Verbundenheit wurde im Kulturhauptstadt-Programm von Plovdiv 2019 unter dem Motto „Together!“ (dt. „Gemeinsam!“) in Text, Musik, Tanz, Fotografie, Theater, Oper, Bildhauerei und Malerei realisiert und mithilfe von Dunkelheit, Licht, Berührung, Vibration, Stille, virtuelle Wahrnehmung und anderen Fäden der Verbindung zwischen uns umgesetzt. Dieses klare und universelle Motto fasst in einem Wort den Stolz und die größten Herausforderungen unseres Projekts zusammen: die Einigung als ständige bewusste Entscheidung und nicht als vorgegebenes Etikett.  

Die Kulturhauptstadt Plovdiv hatte vieles zu bieten: Tausende von Veranstaltungen, 1,2 Millionen Besucher, 39% Wachstum im Tourismus, 200 Millionen Euro an Einnahmen für die Stadt, 20 Millionen Euro Investitionen in die Kulturund 25% Anstieg bei der Gründung kultureller Organisationen. Damit geht das Jahr 2019 für Bulgarien in die nationale Kulturgeschichte ein. Bis heute investiert die Stadt in kulturelle Inhalte, um die nachhaltige und widerstandsfähige Entwicklung zu unterstützen. Das Motto „Together!“ ist weiterhin lebendig. 

Gegen Ausgrenzung, für Beteiligung 

Das Programm von Plovdiv wurde in vier Themenblöcke gegliedert, die jeweils mit dem kulturellen Erbe, der Geschichte, dem Lebensrhythmus und den Problemen und Klischees Plovdivs, die es zu überwinden gilt, verbunden waren: “Fuse” (dt. „Verbinden“), “Transform” (dt. „Transformieren“), “Revive” (dt. „Wiederbeleben“) und “Relax” (dt. „Entspannen“). Insbesondere “Fuse” war der Gemeinschaft gewidmet und beschäftigte sich mit der Integration von unterschiedlichen ethnischen Gruppen und Minderheiten. Verschiedene Generationen und soziale Schichten sollten zusammengebracht und Grenzen und Isolation überwunden werden.  

Im Programmcluster mit dem türkischen Titel “Mahala”, der einer der wichtigsten Initiativen von Plovdiv 2019, wurden die Rom*nja-Bevölkerung und die türkischen Gemeinschaften eingebunden. In Plovdiv wird die Rom*nja-Bevölkerung auf etwa 80.000 Menschen geschätzt. Ihre Gemeinschaften konzentrieren sich auf vier Stadtviertel, wobei Stolipinovo das größte Rom*nja-Viertel auf dem Balkan darstellt. Ziel des Programms war es, die Ausgrenzung und Stereotypen gegenüber Minderheiten und ihren Wohnorten einerseits zu überwinden,  und andererseits auch die Vorurteile der Minderheiten gegenüber dem Leben außerhalb ihrer Bezirke zu adressieren. Die Projekte im Rahmen dieses Clusters waren äußerst erfolgreich und erhielten das größte internationale Interesse seitens der Partnerorganisationen. 

Einen weiteren Höhepunkt stellte das Projekt “Medea” dar, das sich mit dem Drama von Euripides auseinandersetzte. Es ging um die Suche nach einer modernen Interpretation des Rechts auf Leben, den Prozess der Entscheidung, die Natur der Liebe und die Macht der Rache. Neben dem künstlerischen Schwerpunkt hatte das Projekt eine starke soziale Dimension durch die Zusammenarbeit von Persönlichkeiten aus der Welt des Theaters, Kindern verschiedener Ethnien in Plovdiv (Rom*nja, Türk*innen, Jüd*innen, Armenier*innen und Bulgar*innen), Studierenden und Auszubildenden ausverschiedenen humanitären und kreativen Bereichen. Das Projekt wurde mit dem “European Citizens’ Prize” 2020 für außergewöhnliche Leistungen ausgezeichnet.  

Plovdivs einzigartiges Engagement, als europäische Kulturhauptstadt Inklusivität zu zeigen und zu schützen und die Bevölkerung in einen kulturellen und bürgernahen Dialog einzubinden, hatte bemerkenswerte Erfolge. Die Erfahrung hat aber gleichzeitig auch die Komplexität und die Herausforderungen eines solchen Vorhabens deutlich gemacht. 

