Mit dem Strom: Radtourismus entlang der Donau

 

 

Der Donauradweg gilt als eine der schönsten Radrouten in Europa. Der Mobilitätsforscher MICHAEL MESCHIK berichtet vom Beginn des Radtourismus an der Donau und erklärt, was den Reiz des Donauradwegs ausmacht.

 

Dieser Artikel wurde in Info Europa 3/2025: In Bewegung: Mobilität im Donauraum veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist hier abrufbar. 

Falls Sie schon einmal mehrere Tage am Donauradweg unterwegs waren, sind Sie wahrscheinlich donauabwärts geradelt – so wie die meisten Radtourist*innen auch. Tourismusbetriebe bewerben vorwiegend diese Richtung. Das Gefälle hilft, oft auch der Westwind, vielleicht erscheint es auch mit dem Strom erholsamer. Ein guter Bekannter hat es einmal gegen den Strom probiert. Er radelte von Wien zur Donauquelle in Donaueschingen und resümierte anschließend, wie mühsam das war – nicht jedoch wegen Steigung und Gegenwind, sondern wegen der entgegenkommenden Radler*innenkolonnen. 

Laut dem oberösterreichischen (Rad-)Touristiker Ernst Miglbauer wurde die Donau in Deutschland und Österreich erst in den 1980er Jahren für den Radverkehr entdeckt. Genutzt wurden zunächst alte Treppelwege – schmale Uferwege, die ursprünglich dazu dienten, mithilfe von Pferden Schiffe gegen die Strömung zu ziehen (das sogenannte Treideln). Langsam entstand ein Wegenetz aus solchen Treppelwegen, Dammkronen der seit den 1970er Jahren gebauten Wasserkraftwerke, stillgelegten Bahnstrecken und wenig befahrenen Straßen.  

Vom Treppelweg zum etablierten Radnetz 

1982 wurden schließlich auf Treppelwegen bei Ottensheim in Oberösterreich die ersten Radweg-Kilometer entlang der Donau „illegal” mit Wegweisern versehen. An der ersten organisierten Fahrradfahrt nahmen damals ca. 1.000 Personen teil. Im selben Jahr wurden die ersten beschilderten Kilometer des linksufrigen Donauradwegs bei Landshaag eröffnet und 1983 wurde Radfahren an einigen Treppelwegen im Bereich von Donaukraftwerken offiziell erlaubt und entsprechende Wegweisungen angebracht. 

Mitte der Achtziger schlug der österreichische Parlamentsabgeordnete Hans Hofer den Ausbau der Treppelwege zwischen Schlögen und Aschach für den Radtourismus vor, was von Minister Karl Sekanina zunächst wegen Budgetknappheit abgelehnt wurde. In der Volksabstimmung im März 1985 stimmte die österreichische Bevölkerung jedoch gegen das geplante Donaukraftwerk Hainburg stromab von Wien, sodass in weiterer Folge etwa 14 MillionenSchilling (circa eine Million Euro) für die Treppelwege frei wurden und für den „Ausbau des Radwegenetzes entlang der Donau“ verwendet wurden. 

1985 publizierte Paul Pollak schließlich den ersten Radtourenführer für den Donauradweg in Österreich von Passau bis Hainburg. Die erste Touristenbefragung am Donauradweg im Jahr 1990 ergab, dass die Mehrheit der Radfahrenden gut gebildet und eine „wohlbetuchte Gästeschicht“ war. 1996 richtete der Tourismusverband „Werbegemeinschaft Donau“ zertifizierte hochwertige Unterkünfte für Radtourist*innen (sogenannte „Top-Rad-Stopps“) ein und seit 2008 vereint die Tourismusplattform „ARGE Donau Österreich” zahlreiche „Werbegemeinschaften“ entlang der österreichischen Donau. 

