Wie aus einer Ablehnung Innovation entstand

In St. Pölten scheiterte die Bewerbung um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2024. Doch der Prozess entfachte eine kulturelle Dynamik, die weit über die Grenzen der Stadt hinausreicht. Der Beitrag von MUHAMED BEGANOVIĆ beleuchtet die spannende Reise St. Pöltens auf dem Weg zur kulturellen Strahlkraft.
Dieser Artikel wurde in Info Europa 1/2025: Wandel durch Kultur – 40 Jahre Europäische Kulturhauptstädte veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist hier abrufbar.
Niemand wacht eines Morgens auf und beschließt, eine Stadt spontan als Europäische Kulturhauptstadt zu bewerben. Die Entscheidung dafür erfolgt immer nach viel Vorarbeit, nach Jahren erfolgreicher und nachhaltig umgesetzter Projekte und geschaffener Infrastrukturen. Erst dann »fühlt« sich eine Stadt oder Region bereit. St. Pölten legte den Fokus der intensiven Vorarbeit auf die Abkehr von seinem verstaubten Image als Industriestadt.
Die Stadt investierte in den 1990-er sowie frühen 2000-er Jahren viel Geld in Kulturveranstaltungen, die ein junges Publikum aus Österreich, aber auch aus dem Ausland anziehen sollten. 2009 übersiedelte das mittlerweile sehr bekannte Musikfestival »Frequency« von Salzburg nach St. Pölten. Auch die steigende Popularität der Fachhochschule St. Pölten, die 1996 den Unterricht aufnahm und 2007 in den neu errichteten, modernen Campus einzog, half, das Image der Stadt zu wandeln. Studierende, die in die Stadt kamen, lernten zunehmend das kulturelle Angebot zu schätzen. Eine neue Identität, geprägt von einer Mischung aus postindustriellem Wandel und jugendlicher Kultur, war geboren.
Es dauerte jedoch noch einige Jahre, bis die Stadtregierung über eine Bewerbung um den Titel der Kulturhauptstadt Europas nachdachte. 2013 äußerte sich Bürgermeister Matthias Stadler erstmals öffentlich dazu und räumte der Stadt »realistische Chancen« ein. Ab 2016 wurde das Thema in politischen Gesprächen zunehmend präsenter, insbesondere in Abstimmungen zwischen Stadler und dem damaligen niederösterreichischen Landeshauptmann Erwin Pröll. Zusätzlichen Schwung erhielt die Idee durch eine zivilgesellschaftliche Initiative, die 2016 gegründete Plattform »KulturhauptSTART«. In zahlreichen Gesprächen mit Politiker*innen der Stadt St. Pölten und des Landes Niederösterreich sowie im Rahmen von Diskussionsveranstaltungen wurde die Idee einer Bewerbung nicht nur befürwortet, sondern auch aktiv gefordert. Der Verein wollte das Thema sowohl der Politik, als auch der Stadtbevölkerung schmackhaft machen, denn für ein solches Unterfangen ist die Unterstützung beider Gruppen essentiell. 2017 fiel dann die gemeinsame Entscheidung von Stadt und Land, sich offiziell zu bewerben.
Die Geburt der Tangente St. Pölten
Für die Erarbeitung des sogenannten »Bid Books«, das das zentrale Bewerbungskonzept enthält, wurde das »Büro St. Pölten 2024« gegründet. Dieses arbeitete in enger Abstimmung mit zahlreichen Institutionen, Vereinen, Initiativen sowie Akteur*innen aus der Kunstszene, um die Dynamik programmatisch zu bündeln. Die Bewerbung wurde außerdem von Anfang an mit der »Kulturstrategie 2030« verknüpft, die zu dieser Zeit als langfristige kulturpolitische Vision durch den St. Pöltner Gemeinderat beschlossen wurde. Die Stadt bekannte sich darin zu Kunst und Kultur als zentrale Aspekte der nachhaltigen Weiterentwicklung.
Nach über 18 Monaten intensiver Arbeit wurde das »Bid Book« voller Euphorie und Optimismus eingereicht. Die Enttäuschung war groß, als Ende 2019 die Entscheidung vom Bundeskanzleramt bekannt wurde, dass nicht St. Pölten sondern Bad Ischl Europäische Kulturhauptstadt 2024 werden sollte. Doch noch am selben Tag verkündete Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, dass St. Pölten dennoch ein bedeutendes Kulturprojekt umsetzen werde. Die Vorbereitungsarbeiten seien zu gut und zu professionell gewesen. Daher solle St. Pölten im Jahr 2024 den Titel Landeskulturhauptstadt tragen, so Mikl-Leitner. Die Bewerbung habe unglaublich viel Dynamik und Bewegung in der Stadt ausgelöst, und man sehe es als Auftrag, daraus etwas zu machen. Das »Bid Book« wurde vom Konzeptpapier »Kultur St. Pölten 2024« abgelöst, um sich deutlicher von der eigentlichen Kulturhauptstadt Europas abzugrenzen. Viele Elemente blieben allerdings erhalten und flossen in die Umsetzung ein.
