logo web
IDM News   Montag, 14 März 2022

Nachruf: Trauer um einen großen (Mittel)Europäer

Trauer um einen großen (Mittel)Europäer
Das Institut für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM) trauert um seinen Vorstandsvorsitzenden, Vizekanzler a.D. Dr. Erhard Busek. Wie seine Familie am Montag bekannt gegeben hat, ist dieser in der Nacht vom 13. auf den 14. März 2022 verstorben. Diese Nachricht erfüllt uns mit tiefer Trauer. Ein Nachruf.
Als uns die Nachricht vom Ableben Erhard Buseks am Institut erreichte, war die erste Reaktion vieler KollegInnen ähnlich: Zuerst Sprachlosigkeit, dann der schnelle Gedanke: Ausgerechnet jetzt, wenn in Mitteleuropa die Bomben fallen! Erhard Busek hatte sich vom Kriegsausbruch in der Ukraine im Februar 2022 tief betroffen gezeigt. Die Nachrichten und Bilder aus Kyjiw, Lwiw, Mariupol und anderen Städten ließen bei ihm, der am 25. März 1941 in Wien geboren wurde, Kindheitserinnerungen der Nachkriegszeit wach werden. Frieden und Stabilität auf dem europäischen Kontinent bildete zeit seines Lebens eine Maxime, die er in all seinen Funktionen und Tätigkeiten nicht aus den Augen verlor. Sei es als Politiker, Intellektueller, Osteuropa- und Balkan-Kenner sowie in seinem vielfältigen kulturellen und gesellschaftspolitischen Engagement, etwa als ehemaliger Präsident des Europäischen Forum Alpbach, dem er bis zuletzt als engagierter Ehrenpräsident treu blieb.
Politische Laufbahn
Busek besuchte das humanistische Bundesgymnasium Wien XIX und legte 1959 mit Auszeichnung die Matura ab. Sein anschließendes Studium der Rechtswissenschaften, das er auch als Werkstudent absolvierte, schloss er 1963 mit der Promotion zum Dr. jur. ab. Seine politische Laufbahn begann Busek 1964 als Zweiter Klubsekretär der Österreichischen Volkspartei (ÖVP). 1968 wechselte er in die Bundesleitung des Österreichischen Wirtschaftsbundes, war ab 1969 dessen stellvertretender Generalsekretär und 1972-1976 dessen Generalsekretär. Ab 1975 saß er für die ÖVP im Nationalrat und wurde im selben Jahr zum neuen Generalsekretär der Partei bestellt. Er gab dieses Amt ein Jahr später wieder ab, nachdem er zum Landesparteiobmann der Wiener Volkspartei gewählt worden war. Seit 1976 war Busek auch Stadtrat in Wien und wurde Vizebürgermeister im Wiener Rathaus. Um sich ganz seiner kommunalpolitischen Arbeit widmen zu können, legte er 1978 sein Nationalratsmandat nieder. Im Februar 1980 wurde Busek stellvertretender Bundesparteiobmann der ÖVP, im Mai 1981 rückte er außerdem in das Präsidium des ÖVP-Wirtschaftsbundes ein.
Busek engagierte sich darüber hinaus in vielen Politikfeldern, unter anderem in der Umwelt- sowie Bildungs- und Gesundheitspolitik und weiterhin als glänzender Kenner der Mittel- und Osteuropa-Politik. 1989 erhielt Busek das Amt des Wissenschaftsministers und 1991 das des Vizekanzlers. Als Wissenschaftsminister strebte Busek 1992 mit dem umstrittenen Entwurf für ein neues Universitätsorganisationsgesetz (UOG) und einer Studienreform die “Emanzipation der Universitäten weg von der jahrhundertealten Tradition der Regelungssucht in diesem Bereich" an. 1994-1995 übernahm er die Funktion des Ministers für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten.
Nach seinem Ausscheiden aus der Regierung nahm Busek zunächst seine Arbeit im Nationalrat wieder auf, legte das Mandat aber bereits im Juli 1995 wieder nieder. Eine neue Aufgabe abseits der aktuellen Tagespolitik fand er am Wiener „Institut für den Donauraum und Mitteleuropa", dessen Vorsitzender er war. Sein Büro in der Hahngasse im 9. Bezirk war bis zuletzt nicht nur Treffpunkt für internationale politische Gäste und JournalistInnen aus der Region, sondern auch für Ratsuchende und all jene, die Expertise und Kontakte in Ost-, Mittel- und Südosteuropa suchten. Vor allem war das Büro dank der herzlichen Gastfreundschaft von Buseks Assistentin und langjähriger Mitarbeiterin Gabriele Buchinger immer ein Ort der offenen Türen und Gespräche.
Grenzenloses Engagement für Ost-, Mittel- und Südosteuropa
