Ist das jetzt schon Zukunft?

Für MARTIN BOROSS bietet die Pandemie eine Gelegenheit für den »kreativen Neustart im Gehirn«. Warum zeitgenössisches Theater neben guter Technik auch regionales Bewusstsein braucht, erzählt der ungarische Theatermacher im Interview mit ANITA GÓCZA.

Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf Ihre Arbeit? Haben Sie eine digitale Revolution erlebt?

Wir alle mussten darüber nachdenken, ob es irgendeinen Aspekt unserer Arbeit gibt, der auf den Bildschirm übertragen werden kann. Für mich lautete die Frage: Können wir etwas auf dem Bildschirm erschaffen, können wir die Leute so sehr begeistern, dass sie ein Online-Theaterereignis statt Netflix wählen würden? Ich habe das als eine Herausforderung angenommen, die neue Qualitäten, Dramaturgien und Ästhetiken hervorbringen kann. Wenn man sein Gehirn im kreativen Prozess nicht neu starten kann, führt das nur zu Kompromissen. Anfangs dachte man, dass es sich um eine vorübergehende Phase handelt, aber jetzt denken viele, dass vieles bleiben könnte.

Ob vorübergehend oder nicht, Ihre Premiere des Stücks Addressless führten Sie Mitte Januar 2022 im Rattlestick Playwrights Theatre in New York durch, als Online-Version.

Wir haben im Januar des Vorjahres entschieden, diese Aufführung online zu zeigen. Damals dachten wir nicht, dass COVID in einem Jahr noch eine Rolle spielen würde. Das Hauptargument für die Online-Version war, dass wir so ein größeres Publikum als das in Manhattan erreichen wollten. Ein weiterer ausschlaggebender Faktor war, dass die Form der Aufführung eine immersive, interaktive Erfahrung ermöglicht, genau wie bei einem Computerspiel. Daher ist das Online-Format zu hundert Prozent dafür geeignet. Während der ersten Welle der Pandemie wurde oft gesagt, dass kleine Theaterkollektive durch die Online-Streams ihr Publikum vervielfachen können. Ist das in Ihrem Fall passiert? Ja, absolut. Letztes Jahr haben wir die Aufführung Ex Cathedra für zwei Plattformen entwickelt: Wir haben sie live im Theater gezeigt und sie auch online gestreamt. So konnten wir viel mehr Menschen erreichen. Uns war es auch wichtig, dass das Theater für Menschen, die auf dem Land leben, zugänglich wird. Aus den Statistiken ging hervor, dass viele im Ausland lebende UngarInnen die Online-Show gesehen haben. Und es gab noch einen weiteren Bonus: Die Online-Version wurde Teil einer ungarischen Theater-Streaming-Plattform, auf der man aus den Aufführungen einer Vielzahl ungarischer Theater auswählen konnte. Auf diese Weise konnten viele Menschen, die zuvor keine unabhängigen, experimentellen Aufführungen besucht hatten, daran teilhaben.

Ist so eine Streaming-Plattform auch auf internationaler Ebene vorstellbar? Etwa eine Seite, die Theatererlebnisse aus ganz Europa anbietet?

Es wäre toll, wenn wir die Möglichkeit hätten, unsere Online-Aufführungen einem europäischen Publikum zu zeigen. Um auf die ungarische Plattform zurückzukommen: Wir waren die erste Gruppe, die englische Untertitel für den Stream gemacht hat. Aber man darf nicht vergessen, dass die Erstellung von Online-Versionen einer Aufführung eine Menge Geld kostet, auch wenn es sich nur um einen Livestream handelt. Dazu braucht es viele Kameras, Schnitt, Nachbearbeitung, Untertitel. Ich würde es begrüßen, wenn verschiedene europäische FördergeberInnen dies unterstützen würden.

Also erleben wir eine Umbruchszeit im Theater?

All das ist wieder eine Frage der Bewertung der gegenwärtigen Situation: Betrachte ich sie als etwas Vorläufiges oder nicht. Es könnte eine wichtige Lektion für Europa sein, zu lernen, in Zeiten der Wirtschaftskrise in kleineren Projekten zu denken, sich aktiv auf lokale PartnerInnen zu verlassen und das Publikum als MäzenInnen zu betrachten, die sich an der Arbeit des Theaters beteiligen wollen. Wir experimentieren weiter mit dem Internet. Am Ende des letzten Sommers entwickelten wir einen ortsspezifischen performativen Doku-Spaziergang (Colony – escape stories) in einer ehemaligen Tabakfabrik in Budapest. Wenn er das nächste Mal im Frühjahr gezeigt wird, werden die Leute die Möglichkeit haben, auch ein Ticket für die Online-Version zu erwerben.

Wie kann ich mir einen Online-Spaziergang von zuhause aus vorstellen?

Ich weiß, das klingt wie ein Widerspruch in sich, aber das ist es nicht. Natürlich haben wir erhebliche Änderungen vorgenommen, die Schwerpunkte werden anders sein: Die OnlineVersion wird viel stärker von einer bestimmten Geschichte bestimmt sein. Der Hauptgrund für die Schaffung dieser Alternative war die Tatsache, dass nur 25 Personen an der eigentlichen Wanderung teilnehmen können. Es gab aber immer eine größere Nachfrage. Ich bin überzeugt, dass eine Online-Version immer das Ergebnis einer erheblichen Anpassungsarbeit ist. Je mehr man den gleichen Effekt auf dem Bildschirm erreichen will, desto mehr ist das Ergebnis zum Scheitern verurteilt. Und es gibt immer Konzepte/Genres, die sich leichter auf den Bildschirm übertragen lassen.

Welche Strategien setzen Sie ein, um die ZuschauerInnen am Bildschirm zu fesseln?

Wenn man online arbeitet, muss es entweder visuell fesselnd oder interaktiv oder sehr persönlich und charakterorientiert sein, um die Form zu legitimieren. Technisch ist das zum Beispiel durch Nahaufnahmen möglich. Es schafft immer eine besondere Intimität, wenn die SchauspielerInnen in die Kamera sprechen als ob sie einem direkt in die Augen schauen. Mein Ziel ist es, eine Situation zu schaffen, in der die ZuschauerInnen zu AkteurInnen und SchöpferInnen werden und so in den Raum der Performance hineingezogen werden. Im Fall von Addressless bilden die ZuschauerInnen verschiedene miteinander konkurrierende Gruppen, die in Breakout-Räumen auf Zoom miteinander kommunizieren. Der Fortschritt des Spiels wird durch ihre Entscheidungen gesteuert. Auch der häufige Wechsel verschiedener Elemente und Genres – Animation, Grafikdesign, musikalische Effekte und Videos – spielt eine wichtige Rolle für die Wirkung. Ein weiterer bedeutender Faktor für die endgültige Form ist die Bearbeitung, da sie eine Art des Geschichtenerzählens darstellt. Die Plattform selbst ist ebenfalls wichtig für den Erfolg. Ich kann mich an ein Projekt eines ungarischen Komponisten erinnern, die Geiseloper von Samu Gryllus in Zusammenarbeit mit Brina Stinehelfer. Sie nutzten dafür eine spezielle Plattform (SpatialChat), die sich für die Bewegung im virtuellen Raum gut eignet. Wer das Theater-Erlebnis maximieren will, muss sich mit den technischen Möglichkeiten vertraut machen.