Revitalisierung alter Strukturen 

Plovdiv 2019 verband nicht nur Gemeinschaften, sondern öffnete auch städtische Räume für die Kultur. Die Diskussion über die Wahrnehmung städtischer Transformation durch Kultur wurde ermöglicht und vergessene oder verlassene städtische Orte wurden neu gedacht und belebt. Künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum, wissenschaftliche und kreative Arbeiten, Konferenzen, Workshops, Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen und Business-to-Art-Kooperationen zu den Themen Ökologie, Nachhaltigkeit, Bildung – das alles war und ist der Programmcluster “Urban Dreams”. So konnten selbst heruntergekommene oder früher kaum zugängliche Orte zu echten Aushängeschildern unseres künstlerischen Programms werden, darunter “Tabakstadt”, “Kapana Creative District”, das Kosmos-Kino, der Maritsa-Fluss und die Adata-Insel. Sie alle sind bis heute sehr populär, einige wegen ihrer erstaunlichen Entwicklung, andere gerade wegen des noch bestehenden Handlungsbedarfs. Ihnen gemeinsam ist Lebendigkeit und ständige Veränderung. 

Gerade die so entstandene „Tabakstadt“ und ihre Existenz im urbanen Geflecht ist ein Beispiel für die Notwendigkeit, sich gemeinsam für eine Sache einzusetzen! Das Projekt umfasste Lagerhäuser einer früheren Tabakfabrik, die verlassen waren, aber aufgrund ihrer einzigartigen Architektur weiterhin faszinierten. Im Rahmen des Projekts wurde das sechsstöckige ehemalige Tabaklagers renoviert und in ein kreatives und pädagogisches Zentrum umgewandelt, wo dann öffentliche Diskussionen, Ausstellungen, Festivals, Konzerte, Kinovorführungen und Fachforen stattfanden, sowie Co-Working-Spaces eingerichtet werden konnten. Es wurde eine spezielle Ausstellung über die Geschichte der Tabakindustrie und die Rolle der Frauen im Kampf für Arbeitnehmer*innenrechte organisiert. Die Zentrale von Plovdiv 2019 zog in die „Tabakstadt“, das Areal insgesamt wurde in die Europäische Route der Industriekultur aufgenommen und heute belegt die die Staatsoper Plovdivs einen Teil der Gebäude. Die „Tabakstadt“ hat gezeigt, dass über genreübergreifende künstlerische Aktionen, Installationen, Ausstellungen und Forschung ein untergehender Ort erhalten werden kann. Das Viertel wurde wiederbelebt und heute arbeitet das Nationale Institut für die Erhaltung des architektonischen Erbes mit privaten Eigentümer*innen der Gebäude zusammen, um die besten Lösungen für die weitere Revitalisierung zu finden. Und so steht die „Tabakstadt“ und die Initiativen für „Plovdiv 2019“ insgesamt für die Verwirklichung von Träumen, die Verbesserung der öffentlichen Verwaltung, die Erhaltung des kulturellen Erbes und seine Verbindung mit den Herausforderungen und Möglichkeiten der Gegenwart – und das alles „Gemeinsam!“. 

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Gina Kafedzhian studierte Ethnologie und Kunstmanagement und verfügt über umfassende Erfahrung und Fachwissen in den Bereichen Kulturtourismus und Projekt- sowie Eventmanagement. Sie war im Team der Kulturhauptstadt Plovdiv 2019 als Expertin für Projekte und Veranstaltungen und stellvertretende Programmdirektorin tätig.

Briefing on Parliamentary Elections in Bulgaria 2024

Read the briefing by Sophia Beiter here:

Also follow the discussion available on the YouTube channel of the IDM:

 

Air Schengen – progress or precedent?

Congratulations are in order for Romania and Bulgaria as they join the Schengen area, with the lifting of maritime and air border controls after years in the waiting room. However, there is a catch to this long-awaited moment. In their new entry on the IDM Blog, Sophia Beiter and Sebastian Schäffer explain what is problematic about this solution and why its gravity is not as substantial as announced.

Romania, Bulgaria and Austria have apparently made progress in their negotiations on the accession of the two Black Sea countries to the Schengen area. It has been reported that Austria may agree to the establishment of the so-called “Air Schengen” for Bulgaria and Romania as early as March 2024, which was proposed by the Federal Minister of the Interior Gerhard Karner earlier this month.

What is “Air Schengen”?

Partial Schengen entry by air would mean that passengers from Romania and Bulgaria would no longer have to fly to other Schengen countries via the international terminal. In terms of air (and sea) transport, Bulgaria and Romania would therefore be part of the Schengen area. However, border controls by land would continue.

In principle, opening the borders for air traffic represents progress in the protracted Schengen accession negotiations and is therefore to be welcomed. Nevertheless, “Air Schengen” does not replace full Schengen membership.

Why “Air Schengen” is not enough:

1. The agreement comes rather late, especially in view of the fact that the European Commission declared Bulgaria’s and Romania’s readiness to join the Schengen area back in 2011. A compromise like Schengen entry by air and/or sea could therefore have been struck over a decade ago and especially helped to avoid the diplomatic faux pas from last December, when Austria vetoed the accession. However, there is a strong possibility that the decision was ultimately not taken by Karner, but in the Federal Chancellery. In any case, such a compromise could potentially set a dangerous precedent. If additional barriers are added to the criteria that need to be fulfilled e.g. to join Schengen, this could ultimately be extended to other policy areas or enlargement in general. This compromise therefore not only creates an additional possibility to veto and thus extort countries but also contributes to a multi-layered, potentially two-class EU, which adds unnecessary complexity as well as frustration.