Schon in den 1960er Jahren reiste Erhard Busek in die Länder hinter dem Eisernen Vorhang, um sich sein eigenes Bild von den dortigen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen zu machen. Er unterhielt Beziehungen zur Opposition des Prager Frühlings 1968 in der Tschechoslowakei, war Mitglied der DissidentInnenbewegung „Charta 77“ und auch privat eng vernetzt mit Bürgerbewegungen und oppositionellen Gruppen im ehemaligen Ostblock. Nach 1989 genoss Busek daher großes Vertrauen bei den neuen politischen Verantwortlichen. Im Dezember 1996 wurde er zum Koordinator der im Dayton-Abkommen vorgesehenen „Southeast European Cooperative Initiative“ (SECI) ernannt und übernahm damit die Förderung einer grenzüberschreitenden Wirtschaftskooperation von zehn Balkan-Staaten. 
Im März 2000 wurde er zum „Regierungsbeauftragten für die EU-Erweiterung“ ernannt. Buseks Aufgabe bestand darin, zum einen den Beitrittskandidaten die österreichischen Positionen zu vermitteln und zum anderen in Österreich um Verständnis für die Aspiranten zu werben. Ab Jänner 2001 war er als „Koordinator für den internationalen Stabilitätspakt für Südosteuropa“ (heute: Regionale Kooperationsrat - RCC) aktiv daran beteiligt, die nach den Bürgerkriegen zerrütteten Länder beim Wiederaufbau zu unterstützen.
Über die Politik hinaus wirkte er neben mehreren Aktivitäten in der Wirtschaft, u.a. als Präsident des Vienna Economic Forum (2005-2016), auch vielfach im Hochschulbereich, etwa als Rektor der neu gegründeten Fachhochschule Salzburg (2004-2011), als Lehrender an der TU Wien sowie als Gastprofessor an der Duke University in North Carolina, USA. 2008 erhielt er die Jean Monnet Professur ad personam, die er an der Fachhochschule Salzburg und Universität Graz ausübte. Die Hochschullandschaft Südosteuropas war ihm ein besonderes Anliegen, weshalb der frühere Wissenschaftsminister als Vorsitzender des Supervisory Boards der „IEDC-Bled School of Management” in Slowenien und als Patron beim Center for Advanced Studies Southeast Europe (CAS SEE) in Rijeka die akademische Ausbildung in der Region weiter vorantrieb. Dazu zählt auch der durch das IDM und dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung seit 2011 vergebene Danubius Award, der seit 2014 auch durch die Danubius Young Scientist Awards ergänzt wird.
Die Förderung der gemeinsamen Aufarbeitung und Vermittlung der Geschichte galten Busek ebenso als zentrales Anliegen, wie die Versöhnung am Westbalkan. Von 2008 bis 2018 war er zudem Vorsitzender des Universitätsrates der Medizinischen Universität Wien und danach Mitglied des Supervisory Boards der MUW. Als großer Kulturliebhaber engagierte sich Busek unter anderem als Präsident des Gustav-Mahler-Jugendorchesters, Präsident des Kammermusikfestes Lockenhaus und Vizepräsident der Gottfried-von-Einem-Stiftung.
Abschied von einem Vorbild und Freund
Als IDM-Vorsitzender war es ihm ein großes Anliegen, „kein Think Tank, sondern ein Do-Tank zu sein“. Zu den jüngeren Zeugnissen seiner Rolle als kritischer Vordenker, Mahner und Tabu-Brecher zählt u.a. auch sein 2021 gemeinsam mit IDM-Geschäftsführer Sebastian Schäffer vorgelegtes Buch „Balkan nach Europa – sofort!“, in dem die beiden einen möglichst raschen EU-Beitritt der Westbalkan-Länder fordern.  
Es ist die Kombination aus umfassendem Wissen, seinem engmaschigen Netzwerk, seine Liebe zur Region und seine fundierte Erfahrung, die Buseks preisgekrönten und nachhaltigen Beitrag für die Region so einzigartig macht. Mit seinem Tod verlieren wir einen engagierten Vertreter der Idee eines geeinten Mitteleuropas, einen Donau-Enthusiasten und bis zuletzt aktiven Europäer. Sein unnachgiebiges Engagement für gegenseitiges Verständnis, Dialogbereitschaft und seine nie endende Neugierde und Offenheit für die Menschen und ihre Anliegen im Donauraum werden uns auch weiterhin bei unseren Aktivitäten richtungsweisend sein.
Lieber Dr. Busek, lieber Erhard, vielen Dank für dein langjähriges, unglaublich energiegeladenes Wirken, deine Inspiration, deinen Humor und deine Neugierde, die dir trotz aller Höhen und Tiefen in der Region und im Leben nie abhandengekommen sind! Du wirst uns und vielen anderen als Verfechter regionaler Zusammenarbeit ein Vorbild bleiben.
 