Die Pandemieerfahrung hat auch unser Gemeinschaftsgefühl beeinflusst. Können wir heute von einem gemeinsamen Europa sprechen?

Die Kluft zwischen dem Osten und dem Westen Europas ist riesig, und es gibt keine Hoffnung, aufzuholen, in dem Sinne, wie wir UngarInnen es uns vor 30 Jahren vielleicht vorgestellt haben. Aber ich denke auch, dass es von Zeit zu Zeit sinnvoll ist, die Richtung zu hinterfragen, in die wir gehen. Es scheint nicht zu funktionieren, wenn wir versuchen, eine »billige Kopie« der westlichen Welt zu werden. Ich würde es nicht als Euroskeptizismus bezeichnen, aber es wäre gut, wenn wir die Dualität von Ost und West vergessen würden. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir uns mehr auf regionale Zusammenarbeit konzentrieren sollten. Wir bereiten gerade eine Kooperation mit einem kleinen Stadttheater in Kyjiw vor, und wir haben einige Erfahrungen dieser Art in Cluj-Napoca gemacht. Wir wollen uns nicht nur auf die Creative-EuropePartnerschaften etwa mit Deutschland, Frankreich und den Niederlanden stützen. Wir stehen jetzt an einer Weggabelung. Ich hoffe wirklich, dass die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht zu provinziellen, geschlossenen Gesellschaften ohne echte Zusammenarbeit und gemeinsames Denken führen werden.

(Das Interview wurde im Jänner 2022 geführt)

 

Martin Boross (*1988) ist ein ungarischer Theaterregisseur, Autor und Schauspieler. Er erwarb sein Diplom in Dramaturgie an der Universität für Theater- und Filmkunst in Budapest. Seit 2011 hat er 20 Theateraufführungen inszeniert. Seine Werke wurden von Theatern in 36 Städten in 11 Ländern aufgeführt. Aktuell leitet er das Budapester Kollektiv für zeitgenössisches Theater STEREO AKT.

Anita Gócza (*1970) arbeitete 15 Jahre lang als Radio-Reporterin und Redakteurin für die nationale Radiostation in Ungarn. Seit 2011 ist sie als freie Journalistin mit Fokus auf kulturellen Themen sowie als Dozentin für Online-und Radiojournalismus an der Budapest Metropolitan University tätig.

Schöpfen aus der Pandemie

2020 schlug die Geburtsstunde der COVID-Kunst. Mit der Krise brach eine Welle an visuellen Werken zur mentalen Bewältigung los. Doch der Bruch mit dem Vertrauten führte auch zu Debatten darüber, was Kunst ist und darf. ZUZANA DUCHOVÁ über offene Fragen und neue Perspektiven für die Kunstszene in der Slowakei und darüber hinaus.

Die Welt mit Corona ist unberechenbar. COVID-19 ist eine neue, weitgehend gemeinsame globale Erfahrung. Die Kunst ist vielschichtig, sie reagiert auf Krisen und sucht nach Lösungen. Während in der »alten Normalität« die meisten Menschen davon überzeugt waren, zu keinem Kunstwerk fähig zu sein, entdeckten sie während der langen Schließungen inmitten unerwarteter Freizeit ihre verborgenen Talente. Im Frühjahr 2020 kam es zu einer richtigen Explosion an mehr oder weniger gelungenen visuellen Arbeiten, die im Internet präsentiert wurden. Die Motive dieses Oeuvres kamen hauptsächlich aus dem Alltagsleben in der Pandemie. So fingen etwa Reportage-Zeichnungen flüchtige Momente ein. Großen Erfolg verzeichneten auch Darstellungen von Einsatzkräften. Die Grenzen zwischen Kunst und Kitsch wurden sehr individuell gezogen, und wir können nicht automatisch alles verurteilen, ohne den Kontext zu berücksichtigen.

Interessanter als die Frage der Qualität und der Verwendung in der Kunstwelt ist vielleicht der Moment der Schöpfung selbst. Kunst und Kunsthandwerk tragen dazu bei, Bedeutung zu geben und die Geschehnisse auf unterschiedliche Art und Weise zu erklären. Für viele Menschen ist eine künstlerische oder kreative Tätigkeit ein notwendiges »Lebensmittel« und Grundlage für ein gesundes Leben. Kunst hilft, die Welt in einem anderen Licht zu sehen, in individueller und globaler Hinsicht. Die Fragen, die sich daraus ergeben lauten: Ist Kunst ein Privileg oder wird sie als selbstverständlich angesehen? Können Menschen ohne Kunst leben? Was ist normal?

Eine Frage der Qualität?

In der Slowakei gründete sich auf Initiative der Künstlerin Ivana Šáteková die Gruppe CoronART, um Solidarität und Unterstützung, insbesondere für slowakische bildende KünstlerInnen, zu leisten. Ihr Motto lautet: »Lasst uns coronakarantena zu einer kreativen Herausforderung machen. Bilder, Fotografien, Skulpturen, Grafiken … Hängen Sie alles, was während der Quarantäne entstanden ist, hier auf und lassen Sie uns in dieser frustrierenden Zeit eine kleine Online-Galerie erstellen!« Dahinter stand die Idee, einen kreativen virtuellen Raum zu schaffen, in dem die Menschen ihr Schaffen während der Krise mit anderen teilen können. Die Gruppe wuchs von einem kleinen Kreis auf über 9000 Mitglieder an. Šáteková möchte eine kuratierte Auswahl dieser Arbeiten auch in Galerien zeigen. Ihre eigenen intimen Zeichnungen ironisieren die Konsumgesellschaft und die Ergebenheit gegenüber der Angst. Ihre größte Sorge über die Zeit nach Corona ist das zunehmende Desinteresse der Menschen an ihren Mitmenschen. Zu Beginn der Pandemie erlebte Mitgefühl einen Höhepunkt, doch mit der Zeit wurde dieses immer oberflächlicher. Während Šáteková die experimentelle Online-Galerie verwaltete, stieß sie auf negative Reaktionen und auf das Problem von schwankender Qualität bei den Einsendungen.

