Mauern in den Köpfen

Ein Gebäude, zwei Schulleitungen, unterschiedliche Lehrpläne und getrennte Klassenzimmer – für einige Schulen in Bosnien und Herzegowina ganz normaler Alltag. SAMIR BEHARIĆ erzählt von seiner eigenen Kindheit und Schüler*innen-Protesten für inklusive Bildung.
Dieser Artikel wurde in Info Europa 2/2025: Zukunftsfit durch Bildung veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist hier abrufbar.
In Bosnien und Herzegowina aufzuwachsen bedeutet, von klein auf mit ethnischer Segregation im Bildungswesen konfrontiert zu werden. Als Kind in meiner Heimatstadt Jajce in Zentralbosnien Anfang der 2000er Jahre spielte ich morgens mit meinen Freunden Fußball, bevor wir gemeinsam zur Grundschule gingen. Dort angekommen, trennten wir uns für den Schultag. Josip, Dragan und Ivan – alle drei kroatischer Herkunft – gingen in andere Klassenzimmer als ich und unsere anderen bosniakischen Mitschüler*innen. Die Erfahrung, sogenannte „Zwei Schulen unter einem Dach“ zu besuchen, hat uns alle tief geprägt: unser Verständnis von Identität, Zugehörigkeit und Trennung.
Mehr als zwei Jahrzehnte später werden die Schulen in Jajce, wie in vielen anderen Städten im Land auch, immer noch nach diesem Modell geführt. Katholische Kroat*innen und muslimische Bosniak*innen werden getrennt voneinander unterrichtet. Ursprünglich als vorübergehende Lösung eingeführt, als Familien nach dem Bosnienkrieg der 1990er-Jahre ins Land zurückkehrten, ist das System zu einer dauerhaften Struktur geworden. Es verfestigt die Trennung in ethnische Gruppen und dient de facto als Trainingsfeld für zukünftige, nationalistisch ausgerichtete Wähler*innengenerationen.
Getrennt bis zur Schulglocke
Derzeit betrifft das System der „Zwei Schulen unter einem Dach“ über 50 Grund- und Sekundarschulen in mehr als 20 Orten, hauptsächlich in drei der zehn Kantone der Föderation Bosnien und Herzegowina, einer der beiden Entitäten des Landes. Nach dieser Regelung werden gleichaltrige Kinder in Zentralbosnien, Zenica-Doboj und Herzegowina-Neretva ethnisch getrennt unterrichtet – entweder zu unterschiedlichen Zeiten, in separaten Klassenzimmern oder sogar in verschiedenen Gebäuden innerhalb desselben Schulkomplexes.
In meiner Grundschule in Jajce betrat ich das Gebäude durch einen Eingang für Bosniak*innen, während meine kroatischen Mitschüler*innen einen Eingang auf der gegenüberliegenden Seite nutzten. Wir verbrachten den Tag in getrennten Klassenzimmern auf verschiedenen Etagen und begegneten einander meist erst nach Schulschluss. Bis heute funktionieren die beiden Schulen als getrennte Einrichtungen – mit eigenen Direktor*innen, Lehrkräften, Verwaltungsangestellten und sogar eigenem Reinigungspersonal. In manchen Schulen sind sogar die Toiletten getrennt, was die physische wie auch symbolische Trennung weiter verstärkt. Und einige Schulleiter*innen staffeln darüber hinaus die Pausenzeiten, damit sich Schüler*innen der verschiedenen ethnischen Gruppen nicht einmal auf dem Pausenhof begegnen können.
Institutionalisierte Segregation
Bildungsbehörden auf kantonaler Ebene, vor allem unter der Führung kroatischer Politiker*innen, rechtfertigen die Trennung mit dem Recht der kroatischen Schüler*innen auf Unterricht in ihrer eigenen Sprache und Geschichte. Die Trennung betrifft jedoch auch Fächer wie Sport, Kunst und Mathematik, bei denen ein gemeinsamer Unterricht problemlos möglich wäre. Kritiker*innen argumentieren, dass das Modell der „Zwei Schulen unter einem Dach“ nationalistische Sichtweisen in Fächern wie Geschichte, Literatur und Geographie fördert. Zudem würden die Lehrpläne an jene in Kroatien angeglichen und kämen dem gemeinsamen multikulturellen Erbe Bosnien und Herzegowinas damit nicht gerecht.
