Die Donau als Programm

Die Donau stand schon immer im Mittelpunkt des Lebens und Wirkens der serbischen Stadt Novi Sad. VESNA LATINOVIĆ nimmt Leser*innen mit auf eine Reise durch das Programm der Kulturhauptstadt 2022, das stark von der Donau und dem Brückenbauen geprägt war.
Deutsch, Slowakisch, Ungarisch, Serbisch, Kroatisch und noch viele weitere – das sind Sprachen, die entlang der Donau gesprochen werden und die auch in und um Novi Sad zu hören sind. Im Mittellauf der Donau, in gleicher Entfernung von Quelle und Mündung, wird Novi Sad zur Brücke zwischen Ost und West. Und so inspirierten das Brückenbauen und die Donau, die Novi Sad seine wichtige und historisch-kulturell einzigartige Stellung verleihen, auch die thematischen Säulen im Kulturhauptstadtprogramm 2022.
Der Slogan »Für neue Brücken« verkörpert die Idee, den Austausch zwischen Künstler*innen und Organisationen aus Novi Sad sowie Serbien und der europäischen Kulturszene zu fördern. Die vier Themenblöcke – genannt »Programmbrücken« – Regenbogen, Freiheit, Liebe und Hoffnung wurden nach Werten benannt, die die Stadt im Zusammenhang mit der europäischen Integration weiterentwickeln möchte. Die »Programmbrücken« wiederum waren jeweils in zwei sogenannte »Programmbögen« unterteilt. So gab es beispielsweise den Bogen »Festung des Friedens« oder »Donaumeer«.
Die Zusammenarbeit Novi Sads entlang der Donau hat lange Wurzeln. Die Ausbildung von Künstler*innen und Intellektuellen in den Zentren Wien, München und Budapest ist ein wichtiger Faktor der serbischen Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts. Während des 20. Jahrhunderts wurde die Verflechtung der Region durch die beiden Weltkriege sowie den Zerfall Jugoslawiens unterbrochen. Nach 2000 wurden die bilateralen Beziehungen und die kulturelle Zusammenarbeit wiederhergestellt, was von Kulturschaffenden und Bürger*innen begrüßt wurde. Mithilfe des Kulturhauptstadtprogramms sollte Novi Sad zu einem eindrucksvollen Ort der Begegnung verschiedener Kulturen werden und Möglichkeiten für ein besseres Verständnis aufzeigen. Eine kulturelle Welle entlang der Donau sollte entstehen.
Erfolgreiche Kooperationen
Die Kulturhauptstadt Novi Sad 2022 fiel mit der zehnten Jubiläumsausgabe des Festivals für zeitgenössische Kunst „Danube Dialogues” im Jahr 2022 zusammen und wurde auch in das Programm integriert. Eröffnet wurde das Festival mit einer Ausstellung im Rahmen eines Städtedialogs zwischen Novi Sad und Timişoara, der bereits 2016 ins Leben gerufen wurde, als beide Städte – die sowohl geografisch als auch kulturell nahe beieinander liegen – zu europäischen Kulturhauptstädten für 2021 erklärt wurden. Schlussendlich wurde in Folge der Corona-Pandemie das Kulturhauptstadtjahr für Novi Sad auf 2022 und für Timişoara auf 2023 verschoben. Für 2022 wählte das Kurator*innenduo Alina Şerbaia (Rumänien/Großbritannien) und Sava Stepanov (Serbien) Werke von Künstler*innen aus, die ihre Sicht auf die komplexe ökologische Frage, wohin sich die Welt derzeit bewegt, darstellen. Den Abschluss bildete die Ausstellung “Statements of Pure Consciousness” im serbischen Kulturzentrum und dem rumänischen Kulturinstitut in Paris.
Die Ausstellungen und künstlerischen Dialoge zogen aber auch aus Novi Sad hinaus in einige kleinere Städte entlang der Donau wie Sremska Kamenica, Ćerević, Irig und Sremski Karlovci und brachten so die Kunst zu lokalen Gemeinschaften. Diese Off-Centres veranschaulichten die reiche Vielfalt, die Europa, die Donauregion und die Vojvodina gemeinsam haben. Ein universeller Wert, den es in diesen Zeiten besonders zu pflegen gilt.