Kunst als Spiegel der Gesellschaft

Viele Werke sind mit, für, trotz und wegen COVID-19 entstanden. Viele haben nur ein kleines Publikum erreicht, aber ihre Bedeutung für die Szene selbst ist erwähnenswert. Denn einer der Werte der Kunst ist es, eine öffentliche Diskussion anzuregen. Das Projekt 7×7 Seven Free Reflections on Art ist ein Gemeinschaftswerk von KuratorInnen der Slowakischen Nationalgalerie. Es reagiert auf den Boom der Online-Kultur während der Quarantänemaßnahmen. Der digitale Fußabdruck der Slowakischen Nationalgalerie war schon vorher recht prominent, sodass es für das Team selbstverständlich war, das Online-Angebot unter den neuen Bedingungen zu erweitern. Ursprünglich als Ergänzung zu ständigen physischen Ausstellungen gedacht, wurde das digitale Format für einige Wochen zu einem Schwerpunktthema. Das Ausstellungskonzept gestaltete sich bedeutend flexibel für eine Institution, deren Betrieb »normalerweise« unter konservativen Bedingungen mit einem vorher festgelegten langfristigen Plan erfolgt. In der Ausstellung stehen die KuratorInnen im Vordergrund, denn sie bringt keine neuen Werke, sondern zeigt neue Perspektiven darauf. In den einzelnen Ausstellungsräumen haben die BesucherInnen die Möglichkeit, bereits ausgestellte Werke im neuen Kontext der Pandemie kennenzulernen.

Ein ähnliches Konzept steckt hinter der Ausstellung DESIGN IS NOW! mit dem Untertitel Menschen werden Designer. Die Designer sind Menschen geblieben. Im Sommer 2020 wurde ein Querschnitt von Arbeiten von DesignerInnen im slowakischen Designmuseum ausgestellt. Die Ausstellung zeichnet die Aktivitäten von KünstlerInnen, DesignerInnen, Designstudios, EntwicklerInnen, Schulen, HerstellerInnen und LaiInnen während der Pandemie nach und zeigt markante Phänomene dieser Bewährungsprobe von Menschlichkeit und Zugehörigkeit.

Offenheit praktizieren

Das neueste Werk von Dorota Sadovská wurde in der Städtischen Galerie Bratislava in einer auf September 2020 verschobenen Ausstellung mit dem Titel Common Nonsense präsentiert. Auf die drängenden Probleme der Welt, die durch die Pandemie verursacht oder verstärkt wurden, reagierte sie mit figurativen Gemälden, die auf abstrakte Kompositionen abgestimmt waren. Die Gemälde #StayHome 1 und #StayHome 2 (2020) wurden zwar als Reaktion auf die Pandemie geschaffen, doch ihr Inhalt ist viel umfassender. Die angehäuften und ineinander verschlungenen Gliedmaßen und Körperteile sind ein subtiler, humorvoller Beitrag zur Darstellung eines überfüllten Lebensraums, sei es eine Wohnung, in der alle Familienmitglieder eingesperrt sind, oder der Planet. Durch die verwendeten Farben spielt sie auch auf Fragen der Normalität und Gesundheit an. Die Kunst enthält Elemente, die der Gesellschaft in jeder Situation helfen können – sei es ihre soziale und kommunikative Dimension, durch ihre Affinität zur Innovation oder durch die Anwendung in der Psycho- und Kunsttherapie. Die aktuellen Entwicklungen in der visuellen Kunst spiegeln weitgehend die Welt um uns herum wider, da die Krise der öffentlichen Gesundheitssysteme die Menschen unabhängig von ihrer kulturellen Zugehörigkeit betrifft. In der Welt der Kunst können wir zusammenkommen, ohne dass die Konflikte eskalieren müssen. Doch es ist ebenso in Ordnung, keine COVID-Kunst zu schaffen, denn jede Reaktion auf ein Trauma oder eine Krise ist legitim. Als Kunstmenschen sollten wir jedenfalls dazu in der Lage sein, den vielfältigen Ergebnissen dieser Schaffensprozesse mit einem gewissen Maß an Offenheit und Freundlichkeit zu begegnen.

 

Zuzana Duchová, Kuratorin und Publizistin, studierte Kunstgeschichte an der Comenius Universität in Bratislava und an der Universität Wien. Neben ihrer theoretischen Forschung über das kulturelle Leben in Städten, hat sie mehrere Veranstaltungen über die Schnittmenge von Kunst, Architektur und kreativem Tourismus mitorganisiert und zusammen mit über 40 Co-AutorInnen zwei Bücher über Bratislava veröffentlicht. Aktuell arbeitet sie für den Creative Europe Desk Slovakia und kuriert das Projekt salonik.sk.

Monumente der Berührung

Zwei Hände, etwas Ton und fertig ist der Abdruck. Mit ihrem sozialen Kunstprojekt setzen MEIKE ZIEGLER und IVÁN GÁBOR ein Statement gegen die Kontaktlosigkeit. FRANCESCO BARBATI sprach für INFO EUROPA mit den InitiatorInnen von Handshape über die Kunst des Händereichens

Simpel und kraftvoll: Ein Händedruck verwandelt Fremde in Bekannte. Eine Geste, die innere Mauern einreißt. Meike Ziegler und Iván Gábor stellen das Symbol der Einheit in den Mittelpunkt ihres Projekts Handshape. Das kreative Duo führte ein soziales Experiment durch, bei dem sich mehr als 22.000 Fremde aus ganz Deutschland, Europa und der Welt begegneten. Aus diesen Begegnungen entstanden Handshapes, kleine Gebilde, die beim Händeschütteln aus Ton geformt werden. Die »Handabdrücke« wurden anschließend zu einem Monument zusammengefügt. Jeder Abdruck bekam einen Namen, ein Wort oder Thema, das die beiden Personen verbindet. Trotz Einschränkungen führten Ziegler und Gábor das Projekt auch im Sommer 2021 durch.

Wie kam es zu Handshape und was hat die Pandemie verändert?

Meike Ziegler: Ich hatte Handshape ursprünglich für die Feiern zur Wiedervereinigung Deutschlands 2018 entworfen. Als ich es im Senat vorstellte, meinten sie, es wäre passender für den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Also machten wir es für diesen Anlass. Schon damals hatte ich vor, dieses Ritual weit in die Welt hinauszutragen. Es ist ein Konzept, das man dorthin bringt, wo es gebraucht wird. Durch Handshape hatten wir das Privileg, viele Menschen zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Menschen, deren Leben sich sonst niemals kreuzen würden.

Iván Gábor: Als wir Handshape 2019 ins Leben riefen, hatte ich keinen Zweifel, dass es ein Erfolg wird. Für viele ist es nicht selbstverständlich, sich mit Fremden zu verbinden. Wir alle haben unsere instinktiven Ängste. Aber ich merkte, dass sich diese Wahrnehmung nach den ersten Minuten änderte, sobald ein Gespräch begann.

MZ: Die Pandemie wirkte sich auf mein Leben und meine Arbeit aus. Wir alle scheinen derzeit müde und abgestumpft zu sein. Es gibt eine große Sehnsucht nach sozialen Ereignissen und ein Bedürfnis nach menschlicher Verbindung. Während der langen COVID-Pause gestalteten wir ein Buch, in dem wir die Handformen als Fossilien ausstellten. Ich fing auch an, online Kreativ-Workshops zu geben und Konzepte für das Humboldt Forum oder das House of One zu entwerfen. Ivan und ich verbrachten viele Stunden damit, uns zu unterhalten und zu verstehen, wie es weitergeht. Ich habe auch viel über mich selbst und die Kraft dieser Arbeit gelernt.