2007 erklärte Greta Kuna, damalige Bildungsministerin des Kantons Zentralbosnien und Mitglied der HDZ, einer konservativen kroatischen Partei, offen die Motivation hinter dem Modell: „Das Projekt ‚Zwei Schulen unter einem Dach‘ wird nicht beendet, denn man kann Äpfel nicht mit Birnen mischen. Äpfel zu Äpfeln, Birnen zu Birnen.“ Damit machte sie deutlich, dass es weniger um akademische Inhalte ging, sondern vielmehr um ethnische Trennung.
Auch diese Rhetorik ist bis heute vielfach geblieben. Internationale Organisationen wie die OSZE und die Vereinten Nationen kritisierten die Praxis wiederholt als Verstoß gegen nationale Gesetze und internationale Menschenrechtsabkommen. 2021 forderte der Oberste Gerichtshof der Föderation Bosnien und Herzegowina die Beendigung der ethnischen Diskriminierung in Schulen – doch die Kantone setzten dieses Urteil nie um.
Jajce sagt Nein zur Trennung
In Städten wie Jajce existiert das „Zwei Schulen unter einem Dach“-Modell nur in der Grundschule. In den weiterführenden Schulen lernen Bosniak*innen und Kroat*innen weitgehend gemeinsam, außer in bestimmten Fächern wie Geschichte, bosnische bzw. kroatische Sprache, Geographie und Religion – der sogenannten „nationalen Fächergruppe“.
2016 versuchten lokale Politiker*innen, die Segregation auch auf weiterführende Schulen auszudehnen. Als die Schüler*innen erkannten, dass sie dadurch von ihren Freund*innen getrennt würden, organisierten sie Proteste, die internationale Aufmerksamkeit erregten. Obwohl sie noch Teenager waren, verstanden sie genau, wie ungerecht ethnisch getrennte Bildung ist. Die Proteste entwickelten sich zu einer landesweiten Graswurzelbewegung. Bei einer der Demonstrationen vor dem Bildungsministerium in Travnik versammelten sich Schüler*innen aus verschiedenen Städten unter dem Slogan „Segregation ist eine schlechte Investition“ und forderten eine inklusive, multikulturelle Schulbildung. Nach zwei Jahren Aktivismus wurden die Pläne 2018 gestoppt. Es war ein historischer Erfolg.
Für ihren Mut und ihren entschlossenen Einsatz erhielten die Schüler*innen von Jajce, ihre Lehrkräfte sowie unterstützende Menschenrechtsaktivist*innen den renommierten Max-van-der-Stoel-Preis, der alle zwei Jahre von der OSZE und der niederländischen Regierung für außergewöhnliche Leistungen bei der Verbesserung der Situation von Minderheiten vergeben wird.
Bildungssystem am Scheideweg
Der Erfolg in Jajce war eine Ausnahme. Über 50 Schulen arbeiten weiterhin nach dem Modell der Trennung. Ethnische Spaltungen werden für politische Interessen genutzt, um Ängste zu schüren und nationalistische Einstellungen zu verfestigen. Das größte Problem: Die „Zwei Schulen unter einem Dach“ errichten Mauern in den Köpfen der Jugend – und diese sind gefährlicher als jede physische Trennung.
Noch alarmierender ist die Lage in der serbisch kontrollierten Entität Republika Srpska. Dort wird bosniakischen und wenigen kroatischen Rückkehrerkindern systematisch das Recht verweigert, ihre Sprache und Geschichte zu lernen. In Schulbüchern werden verurteilte Kriegsverbrecher*innen glorifiziert, die Verbrechen der Armee der Republika Srpska relativiert und der Völkermord von Srebrenica geleugnet. Diese Geschichtsverfälschung vertieft ethnische Spaltungen und nährt eine Kultur des Misstrauens.
Um die Chance auf Versöhnung zu bewahren, müssen internationale Akteur*innen diese diskriminierenden Praktiken konsequent hinterfragen und sicherstellen, dass alle Schüler*innen in Bosnien und Herzegowina Zugang zu inklusiver und respektvoller Bildung haben. Manche mögen sagen, es sei zu spät – schließlich wurden ganze Generationen in einem segregierten Schulsystem sozialisiert und ausgebildet. Aber ich glaube: Besser spät als nie.
Samir Beharić ist ein preisgekrönter Menschenrechtsaktivist aus Bosnien und Herzegowina und Programmmanager beim European Fund for the Balkans. Die OSZE zeichnete ihn mit dem Max-van-der-Stoel-Preis für seine Rolle bei der Verhinderung weiterer ethnischer Segregation in Schulen aus. Derzeit promoviert er an der Universität Bamberg.