Radeln durch Geschichte und Natur 

Heute ist der Donauradweg Teil eines europäischen Radwegnetzes, des vom Europäischen Radfahrerverband (ECF) initiierten EuroVelo. Unter den EuroVelo-Routen ist der Donauradweg – über weite Abschnitte identisch mit dem EuroVelo 6 – eine etablierte Radroute in einer geschichtsträchtigen Landschaft. Mit einer Gesamtlänge von 2.850 Kilometern verbindet er zehn Länder (Deutschland, Österreich, die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien,Rumänien, Moldau und die Ukraine) und vier europäische Hauptstädte. 

Der Weg folgt alten Römerstraßen (z.B. der Via Istrum) und führt grob an der ehemaligen Nordgrenze des Römischen Reiches entlang. Als jahrhundertelange Grenzregion finden sich an den Ufern der Donau unzählige Befestigungsanlagen, Klöster und historische Stätten, die einen exzellenten Rahmen für den Radtourismus bieten. Damit rangierte der Donauradweg immer schon unter den beliebtesten Routen. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e. V. (ADFC) veröffentlicht regelmäßig Beliebtheitsrankings, zuletzt in der „Radreiseanalyse 2024“ (für 2023). Darin liegt der Donauradweg an vierter Stelle in der Gunst deutscher Radtourist*innen. Zudem durchquert der Donauradweg mehrere Naturschutzgebiete (Natura 2000, Nationalparks etc.). Der Mix aus Siedlungen, notwendig für vielfältige kulturelle Angebote und die Unterbringung der Radtourist*innen, gepflegten Kulturlandschaften sowie gut erhaltener Natur ist essenziell für eine attraktive Radroute.  

Der ECF dokumentiert den Ausbaustand der EuroVelo-Routen. Gemäß aktuellem „Route Development Status Report 2024“ ist das gesamte EuroVelo-Netzwerk noch längst nicht vollendet: Ein Drittel des beinahe 92.000 km langen Netzes(17 Routen) ist noch nicht gebaut, von den gebauten zwei Dritteln („ready to cycle“) etwa die Hälfte als EuroVelo beschildert. Die Beliebtheit des Radtourismus bleibt ungebrochen. Und so wird das gesamte EuroVelo-Netz ständigerweitert, derzeit werden jährlich etwa 2.000 km neu gebaut. 

Zukunftspotenzial  

Auch die Abschnitte des Donauradweges sind differenziert zu betrachten. 72 % des EuroVelo 6 sind ausgebaut und mit EuroVelo-Symbolen beschildert. Als herausragende Ökotourismusroute und maßgeblicher Wirtschaftsfaktor gelten die Abschnitte in Deutschland und Österreich. Sie sind vorbildlich und werden laufend verbessert. Auch in der Slowakei, Ungarn und teilweise in Serbien ist der EuroVelo 6 gut ausgebaut. Fahrradtourist*innen empfinden jedoch die südöstlichen Teile der Route, die teilweise nur auf dem Papier bestehen, als wesentlich anspruchsvoller. Sie beklagen in Serbien, Rumänien und Bulgarien insbesondere außerhalb der Städte fehlende Beschilderung und Abschnitte mit stark befahrenen Straßen im Mischverkehr mit Autos. Touristische Infrastruktur wie Campingplätze, Pensionen oder Hotels fehlen noch häufig. 

Den österreichischen Donauradweg befahren laut ARGE Donau jährlich mittlerweile etwa 930.000 Radfahrende (Zählung 2023), davon etwa ein Drittel Alltagsradfahrer*innen, zwei Drittel sind Tagesausflügler*innen oder auf mehrtägigen Touren unterwegs. Wenn Sie auch eine Radreise entlang der Donau planen und die Ruhe suchen, sollten Sie von Mai bis September eher meiden. 

Michael Meschik ist Assistenzprofessor am Institut für Verkehrswesen der Universität für Bodenkultur in Wien. Er beschäftigt sich mit Mobilität, speziell mit Fuß- und Radverkehr und Umweltauswirkungen im Verkehrsbereich.