IG: Als Handshape im letzten Sommer wieder in der East Side Gallery stattfand, hatten 90 Prozent der Teilnehmenden kein Problem damit, sich die Hände zu schütteln. Das gab mir Hoffnung, irgendwann wieder zur Normalität zurückkehren zu können.

Meike, Sie bezeichnen sich selbst als kreative Alchemistin. Was können wir darunter verstehen?

MZ: Nachdem ich einige Jahre im Bereich Multimedia- und Internet-Branding gearbeitet hatte, verspürte ich einen Mangel an Bedeutung und den Drang, Menschen durch greifbare Objekte in Echtzeit zu verbinden. Ich bezeichne mich nicht als Künstlerin. Ich schaffe keine Kunst.zum Trauerraum. Ich entwerfe Lösungen für soziale Fragen und Probleme, die danach schreien, angesprochen zu werden. Ich entwerfe Creatuals, also kreative Rituale (creative rituals), um Muster zu durchbrechen und Menschen zum Nachdenken zu bewegen. Alchemie hat mich schon immer interessiert. Es geht darum, Gold zu erschaffen. Ich liebe es, mit Symbolen zu arbeiten bis ein Konzept für ein bestimmtes Problem einfach, kraftvoll und rein wie Gold ist.

Wie kann die Digitalisierung dazu beitragen, dass Menschen nicht nur miteinander in Kontakt treten, sondern sich auch verbunden fühlen?

MZ: Die Digitalisierung ist ein großartiges Werkzeug für globale Vernetzungssysteme und menschliche Verbindungen. Sie bringt Menschen zusammen, aber es fehlt der wichtigste Sinn, den wir TOUCH (Berührung) nennen. Die digitale Verbindung wird niemals physisches Zusammenkommen übertreffen. Wir können einen Händedruck oder eine Umarmung weder imitieren noch fälschen. Ich glaube, es wird immer eine Sehnsucht nach analoger und realer Berührung geben.

Berlin ist auch ein Sehnsuchtsort, ein Magnet, der viele anzieht. Warum sind Sie beide nach Berlin gekommen?

MZ: Ich bin in meiner Kindheit viel gereist. Mein Vater war ein Stadtplaner und Designer. Ich wechselte oft das Land und die Schule und genoss es, in verschiedenen Kulturen zu leben. Das hat mich und meine Denkweise geprägt. Ich fühlte mich als Weltbürgerin und nicht als Angehörige einer Nation. Für mich als Kind wurden Grenzen in Köpfen geschaffen. Mein Partner bekam 2016 einen Job als Museumsdirektor in Berlin, also zogen wir mit unseren Kindern hierher. In Berlin angekommen, sagte jemand zu mir: »Du brauchst Berlin nicht. Berlin braucht dich!« Vielleicht hatte sie recht, und ja, Berlin ist wie ein Magnet. Es ist schwer zu beschreiben, was es mit dieser Stadt auf sich hat. Ich schätze, es sind die Geschichte und die leichte Spannung, die man immer noch zwischen Ost und West spürt.

IG: Ich bin 2016 aus Ungarn nach Berlin gezogen, um hier dauerhaft mit meiner Familie zu leben. Wir waren davor häufig in Berlin. Es gab immer einen Grund, hinzufahren. Ich habe die Berliner Mauer 1984 am Checkpoint Charlie passiert, und bin nach 1990 unzählige Male hingefahren, um die Veränderungen zu bewundern und den Berliner Freiheitsgeist zu genießen. Nachdem 2014 in Ungarn die illiberale Demokratie ausgerufen wurde, beschlossen wir, eine neue Heimat zu suchen, und Berlin war eine leichte Wahl.

Iván, wie steht es um Kunst und Kultur in Ungarn angesichts des Aufstiegs von Nationalismus und Populismus?

IG: Die Frage ist schwierig. Der aufkommende Nationalismus des 18. Jahrhunderts beeinflusste lange kulturelle Entwicklungen in Europa. Die Literatur, bildende Kunst und Musik zeugen davon. Der Zusammenbruch der österreichischungarischen Monarchie brachte enorme Veränderungen. Und die Härte des 20. Jahrhunderts machte die nationale Idee obsolet. Die europäische Herausforderung des 21. Jahrhunderts besteht darin, die Idee des Nationalstaates zu begraben und zu jener Vielfalt zurückzukehren, die über Jahrhunderte hinweg üblich und natürlich war. Heute benutzen PopulistInnen nationale Gefühle, um sich den Veränderungen zu entziehen, die neue Technologien, soziale Probleme, Folgen der Globalisierung oder Ökologie einfordern. Ich wünschte, wir könnten mit Handshape durch Mittel- und Osteuropa reisen und versuchen, Menschen mit Migrationshintergrund und Einheimische zusammenzubringen. Ich bin überzeugt, dass Handshape ein Format ist, das das Eis zwischen Menschen brechen kann.

Einige MinisterInnen haben die EU-Kommission kürzlich dazu aufgefordert, Mittel für Grenzmauern oder Zäune bereitzustellen, um Flüchtende an der Einreise aus Belarus zu hindern. Wie können wir Offenheit und Dialog fördern, anstatt Symbole der Teilung wieder aufleben zu lassen?

IG: In dieser Frage bin ich ein Idealist und Optimist. Ich werde nie aufhören, daran zu glauben, dass sich Mentalitäten ändern können. Wandel brauchen wir auf allen Ebenen. Veränderung beginnt mit Aufgeben und Loslassen. Deshalb ist das einzige Merkmal von Veränderung, dass sie wehtut. Kein Schmerz, keine Veränderung. Die Verbindung zwischen Menschen schafft den notwendigen Durchbruch. Die Beweggründe des anderen zu sehen und zu verstehen, lässt uns über uns selbst nachdenken.

Woran arbeiten Sie aktuell?

MZ: Ich war Anfang Februar in der Nähe von Narva in Estland, an der russischen Grenze, und habe dort Workshops für junge soziale AktivistInnen und FriedensstifterInnen gegeben – RussInnen und EstInnen. Die Beziehung der NachbarInnen ist auch nach 30 Jahren Unabhängigkeit komplex. Sie kämpfen mit verschiedenen Problemen. Beide Kulturen sind zu stolz und starrköpfig, um Empathie zu zeigen, nachzudenken und Kontakte zu knüpfen. Obwohl sie sich danach sehnen, gemeinsam an einer besseren Zukunft zu arbeiten, gibt es eine große Kommunikationslücke, Frustration und Angst. Wir versuchten mit Hilfe der Methode des Creatuals Lösungen zu finden. Als sie miteinander sprachen, erkannten sie ihre Ängste, das mangelnde Zuhören, ihre Vorurteile, wiederholte Fehler, und wie großartig es ist, sich zu verbinden. Sie erkannten, wie viel sie gemeinsam haben. Mein Fokus hat sich während der Pandemie verändert und ich verspüre den Drang, nicht nur Konzepte zu entwerfen, sondern auch mehr zu lehren. Ich habe mich entschlossen, eine Kreativ-Akademie zu gründen und Menschen und Führungskräfte darin zu unterrichten, Rituale für ihren eigenen Transformationsprozess zu schaffen und anderen zu helfen.

