Chancenungleichheit im Schatten der Geschichte

Anhaltende Diskriminierung, überdurchschnittlich viele Schulabbrüche und unterdurchschnittliche Einkommen – Rom*nja und Sinti*zze sind im Bildungsbereich weiterhin stark benachteiligt. ALBERT SCHERR analysiert das Zusammenspiel ausgrenzender Faktoren einer der größten Minderheiten Deutschlands.

Dieser Artikel wurde in Info Europa 2/2025: Zukunftsfit durch Bildung veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist hier abrufbar.

“Du willst es schaffen. Nicht nur für dich, auch für deine Familie und für das Rom*nja-Sein. Du willst es schaffen, und dann sagen, ich habe etwas erreicht. Ich habe das Abitur geschafft, was für uns etwas ganz besonderes ist“, erklärte David, ein von uns befragter Sinto über seine Ziele. Durch biographische Interviews mit bildungserfolgreichen Rom*nja und Sinti*zze sowie über die Auswertung einer quantitativen Befragung versuchten wir zu verstehen, was die Ursachen der weiterhin hoch problematischen sozialen Lage und Bildungssituation dieser Minderheit in Deutschland sind.

Denn die Romnokher-Studie, eine in Selbstorganisation der Sinti*zze und Rom*nja durchgeführte Untersuchung, kommt zu besorgniserregenden Befunden. Das Haushaltsnettoeinkommen von befragten Rom*nja und Sinti*zze ist immer noch deutlich geringer als das der Gesamtbevölkerung, über 70 % der Haushalte verfügen über weniger als 3000 € pro Monat. Der Anteil der Befragten, die keinen Schulabschluss erwerben konnten, ist mit ca. 30 % im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (ca. 4 %) ebenfalls überdurchschnittlich hoch. Nur knapp 14 % erlangten laut Studie einen Abschluss, der zum Studium berechtigt (Gesamtbevölkerung ca. 35 %).

Vorurteile als Barriere

Aussichtsreiche Strategien zur Verbesserung dieser Situation benötigen ein fundiertes Verständnis der Strukturen und Praktiken, die Bildung ermöglichen bzw. erschweren. Dabei muss beachtet werden, dass Sinti*izze und Rom*nja keine in sich homogene Minderheit darstellen. Sie setzen sich aus Gruppierungen mit unterschiedlichen historischen Erfahrungen und kulturellen Traditionen sowie unterschiedlicher Traditionsverbundenheit zusammen.

Das gängige Vorurteil, dass die Ursachen von Bildungsbenachteiligung in der Minderheit selbst zu suchen sind – etwa in ihrer Kultur und ihrem fehlenden Interesse an formaler Bildung – ist nicht nur falsch, sondern selbst auch Teil des Problems. Denn aus der Bildungsforschung wissen wir, dass es negative Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit von Schüler*innen hat, wenn sie von Lehrer*innen oder anderen Bezugspersonen als Angehörige einer Gruppe betrachtet werden, der wenig zuzutrauen ist und deren schlechtes Abschneiden deshalb als erwartbar gilt. Diese Vorurteile können im Sinne eines Teufelskreises dann zu Folgen führen, welche das Vorurteil zu bestätigen scheinen.

Ausgrenzung wirkt nach

Dementsprechend wurde und wird in der Forschung sowie von Selbstorganisationen der Minderheit immer wieder ein konsequentes politisches und pädagogisches Vorgehen gegen Diskriminierung eingefordert. So notwendig dies auch ist, es reicht allein nicht aus. Denn insbesondere für Deutschland gilt – und das ist ein zentrales Ergebnis meiner Forschung – dass das Ausmaß der gegenwärtigen Diskriminierung in Schulen nur zu einem geringen Teil erklären kann, warum Rom*nja und Sinti*zze dort oft weniger erfolgreich sind als ihre Mitschüler*innen. Ausschlaggebender sind vielmehr die Auswirkungen der sozialen Lage, die ihrerseits aus Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung in der Vergangenheit resultieren.

Dies bedeutet zunächst, dass für Rom*nja und Sinti*zze vor allem die Zusammenhänge von sozialer Herkunft und Bildungschancen relevant sind, die auch Kinder und Jugendliche betreffen, die keiner ethnischen Minderheit angehören. Konkret zählen dazu Faktoren wie Arbeitslosigkeit bzw. belastende Arbeitsbedingungen, geringes Einkommen, beengte Wohnverhältnisse, geringe oder fehlende schulische Bildung von Eltern und Verwandten oder auch ein unsicherer Aufenthaltsstatus. Davon sind Rom*nja und Sinti*zze deswegen jedoch relativ häufiger betroffen als die Gesamtbevölkerung, weil sie in der Vergangenheit systematisch und umfassend durch staatliche Politik diskriminiert und dadurch in eine Position gesellschaftlicher Randständigkeit gezwungen wurden. Für Deutschland ist festzustellen, dass sich dies auch nach dem Ende der Verfolgung und Ermordung durch das Nazi-Regime fortsetzte. Das zeigt sich unter anderem darin, dass erst Anfang der 1990er Jahre ihre Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus erfolgte.

Mehr als Antidiskriminierung

Um die heutige Bildungsbenachteiligung besser zu verstehen, müssen also die Folgen der historischen Diskriminierung für die aktuelle soziale Lage sowie der Einfluss dieser sozialen Lage auf die Bildungschancen berücksichtigt werden. Und es gilt, daraus die politische Konsequenz zu ziehen, dass Bildungsbenachteiligung nicht allein durch Maßnahmen gegen Diskriminierung überwunden werden kann – obwohl diese zweifellos unverzichtbar sind. Erforderlich ist darüber hinaus eine Gesellschaftspolitik, die insgesamt auf einen Abbau sozialer Ungleichheiten ausgerichtet ist, einschließlich einer Bildungspolitik, die auf mehr Chancengerechtigkeit in der schulischen, beruflichen und universitären Bildung zielt. Von einer solchen Politik würden nicht nur, aber auch  Rom*nja und Sinti*zze profitieren.

Unsere Studie zeigte auch, dass sich viele der Minderheit angehörende Eltern bessere Bildungschancen für ihre Kinder wünschen. Gerade Mütter, die in ihrer Kindheit und Jugend selbst kaum Zugang zu Bildung hatten, möchten dies häufig ihren Töchter ermöglichen. Doch über Generationen anhaltende Diskriminierung hat auch oft negative Auswirkungen auf das Selbstverständnis der Betroffenen. Wenn sich Distanz und Misstrauen gegenüber den Institutionen der Mehrheitsgesellschaft mit dem Gefühl verbinden, ohnehin unerwünscht zu sein und keine realen Chancen auf gesellschaftliche Anerkennung zu haben, braucht es mehr als nur bessere Rahmenbedingungen – es braucht auch eine glaubwürdige Ermutigung, die deutlich macht: Die Zeiten, in denen Diskriminierung von Rom*nja und Sint*izze stillschweigend hingenommen wurde, sind wirklich vorbei.

Weiterführende Literatur

Strauß, D. (Hrsg.) (2023): Romnokher-Studie 2021. Ungleiche Teilhabe. Zur Lage der Sinti und Roma in Deutschland. Wiesbaden: Springer.

Albert Scherr ist Soziologe und Seniorprofessor an der Pädagogischen Hochschule Freiburg sowie Research Fellow an der University of the Free State in Südafrika. Er hat zahlreiche Studien zu Diskriminierungs- und Bildungsforschung durchgeführt und unter anderem ein umfangreiches “Handbuch Diskriminierung” veröffentlicht.