
Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine veränderte auch den ESC. Wie der Wettbewerb zum Schauplatz von Militarisierungsprozessen wurde, zeigen GALIA PRESS-BARNATHAN, MEITAL VINER SERDTSE und INBAR NOY in ihrem Beitrag.
Dieser Artikel wurde in Info Europa 1/2026: Eurovision Song Contest im Donauraum: Kulturführer Mitteleuropa 2026 veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist hier abrufbar.
Als Teil der europäischen Integrationsagenda in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen, sollte der Eurovision Song Contest (ESC) eine institutionalisierte Plattform für positive, wettbewerbsorientierte und kooperative Interaktion zwischen den europäischen Staaten und ihren Gesellschaften schaffen. Unter dem Motto „United by Music” setzte sich die Europäische Rundfunkunion (EBU) dafür ein, den „unpolitischen” Charakter des Wettbewerbs zu wahren. Dies ist natürlich an sich schon eine politische Aussage, genauso wie der ESC selbst ein politisches Projekt ist.
Zeitenwende auf der Bühne?
Seit der russischen Vollinvasion in der Ukraine im Jahr 2022 haben sich die politischen Herausforderungen für den ESC dramatisch verschärft. Mit dem Ausschluss Russlands aus dem Wettbewerb zeigten der ESC und seine Teilnehmerländer eine einheitliche politische Haltung gegen militärische Aggression. Gleichzeitig konnten unterschiedliche Politisierungs- und Militarisierungsprozesse im Rahmen des Wettbewerbs selbst beobachtet werden – begünstigt durch den Charakter des ESC als Mega-Event.
So können Musiker*innen und kulturelle Plattformen etwa direkt Ressourcen mobilisieren, um Kriegsanstrengungen zu unterstützen. Die ukrainische Band Kalush Orchestra, die den ESC 2022 gewann, nutzte ihre Touren durch Europa, um das Bewusstsein für den Verteidigungskampf der Ukraine zu schärfen und Spenden zu sammeln. Sie integrierten QR-Codes in ihre Auftritte, um Spenden zu erleichtern. Auch ihre spätere Entscheidung, ihren Eurovision-Pokal zu versteigern, um eine Drohne für das ukrainische Militär zu kaufen, symbolisierte die Verschmelzung von kulturellem Erfolg mit direkter militärischer Unterstützung. In ähnlicher Weise fanden auch in verschiedenen nationalen Wettbewerben, die zur Auswahl der nationalen Vertreter*innen führten, Spendenaktionen für die Ukraine statt.
Musikalischer Widerstand
Gleichzeitig bekommen in Krisenzeiten Musik und Darbietungen eine noch wichtigere Bedeutung, wenn es um die Vermittlung von Narrativen und die Identitätsbildung geht. Sie können etwa die Unterscheidung zwischen dem „Wir“ und den „Anderen“ verstärken sowie Opferbereitschaft und Kampfgeist verherrlichen. Diese symbolische Militarisierung kann auf verschiedene Weisen zum Ausdruck kommen: durch die Lieder selbst, durch die Ästhetik des Auftritts oder durch die Fähigkeit der Darstellenden, eine emotionale Bindung zu möglichst vielen Menschen herzustellen.
So wurde etwa der Siegerbeitrag Stefania aus dem Jahr 2022, der ursprünglich als Hommage an die Mutter des Sängers geschrieben wurde und in der ukrainischen Volkstradition verwurzelt ist, im Kontext des Krieges neu interpretiert. Durch die Verbreitung des biographischen Folk-Rap-Songs in den sozialen Medien und die Aneignung durch die Bevölkerung wurde er zu einer patriotischen Hymne, die mit Widerstandsfähigkeit und nationaler Einheit assoziiert wird. Die ukrainische Gesellschaft verlieh dem Lied eine militarisierte Botschaft und machte es so zu einem Mittel, um kollektives Leid, Heldentum und Entschlossenheit auszudrücken.
Aber auch der Wettbewerb selbst wurde symbolisch militarisiert. Der ESC 2022 war geprägt von sichtbarer Unterstützung für die Ukraine und dem Ausschluss Russlands. 2023 fand der ESCaufgrund des andauernden Krieges im Namen der Ukraine in Liverpool statt. Und auch die Botschaft des ESC schien sich zu ändern. Während es beim ESC seit jeher darum ging, liberale Werte zu vermitteln und Musik in einem eskapistischen Geist zu feiern, schien es nun, als würde das Spektakel ein neues Bild eines „militarisierten liberalen Europas” vermitteln – eines Europas, das sich weiterhin für liberale Werte einsetzt, diese aber zunehmend im Zusammenhang mit Schutz, Widerstand und militärischer Bereitschaft betrachtet. Dieser Wandel steht im Einklang mit den allgemeinen Entwicklungen im europäischen Sicherheitsdiskurs und den Debatten über eine selbstbewusstere europäische Verteidigungsidentität.
Beginn einer neuen Politisierung?
Bereits beim letztjährigen Wettbewerb in Basel war der militaristische Geist beim ESC kaum mehr zu spüren. War die beobachtete Militarisierung also nur eine ungewöhnliche Abweichung im Schatten des dramatischen Kriegsausbruchs? Eher nicht, denn die mobilisierte Reaktion auf die Vollinvasion der Ukraine hatte auch andere, unbeabsichtigte Folgen. So wurde der Weg für eine explizitere politische Auseinandersetzung im Kontext des ESC geebnet, wie sie sich in der aktuellen Krise um die Frage der Teilnahme Israels am Wettbewerb und dem anschließenden Rückzug wichtiger Mitglieder wie Spanien oder Irland widerspiegelt.
Und so wird wohl auch die Bühne 2026 in Wien durch Musik vereint und durch Politik geteilt sein.
Inbar Noy ist Doktorandin im Fach Internationale Beziehungen an der Hebräischen Universität Jerusalem. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit der sozialen Konstruktion von Frieden, insbesondere mit Friedensdiskursen.
Meital Viner Serdtse ist Doktorandin im Fach Internationale Beziehungen an der Hebräischen Universität Jerusalem. In ihrer Forschung untersucht sie, wie Gender persönliche Begegnungen und alltägliche Praktiken des Beziehungsaufbaus in der Diplomatie prägt.
Galia Press-Barnathan ist außerordentliche Professorin für Internationale Beziehungen an der Hebräischen Universität Jerusalem und Direktorin des Leonard Davis Institute for International Relations. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf Populärkultur in der internationalen Politik.


