
Ist die Punktevergabe beim ESC mehr als nur Ausdruck des musikalischen Geschmacks? Was es mit dieser Vermutung auf sich hat und welche wichtige Rolle hier die Balkanstaaten spielen, erklären ALINA SCHOENBERG, CHRISTOPHER SCHWAND, CHIARA FORAMITTI und DIMITRIOS IERAPETRITIS.
Dieser Artikel wurde in Info Europa 1/2026: Eurovision Song Contest im Donauraum: Kulturführer Mitteleuropa 2026 veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist .
Noch bevor der erste Ton erklingt, rätseln erfahrene ESC-Zuschauer*innen nicht nur über mögliche Gewinner*innen, sondern auch über die Punktevergabe. Erhält Griechenland erneut 12Punkte von Zypern und wird das Vereinigte Königreich diesmal mit mehr als zwei Punkten belohnt? Beim ESC ist die Abstimmung definitiv Teil der Unterhaltung – sie wird genauso aufmerksam verfolgt und gefeiert wie die Auftritte selbst. Abstimmungsergebnisse werden anschließend auch gerne kulturell und politisch interpretiert: Mag uns wirklich niemand? Warum sind wir bei Land X nicht mehr so beliebt? Haben manche Länder freundlichere Nachbarn als wir? Und ist die Abstimmung politischer als es der Wettbewerb eigentlich vorsieht?
Betrachtet man die Abstimmungsergebnisse beim ESC über die Jahre, so sind diese weit mehr als nur eine Geschichte des musikalischen Geschmacks. Sie spiegeln Nähe und Ferne, geben Hinweise auf Identität und Diversität sowie erzählen von Allianzen und Spaltung. Und das so laut, dass sie schon längst die Aufmerksamkeit von mehr oder weniger musikaffinen Forscher*innengeweckt haben.
Faszination der Punktevergabe
Wissenschaftliche Analysen der Daten zeigen, dass geografische Nähe, Migration und kulturelle Verbindungen der teilnehmenden Länder einen messbaren Einfluss darauf haben, wie Punkte beim ESC vergeben werden. Forschende unterscheiden häufig fünf große Abstimmungsblöcke: ein westlicher, ein östlicher, ein ostmediterraner, ein skandinavischer und ein Balkanblock, der meistens aus Serbien, Kroatien, Slowenien, Bosnien und Herzegowina, Nordmazedonien und Montenegro besteht. Bei genauer und kritischer Betrachtung erweisen sich zwei „Freunderlwirtschaften“ äußerst hartnäckig: der scherzhaft „Viking Empire“ genannte Norden und der Balkanblock. Letzterer gilt darüber hinaus als das am stärksten in sich geschlossene Netzwerk und hat die wenigsten Verbindungen mit anderen Abstimmungsblöcken.
Doch wie erfolgreich ist der Balkan im ESC wirklich? Musikalisch scheint er die Geschichte des ESC derzeit noch nicht zu dominieren. Schweden hat in seinen Teilnahmen seit 1957 knapp 7000 Punkte gesammelt, Italien und Frankreich über 5000. Serbien und Kroatien hingegen konnten über all ihre Teilnahmen hinweg weniger als 2000 Punkte ergattern. Die Untersuchung der Finalrunden allein ist dabei allerdings nicht ausreichend, da sie nicht berücksichtigt, dass manche Länder eine geringere Anzahl an Teilnahmen aufweisen. Viele Balkanländer waren aufgrund politischer Umbrüche zeitweise gar nicht im Wettbewerb vertreten oder nahmen erst spät in der Geschichte des ESC teil. Betrachtet man statt der absoluten Punktezahl also die Leistung der Balkanländer im Verhältnis zu ihren Teilnahmen, so wird deutlich: der Erfolg des Balkans wird unterschätzt. Setzt man nämlich die in den Finalrunden ersungenen Punkte ins Verhältnis zu den maximal möglichen Punkten, so erreicht das ehemalige Serbien und Montenegro den Höchstwert von 45% der erreichbaren Punkte. Viele Balkanländer kommen auf einen Wert von 15% bis 20%und schneiden damit besser ab als erprobte Teilnehmer wie Spanien, Portugal oder Belgien. In anderen Worten: erreichen Balkanländer das Finale, so werden ihre Beiträge durchaus reich mit Punkten belohnt.