2. Border controls in air traffic affect far fewer people and are far less problematic in terms of waiting times, bureaucracy and CO2 emissions. Business travellers and tourists to and from Bulgaria and Romania may have less waiting time at the airport, but trucks will continue to get stuck at border controls for long periods of time. Even with the (mostly questionable) reintroduced border controls among Schengen members, the average waiting time between Upper Austria and Bavaria, for instance, is 20 minutes, compared to a mean six hours at the border to Romania and/or Bulgaria.

3. Austria has announced a number of conditions for the implementation of Romania’s and Bulgaria’s partial Schengen accession: an increase in the Frontex mission; more money, personnel and material for the protection of external borders; and that Romania and Bulgaria take in more asylum seekers, particularly from Afghanistan and Syria. While stricter border controls could be accepted by Romania and Bulgaria, the last demand is logistically and politically rather unrealistic. In mid-December, Prime Minister Denkov still vehemently rejected this “migrants for Schengen” offer. It also undermines to a certain extent the deal struck just over a week before on 20 December at the European Parliament, which commits the national governments of member states to show more solidarity and share responsibility regarding asylum and migration.

For more on the topic watch the discussion: The Future of the Schengen Area: Exploring its Enlargement.

Read the op-ed (in German) in Die Presse.

Eines der drängendsten Themen unserer Zeit

Warum das österreichische Veto gegen den Schengen-Beitritt von Bulgarien und Rumänien aus vielen Gründen kurzsichtig ist, erklären Sophia Beiter und Sebastian Schäffer im Gastkommentar in DiePresse.

Lesen Sie es hier.

 

Der Gastkommentar wurde in internationalen Medien rezipiert:

Capital

EURACTIV.ro

MASZOL

NewsMoldova

DCNews

G4Media.ro

IDM at the youth event “Young Danube Bridges”

On 19 September, Sophia Beiter attended the event “Young Danube Bridges” at the Collegium Hungaricum in Vienna. Organized by the regional cultural advisor from the Danube Swabian Central Musuem in Ulm, the seminar was part of the project “International Youth Encounters in the Danube Region” and aimed to facilitate the exchange of knowledge and ideas on key issues concerning the area. 

Participants from Germany, Hungary, Croatia, Montenegro, Romania, Bulgaria and Moldova came together to learn about the EU Strategy for the Danube Region. The young people, who are all learning German, presented their countries, brought some typical food from their region and gathered knowledge about the Danube region during creative games and interactive activities. Alongside the IDM, several cultural institutes and embassies of the respective countries were present at the event. 

Parliamentary Elections in Bulgaria 2023

Read the briefing by Sophia Beiter here:

 

Watch the Short Insight on Bulgaria’s new government here:

IDM Short Insights 25: Bulgaria’s New Government: Pro-European, Yet Divided

 

Two months after the parliamentary elections in Bulgaria, a new government has finally been formed. The conservative centre-right alliance GERB-SDS and the liberal alliance “Change Continues – Democratic Bulgaria” will form a joint 18-month government with rotating prime ministers. First, Nikolay Denkov from the liberals will become prime minister. After nine months Mariya Gabriel from GERB-SDS will succeed him. The new Bulgarian government is expected to pursue a pro-European agenda. At the same time, the alliances will have to bridge their differences to provide long-term stability for Bulgaria.


Transcript:

Bulgaria has formed a new government. For many this may come as a surprise and relief at the same time. The elections in April 2023 marked the fifth parliamentary election within a span of only 2 years. Now the winner of the election, the conservative centre-right alliance GERB-SDS, and the liberal alliance “Change Continues – Democratic Bulgaria” have reached an agreement. They will establish an 18-month joint government with rotating prime ministers. In a vote in parliament on 6 June, the government was confirmed with 131 out of 200 votes. First, the liberal’s former Education Minister, Nikolay Denkov, will assume the role of Prime Minister. After nine months he will be succeeded by former EU Commissioner Marija Gabriel from the conservative GERB-SDS.  

Bulgaria is in urgent need of stable governance. Whether the new government can provide long-term stability remains to be seen. The negotiations between the alliances were challenging. During the election campaign, the liberals firmly rejected any idea of a coalition with the conservatives. Talks even experienced a temporary freeze due to a leaked video of the liberals’ internal discussions. The deep divisions and lack of trust between the alliances are evident. But they also have some common goals. The new government will pursue a pro-European agenda. Bulgaria’s accession to the Schengen and the Eurozone are expected to be among the government’s primary objectives. Both alliances also support providing military aid to Ukraine. Regarding domestic concerns, a comprehensive reform of the judiciary system and combating corruption will be given top priority. It is now up to Denkov and Gabriel to overcome their differences.