IG: In den letzten sechs Monaten arbeiteten wir auch an dem wunderbaren House of One-Projekt. Im Zentrum Berlins wird ein fast 40 Meter ohes Gebäude gebaut, das eine Synagoge, eine Moschee und eine Kirche unter einem Dach versammelt. Die drei religiösen Räume sind mit einem zentralen Raum, dem vierten Raum, verbunden. Wir entwickelten eine wunderbare Methode, um das House of One zu einem Erlebnis zu machen, das das Herz berührt. Außerdem arbeiten wir mit hervorragenden Menschen daran, Handshape zu einem globalen Symbol für menschliche Verbindungen zu machen.

 

Francesco Barbati ist freier Autor, Übersetzer und Redakteur u.a. für Cafébabel. Nach Grundstudien in Linguistik und Kommunikation studiert er aktuell European Studies and Management of EU-Projects in Eisenstadt.

Meike Ziegler wurde in Florenz, London und Utrecht ausgebildet. Sie arbeitete als Multimedia- und Konzeptdesignerin in verschiedenen Städten und gründete 2009 die Marke Creatuals. Sie bezeichnet sich selbst als »kreative Alchemistin«: Indem sie originelle, maßgeschneiderte, moderne Rituale entwirft, bringt sie Menschen, Situationen, Orte und Objekte auf intuitive Weise zusammen.

Iván Gábor ist Kommunikationsexperte und Berater. Er arbeitete mehr als zwei Jahrzehnte am Aufbau einer der größten Agenturgruppen in Ungarn, dessen Netzwerk 16 Länder Osteuropas umfasst. Seit 2016 lebt Iván Gábor mit seiner Familie in Berlin, wo er eine Firma für geflüchtete GrafikdesignerInnen gründete, um Kreativen bei der Integration zu helfen.

Wer den letzten Strohhalm zieht

Durch die Pandemie erlitten Menschen weltweit Verluste: Sie verloren manche Freiheiten, alltägliche Gewohnheiten, sogar geliebte Menschen. Anhand des Abschieds vom Plastikstrohhalm zeigt MARTINA PETROVIĆ auf, wie Rituale uns bei Verlusten aller Art helfen können – und das über kulturelle Grenzen hinaus.

Als Künstlerin hatte ich schon vor Beginn der Pandemie kein geordnetes Leben. Vielleicht verfügte ich nie über dieses Privileg, vielleicht bin ich auch einfach nicht der Typ dafür. Wie dem auch sei, ich hatte nie die Gewissheit von morgen. Zugegeben, ich empfand zu Beginn der COVID-Krise eine gewisse Erleichterung, dass wir uns nun alle in der gleichen Situation der Unsicherheit befanden. So schrecklich es auch klingen mag, war es doch tröstlich für mich. Plötzlich war jede und jeder verwundbar, natürlich nicht im gleichen Ausmaß, aber doch… Heute, zwei Jahre später, hat sich diese Verletzlichkeit fast ins Unerträgliche gesteigert: die Unsicherheit der Kultur, des Zusammenseins, der Intuition und Spontaneität, des bloßen Seins… all das hat die nächste Stufe der Unvorhersehbarkeit erreicht. Wir leben außerhalb unserer Komfortzone, außerhalb des Vertrauten.

Der Verlust

Als Gesellschaft haben wir bereits viel verloren, und wir sind dabei, noch mehr zu verlieren: unser übliches Umfeld, unsere Technologien und die damit einhergehenden sozialen Gewohnheiten. Es gibt keine Formel dafür, wie wir mit dem Verlust umgehen. Die Unterschiede zwischen uns zeigen sich in den vielen einzigartigen Ausdrucksformen der Trauer. Die Motivation für meine künstlerische Arbeit sehe ich in dem Bedürfnis, besser zu verstehen, was es bedeutet, Rituale für den Verlust zu schaffen. Ich will verstehen, wie wir mit dem unvermeidlichen Verlust von Teilen unserer Kultur, unserer Menschlichkeit, der Veränderung unserer Denk- und Verhaltensweisen, umgehen. Der Klimawandel lässt Arten und Lebensräume beängstigend schnell verschwinden. Technologien und Lebensweisen werden aufgegeben und ersetzt. Ich frage mich, wie wir uns Zeit nehmen können, um zu trauern. Wie können wir uns darin üben, verletzlich zu sein, unser Leben zu entschleunigen und zu akzeptieren, was auch immer auf uns zukommen mag? Mein Gefühl der Deplatzierung und mein Bedürfnis nach einer starken Verbindung zu meiner Kultur wurden dadurch verstärkt, dass ich mittlerweile in Belgien wohne.

Meine künstlerischen Interessen verbinde ich mit den Traditionen und Ritualen des Balkans, wo meine Wurzeln sind. Es ist eine Untersuchung heiliger Rituale: die Handarbeit der Frauen dieser Region, ihre Symbole und ihr Wirken auf die moderne Kultur und alltägliche Praktiken. Rituale ermöglichen es uns, eine Verbindung mit der Natur, mit uns selbst und mit unserer Umwelt zu kultivieren. Wenn es uns gelingt, solche Bindungen zu knüpfen, können wir vielleicht auch uns selbst, unseren Gemeinschaften und der Natur gegenüber mit mehr Demut und Respekt begegnen. Wir könnten so auf eine umweltbewusste Gesellschaft hinarbeiten, die keine strikten Grenzen zwischen Natur und Kultur zieht, sondern sie als zwei gleichwertige Seiten derselben Medaille begreift.

Trauer zulassen

Das Projekt The Last Straw (Der letzte Strohhalm) begann während einer provokanten und auf den ersten Blick frivolen Trauer über den Verlust von Plastikstrohhalmen. Im Januar 2019 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Verwendung aller nicht recycelbaren Plastikgegenstände verbietet. The Last Straw aktiviert einen Raum der Trauer, indem er Möglichkeiten bietet, sich von Gewohnheiten und Technologien zu verabschieden, selbst wenn es schlechte waren. Unser Abschied von ihnen ist für das Überleben und eine bessere Zukunft notwendig. Um den Verlust zu verarbeiten, den wir uns selbst verweigern, tun wir lieber so, als wäre er nicht da, als wäre er irrelevant. Stattdessen sollten wir ihn anerkennen und ehren. Der Ausgangspunkt für The Last Straw war das Weben eines traditionellen serbischen Teppichs. Dieser von Hand gewebte Teppich wurde aus gebrauchten, nicht wiederverwertbaren Plastikstrohhalmen, die ich in den letzten zwei Jahren in den Bars des Marnixplaats in Antwerpen gesammelt hatte, hergestellt. Er wurde mit traditionellen »magischen« Symbolen bemalt. Der Teppich wurde so zu einem nomadischen Raum, der die Geschichte des Loslassens erzählt und die Gelegenheit bietet, einen Moment der Trauer zuzulassen. Da es üblich ist, Trauer in fünf Phasen zu erleben, hat auch The Last Straw fünf Phasen: Verleugnung, Verhandeln, Traurigkeit, Wut und Akzeptanz. Durch traditionelle Trauer- und Bestattungsrituale des Balkans verwandelte sich der Teppich
zum Trauerraum.