Punkte für den Nachbarn
Auch das Abstimmungsverhalten der Balkanländer selbst verrät vieles. Ein Blick darauf, wie oft ein Land seine „twelve points“, also die maximale Punkteanzahl, an das spätere Gewinnerlied vergibt, zeigt, wie stark die eigene Wahl mit dem europäischen Gesamtkonsens übereinstimmt. Lettland vergibt seine Höchstwertung in jedem dritten Wettbewerb an den oder die Gewinner*indes ESC. Bei Schweden, der Schweiz oder dem Vereinigten Königreich passiert dies ungefähr bei einem Viertel ihrer Teilnahmen. Serbien hingegen hat in 17 Abstimmungsjahren nur einmal seine 12 Punkte an den späteren Siegerbeitrag vergeben, Kroatien nur dreimal in 30 Abstimmungen.
Insgesamt zeigen diese Zahlen ein einfaches und dennoch auffälliges Muster: Wenn Balkanländer teilnehmen, schneiden sie üblicherweise gut ab, bestimmen jedoch selten dieGewinner*innen. Individuell profitieren sie vom Abstimmungssystem, ohne das Endergebnis wesentlich zu beeinflussen. Je mehr Balkanländer teilnehmen, desto stärker werden die regionalen Unterstützungsstrukturen innerhalb des Netzwerkes.
Hinzu kommt der Einfluss großer Diaspora-Gemeinschaften in Ländern wie Österreich, Deutschland oder in der Schweiz, deren Stimmen oft weiterhin kulturelle Verbindungen zuHerkunftsregionen widerspiegeln. Besonders sichtbar werden diese Muster im Televoting, also bei der Abstimmung des Publikums, während die Jurys tendenziell etwas stärker zum europäischen Konsens beitragen.
Kulturelle Nähe zählt
Was lässt sich also aus all dem über den ESC lernen? Der ESC ist auch eine Bühne kultureller Soft Power, also der Fähigkeit einzelner Länder, durch Musik, Image und kulturelle Ausstrahlunginternationale Aufmerksamkeit und Sympathie zu gewinnen ohne politische oder wirtschaftliche Macht einzusetzen. Wie diese kulturelle Ausstrahlung wahrgenommen wird, zeigt sich nicht nur auf der Bühne, sondern auch in der Punktevergabe. In Nord- und Westeuropa ist das Abstimmungsverhalten stärker auf Konsens ausgerichtet. Favorit*innen werden oft früh erkannt und Gewinner*innen gemeinsam unterstützt.
Die Abstimmungskultur der Balkanländer hingegen spiegelt kulturelle Nähe, ähnliche musikalische Vorlieben, eine gemeinsame Geschichte sowie Diaspora-Verbindungen wider. Gemeinsamebzw. ähnliche Sprachen und Traditionen haben kulturelle Gemeinschaften geschaffen, die durch politische Grenzen nicht verschwunden sind. Ihr Abstimmungsverhalten zeigt eine gemeinsame Vergangenheit und ist stärker von Identität und Geschmack geprägt als vom resteuropäischen Mainstream.
Die besondere Stärke des Wettbewerbs liegt darin, dass der ESC gleichzeitig als Symbol europäischer Einigkeit und Plattform europäischer Vielfalt wirkt. Die Balkanländer erinnern bei der Vergabe ihrer 12 Punkte daran, dass ihnen lokale Identität und kulturelle Nähe wichtig sind. Damit macht die Eurovision-Abstimmung sichtbar, dass das europäische Publikum ein Mosaik aus Vorlieben ist, das von Geschichte, Migration, geographischer Nähe und kulturellen Verbindungen geprägt ist. Und deshalb sind die berühmten „twelve points“ mehr als nur ein Wettbewerbssignal – sie sind kleine Botschaften darüber, wie Europa wirklich tickt.
Alina Schoenberg ist Forschungsprofessorin für Kohäsion, Resilienz und Demokratie in Europa an der IMC Krems. Ihre Forschungsinteressen konzentrieren sich auf regionale und urbane Entwicklung, politische Unzufriedenheit und Wahlverhalten sowie Euroskeptizismus.
Christopher Schwand ist Institutsleiter und Professor an der IMC Krems. Seine Forschung beschäftigt sich mit den transformativen Auswirkungen technologischen Wandels und globaler Herausforderungen.
Chiara Foramitti arbeitet seit über drei Jahren beim Österreichischen Integrationsfonds. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich Handel und internationale Politik.
Dimitrios G. Ierapetritis ist Gastforscher an der IMC Krems und Mitglied des Lehrpersonals an der Panteion University of Social and Political Sciences. Seine Forschungsinteressen konzentrieren sich auf regionale und lokale Entwicklung, geografische Netzwerke und Entrepreneurship.