Am 23. Juni 2026 fand die Generalversammlung des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM) in den Räumlichkeiten des Instituts in Wien statt. Neben den Mitgliedern des IDM waren auch interessierte Gäste eingeladen, an der Veranstaltung teilzunehmen. Im Mittelpunkt stand ein Vortrag von Dr. Peter Filzmaier, Professor für Demokratiestudien und Politikforschung an der Universität für Weiterbildung Krems, zum Thema: „Wir sind EU? Ja, vielleicht, ein bisschen, von Herzen, mit Schmerzen, oder gar nicht?“
Die Generalversammlung wurde durch Begrüßungsworte von Mag. Friedrich Faulhammer, Vorsitzender des IDM-Vorstandes, eröffnet. Anschließend widmete sich Dr. Filzmaier in seinem Vortrag der Frage, wie die österreichische Bevölkerung zur Europäischen Union steht und welche Faktoren das Bild der EU in Österreich prägen.
Fünf Thesen zur Beziehung Österreichs mit der EU
Zu Beginn stellte Filzmaier fest, dass die Zustimmung zur Europäischen Union in Österreich häufig unterschätzt werde. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung blickt eine Mehrheit der Bevölkerung positiv auf die EU. Rund 60 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher sehen die europäische Integration optimistisch.
Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags war die enge Verflechtung von EU-Politik und nationaler Politik. Filzmaier widersprach der weit verbreiteten Annahme, Brüssel habe wenig mit dem Alltag der Menschen zu tun. Vielmehr beeinflusse die EU zahlreiche Bereiche des täglichen Lebens – von Konsum und Arbeit bis hin zu Umwelt- und Gesundheitsstandards. Mit der pointierten Aussage, man habe nur dann nichts mit der EU zu tun, wenn man „nicht mehr atme, trinke, einkaufe oder arbeite“, verdeutlichte er die Allgegenwärtigkeit europäischer Politik.
Als dritte zentrale Herausforderung identifizierte Filzmaier Defizite in der politischen Bildung. Vielen Bürgerinnen und Bürgern fehle grundlegendes Wissen über die Funktionsweise der EU sowie über deren konkrete Leistungen und Erfolge. Dadurch werde die Union häufig kritischer wahrgenommen, als es die tatsächlichen Erfahrungen rechtfertigen würden.
Eng damit verbunden sei die Frage der europäischen Identität. Aufgrund ihrer kulturellen, sprachlichen und politischen Vielfalt falle es der EU schwer, ein gemeinsames Zugehörigkeitsgefühl zu schaffen. Die Europäische Union werde von den Bürgerinnen und Bürgern ihrer Mitgliedstaaten unterschiedlich wahrgenommen, was die Ausbildung einer gemeinsamen europäischen Identität erschwere.
Die vierte These befasste sich mit dem zunehmenden Skeptizismus gegenüber politischen Institutionen. Zwar sei ein wachsendes Misstrauen gegenüber der EU festzustellen, dieses sei jedoch Teil eines allgemeinen Trends sinkenden Vertrauens in politische Akteure und Institutionen. Trotz dieser Entwicklung bestehe in Österreich weiterhin keine breite Unterstützung für einen Austritt aus der Europäischen Union.
Medien, Kommunikation und das Bild der EU
Als fünften Faktor für die öffentliche Wahrnehmung der EU nannte Filzmaier die heutige Medienlandschaft. Negative Nachrichten würden häufig größere Aufmerksamkeit erzielen als positive Entwicklungen. Dies erschwere es, die zahlreichen Erfolge europäischer Zusammenarbeit sichtbar zu machen.
Zudem kritisierte er die Kommunikationsstrukturen europäischer Institutionen. Langsame Entscheidungsprozesse und teilweise veraltete Kommunikationswege erschwerten es der EU, ihre Arbeit zeitgemäß zu vermitteln. Nach Ansicht Filzmaiers werde noch immer zu wenig in die Modernisierung dieser Strukturen investiert.
Besonders problematisch sei außerdem die Darstellung europäischer Politik auf nationaler Ebene. Neue EU-Regelungen würden häufig als Entscheidungen „aus Brüssel“ präsentiert, obwohl sie maßgeblich von den Mitgliedstaaten selbst mitgestaltet werden. Dadurch entstehe der Eindruck, die EU handle unabhängig von den nationalen Regierungen. Tatsächlich, so Filzmaier, seien europäische Entscheidungen das Ergebnis gemeinsamer politischer Prozesse der Mitgliedstaaten. EU-Politik sei daher immer auch nationale Politik.
Diskussion mit dem Publikum
In der anschließenden Fragerunde wurde insbesondere die Bedeutung politischer Bildung hervorgehoben. Die größte Herausforderung bestehe nicht in der Kritik an der Europäischen Union, sondern darin, Menschen zu erreichen, die sich kaum oder gar nicht mit europäischen Themen beschäftigen. Fehlendes Wissen über die EU könne dazu führen, dass ihre Leistungen im Alltag übersehen werden und Falschinformationen leichter Verbreitung finden.
Mehrfach wurde betont, dass die Europäische Union zahlreiche Bereiche des täglichen Lebens beeinflusst und daher nicht als von der österreichischen Politik getrennt betrachtet, werden könne. Das Verständnis dieser Zusammenhänge sei eine wichtige Voraussetzung für eine informierte öffentliche Debatte über Europas Zukunft.
Rückblick auf ein erfolgreiches IDM-Jahr
Im zweiten Teil der Generalversammlung präsentierte Friedrich Faulhammer gemeinsam mit IDM-Direktor Sebastian Schäffer den Tätigkeitsbericht des IDM. Aufgeteilt war dieser Bericht in 5 Ps: Plattform, Publikationen, Projekte, Podiumsdiskussionen und Politik-Analyse.
Mit 102 Auftritten in 50 verschiedenen Medien sowie mehr als 6.000 Teilnehmer*innen bei insgesamt 62 Veranstaltungen konnte das Institut auf ein erfolgreiches und produktives Jahr zurückblicken. Zusätzlich veröffentlichten 44 Autoren rund 345 Seiten. Besonders hervorgehoben wurde die Publikation „Scenarios for the 2026 Hungarian Parliamentary Elections“ von IDM-Direktor Sebastian Schäffer und Péter Techet, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am IDM, die große Aufmerksamkeit erzielte.
Von den 6, vom IDM begleiteten Projekten, wurde das Projekt CAST (Culture trAnSforming communiTies and economies), betreut von Rebecca Thorne, Merve Duman und Elena Marko, für seinen Beitrag zur kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung der Donauregion gewürdigt.
Nach den Berichten der Rechnungsprüfer für die Jahre 2024 und 2025 wurde der Vorstand einstimmig entlastet. Den Abschluss der Generalversammlung bildete ein Ausblick auf zukünftige Veranstaltungen und Projekte des IDM, bevor die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Abend bei Erfrischungen in informeller Atmosphäre ausklingen ließen.