Ehrungen und Auszeichnungen 
Ehrendoktorate der Universitäten Krakau, Bratislava, Czernowitz, Rousse, Brasov, Liberec (2003), Webster-St. Louis University in Wien, IEDC - Bled School of Management, Wien (2008), Universität Prishtina (2009) und Eötvös Loránd University Budapest (2015), Marmara Group Foundation Medal of Honor (2015), Ukrainian Free University in München (2016)
Ehrenprofessor der Universität Rijeka (2021)
Auszeichnungen:
·      Commendatore all’Ordine al Merito della Repubblica Italiana (OMRI) (5.01.1980)
·      Ehrensenator der Universität für Bodenkultur Wien, TU Wien, Universität Innsbruck, Medizinischen Universität Innsbruck
·      Bulgarisches Verdienstkreuz
·      „Großes Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien mit dem Stern“
·      Kroatisch-Österreichischen Gesellschaft Zagreb (2000)
·      Ehrenzeichen „Für Verdienste um die Polnische Kultur“ (2003)
·      „Große Tiroler Adler-Orden“ (2004)
·      „Corvinus-Preis“ des Europainstitutes Budapest (2005)
·      "Große Kreuz des Heiligen Sylvester", das von Papst Johannes Paul II. verliehen wurde (2005)
·      „Julius Raab Medaille in Gold” des Österreichischen Wirtschaftsbundes (2006)
·      „Pax Mercuria Sympathia“ (2008)
·      „Dr. Elemer Hantos Prize“ (2009)
·      Ehrensenator der Medizinischen Universität Innsbruck (2009)
·      „Goldenes Ehrenzeichen der Gemeinde Alpbach“ (2009)
·      „The European Speech of the Year“ from the European Movement Croatia in Zagreb (2009)
·      „Orden des Weißen Doppelkreuzes 2. Klasse für besondere Verdienste um die Entwicklung der Beziehungen zwischen der Slowakischen Republik und der Republik Österreich und die Verbreitung des guten Namens der Slowakischen Republik im Ausland" (2011)
·      "The Merit Award of the Romanian Academy" (2012)
·      „Ehrenzeichens des Landes Salzburg“ (2012)
·      „Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Alpbach“ (2012)
·      „Goldenes Kaffeesiederkännchen“ (2012)
·      „Goldenes Ehrenzeichens des Landes Steiermark“ (2013)
·      „Goldene Eule“ in der Kategorie: Freund Polens und der Polen (2014)
·      "Freiheits-Rings" der FEK - Fördergesellschaft für Europäische Kommunikation (2015)
·      „Großes Ehrenzeichen der Ärztekammer Wien“ (2016)
·      „Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Lockenhaus“ (2016)
·      „Donauland- Sachbuchpreis 2016“ (2016)
·      „Großes Ehrenzeichen des Landes Burgenland“ (2017)
·      „Großes Ehrenzeichen der Ärztekammer Wien“ (2018)
·      „Ehrensenator der Medizinischen Universität Wien“ (2019)
·      "Fürst-Branimir-Orden mit Halsband" aus Kroatien (2021)
 
 

Podcast Player

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.