Eine weitere bemerkenswerte Zusammenarbeit fand mit dem EU Japan Fest statt, einer japanischen Kulturorganisation, die die Kulturhauptstädte Europas unterstützt und den Austausch zwischen Künstler*innen aus Japan und Europa fördert. Die gemeinsame Ausstellung im Vojvodina Museum für zeitgenössische Kunst trug den Titel »Small Reboots by Japanese Artists« und brachte dem Publikum eine in Serbien weniger bekannte Kunstszene näher.
Die Donau als künstlerische Inspiration
Neben dem Ziel, neue Häfen der Kultur entlang der Donau zu bauen, widmete sich das Programm auch dem Problem, dass die Donau in manchen Abschnitten weiterhin einer der am stärksten verschmutzten Flüsse Europas ist. 47 Kunstprogramme des »Donaubogens« waren daher auf die Sensibilisierung für ein stärkeres Umweltbewusstsein ausgerichtet. Das meistbesuchte Pro- jekt war der künstlerische und wissenschaftliche Štrand-Pavillon am Stadtstrand. Der sogenannte Štrand ist einer der schönsten Naturstrände an der Donau und für die Einwohner*innen von Novi Sad ein beliebter Ort der Erholung, der Erinnerungen an das erste Schwimmen, an Bootsfahrten, an den sommerlichen Zeitvertreib und an Begegnungen zwischen älteren und jüngeren Generationen. Das vielfältige künstlerische Programm, die Open-Air-Installationen und die Diskussionen über ökologische Probleme zogen ein breites Publikum an und riefen zu Aktionen für den Erhalt und den Schutz der Donau auf.
»An der schönen blauen Donau« war eine Reihe von klassischen Konzerten der talentiertesten Studierenden der Isidor-Bajić-Musikschule, die auf einem Katamaran auf der Donau stattfand. Auf seiner Route legte das Boot an mehreren Orten an (Beočin, Begeč, Futog, Rakovački zaliv, Sremska Kamenica, Sremski Karlovci), und zwar immer dann, wenn die meisten Menschen am Strand waren.
Das Ergebnis des Programms »Der Fluss – eine andere Donau-Anthologie« war ein Buch über die Donau, das nicht nur Texte über die Donau enthält, sondern auch verschiedene Aspekte des Flusses beschreibt: seine Quelle, seine Schluchten und Ufer, seine Fische und Fischer*innen, seine Überschwemmungen, Brücken, Grenzen, versunkenen Inseln und versteckten Orte. Die große internationale Wanderausstellung »Kunst am Strom« wiederum, die Werke zeitgenössischer Künstler*innen aus dem Donauraum zeigte, reiste von Ulm über die Schallaburg, Košice, Pécs und Zagreb nach Novi Sad und dann weiter nach Timişoara und Sofia.
Die Kreativität der Frauen im Donauraum wurde durch Projekte wie die Ausstellung »Danube Women Stories« thematisiert. Die Ausstellung lenkt die Aufmerksamkeit auf jene Frauen, die die Vergangenheit von Ulm, Wien, Budapest, Novi Sad und Timişoara geprägt haben. Das Donauprogramm fand seinen Abschluss mit dem spektakulären Konzert »Europäische Kulturbrücke« des Tamburitza Philharmonischen Orchesters auf der Festung Petrovaradin.
Identitätsstiftender Fluss
Die Donau ist Teil der Identität von Novi Sad. Steht der Donauraum für die Vielfalt Europas, so steht Novi Sad für die Vielfalt des Donauraums. Diese Vielfalt zieht sich durch die Geschichte der Stadt und der Region, ist ihr Erbe und macht einen Teil der kulturellen Identität und Mentalität der dort lebenden Menschen aus. Das Programm der Kulturhauptstadt war eine gute Gelegenheit, diese Identität zu bekräftigen, auf schöne und aufregende Weise zu erneuern, stolz auf sie zu sein und neue Energie für die Zukunft zu schöpfen.
Vesna Latinović ist Kulturmanagerin, Galeristin und Verlegerin. Sie ist die Gründerin und die Direktorin der Galerie BelArt und des Danube Dialogues Contemporary Art Festivals in Novi Sad. Als Mitglied des Teams nahm sie an der Bewerbung von Novi Sad um den Kulturhauptstadt-Titel aktiv teil.
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