Verleugnung

Die erste Phase, die Verleugnung, fand vor einem Jahr auf dem Marnixplaats statt – dort, wo die Strohhalme gesammelt wurden. In dem Intermezzo zwischen dem ersten Lockdown und der Hoffnung, dass ein Impfstoff kommen wird, versammelte sich eine Handvoll Menschen, um das Projekt auf den Weg zu bringen. Für die Verweigerung wurde ein Ritual des Waschens des »Verlorenen« durchgeführt. Die Phase der Verleugnung hilft uns, den Schock der Erkenntnis zu überstehen, dass etwas oder jemand für immer aus unserem Leben verschwunden ist.

Verhandeln

Die zweite Phase der Trauer, das Verhandeln, fand dreimal im Jahr 2021 zu verschiedenen Anlässen in Belgien statt. In dieser Phase versuchen wir, der Realität und dem Schmerz des Verlusts zu entgehen, indem wir in der Vergangenheit verharren und einen Weg aus dem Schmerz suchen. Das Feilschen wurde durch das Ritual des Klagens durchgeführt. Das Lamentieren wird in bestimmten südlichen Kulturen von Frauen praktiziert, die den Kummer der Trauernden durch Lieder und Schreie zum Ausdruck bringen. Bei der Durchführung dieses Rituals habe ich zum ersten Mal die Bedeutung von Traditionen und die Zeitlosigkeit der Trauer verstanden.

Traurigkeit

Die dritte Phase, Traurigkeit, fand nie in der Öffentlichkeit statt. Die Rituale wurden im vergangenen Jahr in einer Arbeitsgruppe von KünstlerInnen geteilt. Wir tauschten unsere Bewältigungsmechanismen aus, so wie man geheime Familienkochrezepte austauscht, was einen offenen Umgang mit der Traurigkeit ermöglichte, ohne sie rechtfertigen und entschuldigen zu müssen.

Wut

Die vierte Phase, Wut, fand im Oktober 2021 in Belgrad statt. Sie ermöglichte es, die Wut durch das Ritual des Schlagens auf den Teppich ausleben zu können, um ihn zu reinigen. Wut erlaubt es uns, zu fühlen und unsere Gefühle nicht zu verstecken. Sie ist eine natürliche Reaktion auf die Ungerechtigkeit des Verlustes. Oft kommt es vor, dass uns unsere Wut isoliert, aber wir sollten sie teilen, um sie zu überwinden und sie als das zu sehen, was sie sein kann: eine mächtige kreative Kraft. Wir werden wütend auf uns selbst, weil wir nicht in der Lage sind, eine bestimmte Kette von Ereignissen zu verhindern, wir werden wütend auf andere, wir werden wütend auf die Welt, in der wir leben. Ich sage: »Werdet wütend!«

Akzeptanz

Die fünfte Phase, Akzeptanz, fand im November 2021 im Kunstzentrum deSingel in Antwerpen statt. Akzeptanz ist der Moment im Trauerprozess, der uns dazu einlädt, Frieden mit der Tatsache zu schließen, dass wir in dieser Welt ohne gewisse Menschen, Technologien, Umgebungen und Gewohnheiten weiterleben müssen. Dass diese nun zu der Welt außerhalb unserer Reichweite gehören. Wir verstehen, dass unser Verlust nicht ersetzt werden kann und auch nie ersetzt werden wird. Wir bewegen uns, wachsen und entwickeln uns in unsere neue Realität hinein. Für diese Phase wurde das Ritual des Tanzes für die Toten durchgeführt.

Sinn finden

Wie bereits erwähnt, durchläuft die Trauer in der Regel fünf Phasen, aber es kommt noch eine weitere hinzu: die Sinnsuche. Wir können uns fragen: Welchen Sinn könnte der Verlust haben? Es könnte sein, dass unser Verlust uns einander näherbringt, vielleicht kann er unsere Hoffnung und unseren Glauben wiedererwecken und unser Zugehörigkeitsgefühl vertiefen. Die Suche nach einem Sinn bietet die Möglichkeit, mit Worten und Anwesenden einen magischen Raum zu schaffen, um gemeinsam einen Moment der Heilung und des Neuanfangs zu erleben. Dieses Ritual wird den ersten Zyklus der Trauer um den letzten Plastikstrohhalm abschließen. Es bindet alle Emotionen und Kämpfe der vorangegangenen Phasen zusammen und schafft einen fruchtbaren Boden für zukünftige Phasen. Das Ritual fand am 12. Februar 2022 in De Kunsthal in Gent statt.

Neue Rituale finden

Im Moment ist es sehr schwer, sich einen Reim auf die Situation zu machen oder sich eine mögliche Zukunft vorzustellen, die nicht einem Weltuntergang gleicht. Auch wenn es scheint, dass wir nach dem letzten Strohhalm der Hoffnung greifen, glaube ich, dass es Trost gibt, den Verlust zu teilen. Dass es uns Kraft gibt, sinnvolle Beziehungen zu schaffen. Blicken wir tief in unsere Wurzeln, finden wir in der Vergangenheit die nötige Kraft und Unterstützung, um vorwärtszukommen. Neue Rituale können uns in diesem Prozess der Heilung helfen.

 

Martina Petrović versteht sich als eine MultimediaKünstlerin und Abenteurerin vom Balkan. In ihrer künstlerischen Arbeit beschäftigt sie sich mit der Erforschung sozial erzeugter emotionaler Zustände bezogen auf den Verlust von Werten, die Schädigung der Umwelt und mit dem Gefühl, fehl am Platz zu sein.

Monumente der Berührung

Zwei Hände, etwas Ton und fertig ist der Abdruck. Mit ihrem sozialen Kunstprojekt setzen MEIKE ZIEGLER und IVÁN GÁBOR ein Statement gegen die Kontaktlosigkeit. FRANCESCO BARBATI sprach für INFO EUROPA mit den InitiatorInnen von Handshape über die Kunst des Händereichens.