Ein zentrales Element der Strategie war die Etablierung eines neuen Festivals. Dieses erhielt den Namen »Tangente St. Pölten – Festival für Gegenwartskultur« und sollte nicht nur die kulturelle Weiterentwicklung der Stadt vorantreiben, sondern auch ein Programm internationaler Strahlkraft mit regionaler Verankerung bieten. Für die Realisierung des Festivals war als künstlerischer Leiter ab 2021 der deutsche Kurator und Dramaturg Christoph Gurk zuständig; dieser wurde im Sommer 2023 von Tarun Kade als kuratorischem Leiter abgelöst. Die operative und kaufmännische Geschäftsführung hatten Angelika Schopper und Stefan Mitterer inne.
Festival mit Langzeitwirkung
Das Konzept zielte darauf ab, zeitgenössische Kunst und Kultur aller Sparten zu präsentieren, miteinander zu verknüpfen und mithilfe der thematischen Schwerpunkte Ökologie, Erinnerung und Demokratie gesellschaftliche Relevanz zu schaffen. Das Festival lief von Ende April bis Anfang Oktober 2024 und lockte mit international bekannten Persönlichkeiten und eigens für St. Pölten entwickelten Formaten. Joanna Warsza und Lorena Moreno-Vera entwickelten den Kunstparcours »The Way of the Water« und Matthias Lilienthal erfand das Erfolgsformat »X-Erinnerungen«, für das sich Künstler*innen auf Spurensuche in St. Pölten begaben. Das Festival gewann auch deshalb an Akzeptanz, weil es während einer intensiven Vorbereitungszeit offen und proaktiv den Dialog mit den Stadtbewohner*innen suchte und gezielt Bevölkerungsgruppen aktivierte, die vom Kunst- und Kultursektor oft nicht angesprochen wurden.
Mit dem Festival wurde nicht nur ein kultureller Höhepunkt für 2024 geschaffen, sondern auch eine nachhaltige Entwicklung angestoßen. Das Musik, Kunst, Community Festival »StadtLandFluss« wird den regionalen Austausch und das Miteinander der freien Szene mit den Institutionen der NÖKU Gruppe (Niederösterreichische Kulturwirtschaft) stärken, das Nachfolgeformat der Klimakonferenz »Tipping Time« wird neue Impulse für umweltbewusste Kultur setzen, und der »Löwinnenhof *« soll als lebendiges Kulturzentrum langfristig etabliert werden.
Upgrade für die kulturelle Infrastruktur
Rund 30 Millionen Euro wurden für die Umsetzung der Initiativen in die kulturelle Infrastruktur der Stadt investiert. Ein zentrales Projekt stellte der von Schenker Salvi Weber Architekten konzipierte Neubau des »KinderKunstLabors« dar, das als eigenständige Institution speziell für Kinder gestaltet wurde. Dieses soll zeitgenössische Kunst auf innovative Weise vermitteln – mit interaktiven Ausstellungen und einer direkten Einbindung junger Besucher*innen.
Darüber hinaus umfasste das Investitionspaket von Stadt und Land die Neugestaltung des Domplatzes, der seit 2023 als Spielort für neue Veranstaltungsformate, wie den Gala-Abend mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, genutzt wird. Hinzu kamen die Erweiterung des Stadtmuseums, die Sanierung und Neuprogrammierung der ehemaligen Synagoge, technische Modernisierungen im Festspielhaus zur Stärkung des Tanzstandorts sowie des Klangturms und die Renovierung der Solektiv-Gebäude im Sonnenpark. Die Stadt St. Pölten erneuerte auch die Stadtbibliothek und eröffnete den Grillparzer Campus für Musik, Kunst und Pädagogik. All diese Maßnahmen beleben die Hauptstadtregion und fördern die Vernetzung innerhalb der kulturellen Institutionen und der freien Szene. So tragen sie dazu bei, St. Pölten regional und überregional als vielfältigen Ort für Kunst und Kultur zu positionieren und die kulturelle Weiterentwicklung nachhaltig abzusichern.
Muhamed Beganović lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Er ist Herausgeber und Chefredakteur des muslimischen Kultur magazins QAMAR sowie Chefredakteur der Fachzeitung Verkehr. Zudem war er Chefre dakteur des OnlineBlogs KREDO, der sich sechs Monate lang kritisch mit dem Festival Tangente auseinandersetzte.



