In einem Interview mit der portugiesischen Wochenzeitung Expresso, einer der wichtigsten Qualitätszeitungen des Landes, analysiert Sebastian Schäffer, Direktor des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM), die umstrittene Entscheidung der Münchner Sicherheitskonferenz, Abgeordnete der AfD nach zweijähriger Pause wieder einzuladen. Schäffer warnt vor einer „komplexeren und riskanteren Phase” für Deutschland an der Schnittstelle von Innenpolitik und internationaler Sicherheit.
Die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) hat erstmals seit zwei Jahren wieder Abgeordnete der rechtsextremen Alternative für Deutschland (AfD) zu ihrem jährlichen Treffen im Februar 2026 eingeladen. Die Entscheidung erfolgte nach massiver Kritik von US-Vizepräsident J.D. Vance, der im Februar 2025 den Ausschluss der AfD als Einschränkung der Meinungsfreiheit verurteilte. Die Einladung an eines der wichtigsten internationalen Sicherheitsforen wirft grundlegende Fragen über die Normalisierung rechtsextremer Parteien in Europa auf.
Vances Druck und die Konferenz-Logik
„Einer der Gründe ist die langjährige Selbstwahrnehmung der Münchner Sicherheitskonferenz, ein Forum zu sein, das geopolitische und politische Realitäten widerspiegelt, anstatt eine Gemeinschaft gemeinsamer demokratischer Werte zu sein”, erklärt Schäffer gegenüber Expresso.
Der IDM-Direktor sieht die Entscheidung als direkte Reaktion auf Vances Intervention: „Dieser Ansatz hat Wurzeln in der Rede des US-Vizepräsidenten selbst, die die Konferenz aufgenommen und verarbeitet hat. Das signalisierte die Bereitschaft, polarisierende Positionen einzubinden, anstatt sie zu konfrontieren.”
Im Februar 2025 hatte Vance auf der MSC erklärt, die größte Bedrohung für Europa komme „von innen” und kritisierte scharf den Umgang mit Meinungsfreiheit in Europa. Wenige Tage später traf er sich am Rande der Konferenz mit AfD-Co-Chefin Alice Weidel, während er eine Einladung von Bundeskanzler Olaf Scholz ablehnte.
Zwischen strategischem Dialog und demokratischen Normen
„Die regelmäßige Präsenz chinesischer Delegationen verstärkt die Vorstellung, dass die Münchner Sicherheitskonferenz nicht als liberal-demokratischer Club konzipiert ist, sondern als Raum für strategischen Dialog zwischen politischen Systemen”, analysiert Schäffer. In diesem Kontext, und mit der AfD fest im deutschen Parteiensystem verankert, hätten die Organisatoren „den fortgesetzten Ausschluss als inkonsistent mit ihrer eigenen Logik eingeschätzt”.
Doch die Entscheidung hat eine problematische externe Dimension: „Gleichzeitig wachsen die Wahrnehmungen, dass Teile der gegenwärtigen amerikanischen politischen Landschaft offen mit der AfD sympathisieren, was eine externe Dimension zu dem hinzufügt, was formal als prozedurale Entscheidung präsentiert wird”, warnt der Politologe.
Wachsende Spannung zwischen internationalen und nationalen Interessen
„Es ist notwendig, eine wachsende Spannung zwischen den Logiken des internationalen Engagements und den internen demokratischen Sensibilitäten anzuerkennen”, betont Schäffer. „Internationale Akteure priorisieren häufig Zugang und Dialog, auch wenn sie kontroverse Kräfte einbeziehen, während die deutschen politischen Debatten von historischer Verantwortung, verfassungsrechtlichen Normen und Bedenken hinsichtlich der inneren Sicherheit geprägt bleiben.”
Die Komplikationen für die deutsche Politik liegen auf der Hand: „Wenn internationale Partner wie die USA oder politische Persönlichkeiten Sympathie für eine Partei zeigen, die unter verfassungsrechtlicher Prüfung steht, verkompliziert das zwangsläufig die interne Entscheidungsfindung”, so Schäffer.
Indirekte Druckausübung auf nationale rote Linien
„Der Fall der Münchner Sicherheitskonferenz zeigt, wie die internationale Dynamik indirekten Druck auf nationale rote Linien ausüben kann, selbst wenn keine formale Einmischungsabsicht besteht”, erklärt der IDM-Direktor. Die AfD, die im Mai 2025 vom Bundesverfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem” eingestuft wurde, liegt in mehreren ostdeutschen Bundesländern in Umfragen vorn.
„In jedem Fall verstärkt die Entscheidung die Wahrnehmung, dass Deutschland in eine komplexere und riskantere Phase eintritt, was den Umgang mit radikalen politischen Akteuren an der Schnittstelle zwischen Innenpolitik und internationaler Sicherheit betrifft”, warnt Schäffer.
Legitimität versus Kontrolle
Der Experte sieht ein grundlegendes Dilemma: „Der Ausschluss könnte Narrative der Viktimisierung und angeblichen Zensur verstärken, während die Einbeziehung es ermöglicht, dass Positionen öffentlich diskutiert werden”. Allerdings gibt es einen entscheidenden Nachteil: „Die Teilnahme an einem hochrangigen Sicherheitsforum verleiht symbolische Legitimität und ein gewisses Maß an Vertrauen”.
Sicherheitsbedenken bei parlamentarischer Kontrolle
Besonders problematisch wird es laut Schäffer, wenn „eine Partei wiederholt parlamentarische Anfragen nutzt, um die Sicherheitsinfrastrukturen und Verteidigungsfähigkeiten Deutschlands auszuloten”. „Obwohl Kontrolle ein demokratisches Recht ist, wirft der kontinuierliche Fokus auf sensible Sicherheitsfragen durch eine Partei, die an pro-russischen Narrativen ausgerichtet ist, legitime Bedenken auf”, betont der Politologe.
Die Grenze zwischen demokratischer Kontrolle und Sicherheitsrisiko ist klar: „Wenn eine solche Aktivität von ausländischen Akteuren koordiniert oder ausgenutzt würde, wäre dies keine Frage der Meinungsfreiheit mehr, sondern eine Frage der Sicherheitsverantwortung”, mahnt Schäffer.
Souveränität in alle Richtungen
Abschließend fordert der IDM-Direktor Reziprozität: „Der Respekt vor der Souveränität muss in alle Richtungen angewandt werden. So wie die Vereinigten Staaten ausländische Einmischung in ihre Innenpolitik ablehnen, hat Deutschland ein starkes Interesse daran sicherzustellen, dass seine eigenen demokratischen Prozesse und Sicherheitsdebatten frei von äußeren Einflüssen bleiben”.
Die MSC findet traditionell Mitte Februar in München statt und versammelt Staats- und Regierungschefs, Außen- und Verteidigungsminister sowie hochrangige Militärs aus aller Welt. Rund zehn AfD-Abgeordnete sitzen im Bundestag in den Ausschüssen für Auswärtige Angelegenheiten und Verteidigung.
Der vollständige Artikel ist hier abrufbar:
https://expresso.pt/internacional/alemanha/2025-12-31-convite-polemico-em-munique-reforca-fase-mais-complexa-e-arriscada-para-a-alemanha-afd-no-forum-de-seguranca-internacional-ab841d15