Simpel und kraftvoll: Ein Händedruck verwandelt Fremde in Bekannte. Eine Geste, die innere Mauern einreißt. Meike Ziegler und Iván Gábor stellen das Symbol der Einheit in den Mittelpunkt ihres Projekts Handshape. Das kreative Duo führte ein soziales Experiment durch, bei dem sich mehr als 22.000 Fremde aus ganz Deutschland, Europa und der Welt begegneten. Aus diesen Begegnungen entstanden Handshapes, kleine Gebilde, die beim Händeschütteln aus Ton geformt werden. Die »Handabdrücke« wurden anschließend zu einem Monument zusammengefügt. Jeder Abdruck bekam einen Namen, ein Wort oder Thema, das die beiden Personen verbindet. Trotz Einschränkungen führten Ziegler und Gábor das Projekt auch im Sommer 2021 durch.

Wie kam es zu Handshape und was hat die Pandemie verändert?

Meike Ziegler: Ich hatte Handshape ursprünglich für die Feiern zur Wiedervereinigung Deutschlands 2018 entworfen. Als ich es im Senat vorstellte, meinten sie, es wäre passender für den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Also machten wir es für diesen Anlass. Schon damals hatte ich vor, dieses Ritual weit in die Welt hinauszutragen. Es ist ein Konzept, das man dorthin bringt, wo es gebraucht wird. Durch Handshape hatten wir das Privileg, viele Menschen zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Menschen, deren Leben sich sonst niemals kreuzen würden.
Iván Gábor: Als wir Handshape 2019 ins Leben riefen, hatte ich keinen Zweifel, dass es ein Erfolg wird. Für viele ist es nicht selbstverständlich, sich mit Fremden zu verbinden. Wir alle haben unsere instinktiven Ängste. Aber ich merkte, dass sich diese Wahrnehmung nach den ersten Minuten änderte, sobald ein Gespräch begann.
MZ: Die Pandemie wirkte sich auf mein Leben und meine Arbeit aus. Wir alle scheinen derzeit müde und abgestumpft zu sein. Es gibt eine große Sehnsucht nach sozialen Ereignissen und ein Bedürfnis nach menschlicher Verbindung. Während der langen COVID-Pause gestalteten wir ein Buch, in dem wir die Handformen als Fossilien ausstellten. Ich fing auch an, online Kreativ-Workshops zu geben und Konzepte für das Humboldt Forum oder das House of One zu entwerfen. Ivan und ich verbrachten viele Stunden damit, uns zu unterhalten und zu verstehen, wie es weitergeht. Ich habe auch viel über mich selbst und die Kraft dieser Arbeit gelernt.
IG: Als Handshape im letzten Sommer wieder in der East Side Gallery stattfand, hatten 90 Prozent der Teilnehmenden kein Problem
damit, sich die Hände zu schütteln. Das gab mir Hoffnung, irgendwann wieder zur Normalität zurückkehren zu können.

Meike, Sie bezeichnen sich selbst als kreative Alchemistin. Was können wir darunter verstehen?

MZ: Nachdem ich einige Jahre im Bereich Multimedia- und Internet-Branding gearbeitet hatte, verspürte ich einen Mangel an Bedeutung und den Drang, Menschen durch greifbare Objekte in Echtzeit zu verbinden. Ich bezeichne mich nicht als Künstlerin. Ich schaffe keine Kunst. Ich entwerfe Lösungen für soziale Fragen und Probleme, die danach schreien, angesprochen zu werden. Ich entwerfe Creatuals, also kreative Rituale (creative rituals), um Muster zu durchbrechen und Menschen zum Nachdenken zu bewegen. Alchemie hat mich schon immer interessiert. Es geht darum, Gold zu erschaffen. Ich liebe es, mit Symbolen zu arbeiten bis ein Konzept für ein bestimmtes Problem einfach, kraftvoll und rein wie Gold ist.

Wie kann die Digitalisierung dazu beitragen, dass Menschen nicht nur miteinander in Kontakt treten, sondern sich auch verbunden fühlen?

MZ: Die Digitalisierung ist ein großartiges Werkzeug für globale Vernetzungssysteme und menschliche Verbindungen. Sie bringt Menschen zusammen, aber es fehlt der wichtigste Sinn, den wir TOUCH (Berührung) nennen. Die digitale Verbindung wird niemals physisches Zusammenkommen übertreffen. Wir können einen Händedruck oder eine Umarmung weder imitieren noch fälschen. Ich glaube, es wird immer eine Sehnsucht nach analoger und realer Berührung geben.

Berlin ist auch ein Sehnsuchtsort, ein Magnet, der viele anzieht. Warum sind Sie beide nach Berlin gekommen?

MZ: Ich bin in meiner Kindheit viel gereist. Mein Vater war ein Stadtplaner und Designer. Ich wechselte oft das Land und die Schule und genoss es, in verschiedenen Kulturen zu leben. Das hat mich und meine Denkweise geprägt. Ich fühlte mich als Weltbürgerin und nicht als Angehörige einer Nation. Für mich als Kind wurden Grenzen in Köpfen geschaffen. Mein Partner bekam 2016 einen Job als Museumsdirektor in Berlin, also zogen wir mit unseren Kindern hierher. In Berlin angekommen, sagte jemand zu mir: »Du brauchst Berlin nicht. Berlin braucht dich!« Vielleicht hatte sie recht, und ja, Berlin ist wie ein Magnet. Es ist schwer zu beschreiben, was es mit dieser Stadt auf sich hat. Ich schätze, es sind die Geschichte und die leichte Spannung, die man immer noch zwischen Ost und West spürt.
IG: Ich bin 2016 aus Ungarn nach Berlin gezogen, um hier dauerhaft mit meiner Familie zu leben. Wir waren davor häufig in Berlin. Es gab immer einen Grund, hinzufahren. Ich habe die Berliner Mauer 1984 am Checkpoint Charlie passiert, und bin nach 1990 unzählige Male hingefahren, um die Veränderungen zu bewundern und den Berliner Freiheitsgeist zu genießen. Nachdem 2014 in Ungarn die illiberale Demokratie ausgerufen wurde, beschlossen wir, eine neue Heimat zu suchen, und Berlin war eine leichte Wahl.

Iván, wie steht es um Kunst und Kultur in Ungarn angesichts des Aufstiegs von Nationalismus und Populismus?

IG: Die Frage ist schwierig. Der aufkommende Nationalismus des 18. Jahrhunderts beeinflusste lange kulturelle Entwicklungen in Europa. Die Literatur, bildende Kunst und Musik zeugen davon. Der Zusammenbruch der österreichischungarischen Monarchie brachte enorme Veränderungen. Und die Härte des 20. Jahrhunderts machte die nationale Idee obsolet. Die europäische Herausforderung des 21. Jahrhunderts besteht darin, die Idee des Nationalstaates zu begraben und zu jener Vielfalt zurückzukehren, die über Jahrhunderte hinweg üblich und natürlich war. Heute benutzen PopulistInnen nationale Gefühle, um sich den Veränderungen zu entziehen, die neue Technologien, soziale Probleme, Folgen der Globalisierung oder Ökologie einfordern. Ich wünschte, wir könnten mit Handshape durch Mittel- und Osteuropa reisen und versuchen, Menschen mit Migrationshintergrund und Einheimische zusammenzubringen. Ich bin überzeugt, dass Handshape ein Format ist, das das Eis zwischen Menschen brechen kann.

