Intervision 2.0: Russlands antiwestlicher Gegenentwurf

Seit dem Ausschluss vom ESC sucht Russland nach neuen Wegen internationaler kultureller Präsenz. Die Wiederbelebung des Intervision Song Contest ist Teil dieser Strategie – und ein Versuch, eine antiwestliche kulturelle Ordnung zu etablieren, wie VITALY KAZAKOV schreibt.
Dieser Artikel wurde in Info Europa 1/2026: Eurovision Song Contest im Donauraum: Kulturführer Mitteleuropa 2026 veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist hier abrufbar.
„Einheit durch Musik: Top-Künstler aus aller Welt kommen auf einer Bühne zusammen, um Millionen zu inspirieren und zu vereinen!“ Das neue Motto für den nächsten Eurovision Song Contest(ESC)? Im Gegenteil: Es ist der Slogan für den wiedereingeführten Intervision Song Contest. Ursprünglich während des Kalten Krieges als Alternative zum ESC im Ostblock konzipiert und 1980 eingestellt, erfuhr der Wettbewerb 2025 in Moskau eine internationale Neuauflage. Vertreter*innen aus insgesamt 22 Ländern aus Afrika, (Zentral-)Asien, Lateinamerika und dem Nahen Osten waren dabei, darunter auch aus China, Indien und Brasilien. Interessanterweise sollten auch die USA teilnehmen, doch nachdem schon der erste Künstler zurücktrat, sagte die nach ihm nominierte Künstlerin ebenfalls ab.
Vom ESC seit der russischen Vollinvasion der Ukraine ausgeschlossen, nahm der Kreml die Wiederbelebung des Intervision sehr ernst. Der stellvertretende Ministerpräsident Dmitri Černyšenko, der auch für die Planung der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi verantwortlich war, wurde Vorsitzender des Organisationskomitees. Ebenfalls stark involviert war Konstantin Ernst, Leiter des halbstaatlichen russischen Fernsehsenders „Erster Kanal” und Mitverantwortlicher für die Eröffnungsfeier von Sotschi. Die Russische Föderation trat mit dem Beitrag Prjamo po serdcu (dt. Direkt ins Herz) an, gesungen von einem umstrittenen Musiker mit dem Künstlernamen Shaman, der als einer der wichtigsten Propagandisten Russlands im kulturellen Bereich gilt.
Kulturpolitik als geopolitisches Instrument
Der Intervision ist ein Paradebeispiel dafür, wie populäre Kultur- und Sportveranstaltungen strategisch eingesetzt werden. Dies ist weder neu noch ausschließlich auf die Russische Föderation beschränkt. So nutzte Katar die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 für die Festigung seiner Position als zentraler regionaler Knotenpunkt im Nahen Osten. Diese Projektion von Soft Power im Rahmen großer Meisterschaften oder Sportinvestitionen wird oft als „Sportswashing” bezeichnet. Narrative der nationalen Selbstdarstellung und ideologisch geprägte Diskurse stehen dabei oft im Widerspruch zu sozialen, wirtschaftlichen oder Umwelt-Bedenken. So stand etwa die Entscheidung der FIFA, US-Präsident Donald Trump mit dem „FIFA–Friedenspreis“ auszuzeichnen in krassem Gegensatz zur Rhetorik und den geopolitischen Handlungen seiner Regierung und sorgte für viel Kritik im Vorfeld der Fußball-WM, die diesen Sommer von den USA,Mexiko und Kanada ausgerichtet wird.
Der Ausschluss Russlands aus der Fußball–WM und –EM, den Olympischen Spielen, dem ESC sowie die Verbannung russischer Ballett- und Opernensembles von vielen Weltbühnen bringt den Kreml dazu, eigene Versionen dieser sportlichen und kulturellen Events zu organisieren – wenn auch in viel kleinerem Umfang. Die Antwort Russlands auf den Ausschluss aus den FISU-Weltuniversitätsspielen war 2023 das Internationale Festival des Hochschulsports in Jekaterinburg. Geplant, und vom russischen Präsidenten Vladimir Putin bereits für 2024 angekündigt,waren auch die „Welt-Freundschaftsspiele“, die letztendlich auf unbestimmte Zeit verschoben wurden, da befürchtet wurde, dass sie trotz eines hohen Preisgeldes nicht genügend Spitzensportler*innen anziehen würden. Im Juni 2024 fanden in Kasan in der russischen Republik Tatarstan außerdem die BRICS-Spiele statt, mit Teilnehmenden aus 82 Ländern. Schon 2018 beschrieb der Geograph Sven Daniel Wolfe Russlands Nutzung solcher Sportveranstaltungen als eine neue Form des „Potemkinismus” – benannt nach den Vorzeigedörfern, die im Russland der Kaiserzeit gebaut wurden, um Besucher*innen zu beeindrucken.
Russlands antiwestliche Kulturfront
Der Intervision Song Contest funktioniert ähnlich und könnte in Analogie zu „Sportswashing“ als „Songwashing“ bezeichnet werden. Der Wettbewerb soll das Regime von Putin legitimieren und gegenüber dem Publikum im In- und Ausland Normalität signalisieren, obwohl das Land einen erbitterten Angriffskrieg gegen seinen Nachbarsstaat führt.
Gleichzeitig inszeniert sich der Intervision als klarer Gegensatz zum ESC. So erklärte der russische Außenminister Sergej Lavrov im Vorfeld in einer scheinbar direkten LGBTIQA+-feindlichen Anspielung auf den ESC, dass der Intervision frei von „Perversionen oder Beleidigungen der menschlichen Natur“ sein werde. Auch Putin betonte in seiner für den Wettbewerb aufgezeichneten Eröffnungsansprache den „Respekt vor traditionellen Werten und kultureller Vielfalt“.
Wettbewerb mit Zukunftspotenzial?
Oppositionelle russischsprachige Medien wie „Meduza“ bewerteten den Wettbewerb letztendlich als „eine sowjetisch anmutende Ausstellung befreundeter Länder“. Während es keine Überraschung ist, dass der Intervision weder dem russischen Sänger Shaman noch dem letztendlichen Gewinner, Đức Phúc aus Vietnam, zu globalem Erfolg verholfen hat, lohnt es sich, die Reaktionen des Publikums im Auge zu behalten – insbesondere außerhalb des Westens. Denn der Intervision ist für die Russische Föderation, aber auch China und Länder der Golfregion, ein Teil des Versuchs, eine antiwestliche Koalition und eine rivalisierende kulturelle Weltordnung aufzubauen.
Für 2026 gibt es offenbar Pläne, den Intervision Song Contest in Saudi-Arabien stattfinden zu lassen. Deutet dies bereits auf die Entstehung einer alternativen Ordnung kultureller Veranstaltungen hin? Es bleibt abzuwarten, ob es dem Intervision tatsächlich gelingt, sich zu einer Nischenplattform zu entwickeln, die für einige Teile der Welt politisch und kulturell von Bedeutung ist oder ob er – wie schon das Original aus der Zeit des Kalten Krieges – wieder in Vergessenheit gerät.
Eine frühere Version dieses Artikels erschien auf Englisch in „The Conversation“.
Vitaly Kazakov ist ein Marie Skłodowska-Curie Actions European Postdoctoral Fellow an der Universität Aarhus in Dänemark. Seine Forschungsinteressen umfassen die mediale Vermittlung von Sport und populären Kulturveranstaltungen. Sein aktuelles Forschungsprojekt untersucht in vergleichender Perspektive die politischen Nachwirkungen großer Fußballturniere.