Einige MinisterInnen haben die EU-Kommission kürzlich dazu aufgefordert, Mittel für Grenzmauern oder Zäune bereitzustellen, um Flüchtende an der Einreise aus Belarus zu hindern. Wie können wir Offenheit und Dialog fördern, anstatt Symbole der Teilung wieder aufleben zu lassen?

IG: In dieser Frage bin ich ein Idealist und Optimist. Ich werde nie aufhören, daran zu glauben, dass sich Mentalitäten ändern können. Wandel brauchen wir auf allen Ebenen. Veränderung beginnt mit Aufgeben und Loslassen. Deshalb ist das einzige Merkmal von Veränderung, dass sie wehtut. Kein Schmerz, keine Veränderung. Die Verbindung zwischen Menschen schafft den notwendigen Durchbruch. Die Beweggründe des anderen zu sehen und zu verstehen, lässt uns über uns selbst nachdenken.

Woran arbeiten Sie aktuell?

MZ: Ich war Anfang Februar in der Nähe von Narva in Estland, an der russischen Grenze, und habe dort Workshops für junge soziale AktivistInnen und FriedensstifterInnen gegeben – RussInnen und EstInnen. Die Beziehung der NachbarInnen ist auch nach 30 Jahren Unabhängigkeit komplex. Sie kämpfen mit verschiedenen Problemen. Beide Kulturen sind zu stolz und starrköpfig, um Empathie zu zeigen, nachzudenken und Kontakte zu knüpfen. Obwohl sie sich danach sehnen, gemeinsam an einer besseren Zukunft zu arbeiten, gibt es eine große Kommunikationslücke, Frustration und Angst. Wir versuchten mit Hilfe der Methode des Creatuals Lösungen zu finden. Als sie miteinander sprachen, erkannten sie ihre Ängste, das mangelnde Zuhören, ihre Vorurteile, wiederholte Fehler, und wie großartig es ist, sich zu verbinden. Sie erkannten, wie viel sie gemeinsam haben. Mein Fokus hat sich während der Pandemie verändert und ich verspüre den Drang, nicht nur Konzepte zu entwerfen, sondern auch mehr zu lehren. Ich habe mich entschlossen, eine Kreativ-Akademie zu gründen und Menschen und Führungskräfte darin zu unterrichten, Rituale für ihren eigenen Transformationsprozess zu schaffen und anderen zu helfen.
IG: In den letzten sechs Monaten arbeiteten wir auch an dem wunderbaren House of One-Projekt. Im Zentrum Berlins wird ein fast 40 Meter hohes Gebäude gebaut, das eine Synagoge, eine Moschee und eine Kirche unter einem Dach versammelt. Die drei religiösen Räume sind mit einem zentralen Raum, dem vierten Raum, verbunden. Wir entwickelten eine wunderbare Methode, um das House of One zu einem Erlebnis zu machen, das das Herz berührt. Außerdem arbeiten wir mit hervorragenden Menschen daran, Handshape zu einem globalen Symbol für menschliche Verbindungen zu machen.

handshapeProject.com

creatuals.com


Francesco Barbati ist freier Autor, Übersetzer und Redakteur u.a. für Cafébabel. Nach Grundstudien in Linguistik und Kommunikation studiert er aktuell European Studies and Management of EU-Projects in Eisenstadt.

Meike Ziegler wurde in Florenz, London und Utrecht ausgebildet. Sie arbeitete als Multimedia- und Konzeptdesignerin in verschiedenen Städten und gründete 2009 die Marke Creatuals. Sie bezeichnet sich selbst als »kreative Alchemistin«: Indem sie originelle, maßgeschneiderte, moderne Rituale entwirft, bringt sie Menschen, Situationen, Orte und Objekte auf intuitive Weise zusammen.

Iván Gábor ist Kommunikationsexperte und Berater. Er arbeitete mehr als zwei Jahrzehnte am Aufbau einer der größten Agenturgruppen in Ungarn, dessen Netzwerk 16 Länder Osteuropas umfasst. Seit 2016 lebt Iván Gábor mit seiner Familie in Berlin, wo er eine Firma für geflüchtete GrafikdesignerInnen gründete, um Kreativen bei der Integration zu helfen.

Wer den letzten Strohhalm zieht

Durch die Pandemie erlitten Menschen weltweit Verluste: Sie verloren manche Freiheiten, alltägliche Gewohnheiten, sogar geliebte Menschen. Anhand des Abschieds vom Plastikstrohhalm zeigt MARTINA PETROVIĆ auf, wie Rituale uns bei Verlusten aller Art helfen können – und das über kulturelle Grenzen hinaus.

Als Künstlerin hatte ich schon vor Beginn der Pandemie kein geordnetes Leben. Vielleicht verfügte ich nie über dieses Privileg, vielleicht bin ich auch einfach nicht der Typ dafür. Wie dem auch sei, ich hatte nie die Gewissheit von morgen. Zugegeben, ich empfand zu Beginn der COVID-Krise eine gewisse Erleichterung, dass wir uns nun alle in der gleichen Situation der Unsicherheit befanden. So schrecklich es auch klingen mag, war es doch tröstlich für mich. Plötzlich war jede und jeder verwundbar, natürlich nicht im gleichen Ausmaß, aber doch… Heute, zwei Jahre später, hat sich diese Verletzlichkeit fast ins Unerträgliche gesteigert: die Unsicherheit der Kultur, des Zusammenseins, der Intuition und Spontaneität, des bloßen Seins… all das hat die nächste Stufe der Unvorhersehbarkeit erreicht. Wir leben außerhalb unserer Komfortzone, außerhalb des Vertrauten.

Der Verlust

Als Gesellschaft haben wir bereits viel verloren, und wir sind dabei, noch mehr zu verlieren: unser übliches Umfeld, unsere Technologien und die damit einhergehenden sozialen Gewohnheiten. Es gibt keine Formel dafür, wie wir mit dem Verlust umgehen. Die Unterschiede zwischen uns zeigen sich in den vielen einzigartigen Ausdrucksformen der Trauer. Die Motivation für meine künstlerische Arbeit sehe ich in dem Bedürfnis, besser zu verstehen, was es bedeutet, Rituale für den Verlust zu schaffen. Ich will verstehen, wie wir mit dem unvermeidlichen Verlust von Teilen unserer Kultur, unserer Menschlichkeit, der Veränderung unserer Denk- und Verhaltensweisen, umgehen. Der Klimawandel lässt Arten und Lebensräume beängstigend schnell verschwinden. Technologien und Lebensweisen werden aufgegeben und ersetzt. Ich frage mich, wie wir uns Zeit nehmen können, um zu trauern. Wie können wir uns darin üben, verletzlich zu sein, unser Leben zu entschleunigen und zu akzeptieren, was auch immer auf uns zukommen mag? Mein Gefühl der Deplatzierung und mein Bedürfnis nach einer starken Verbindung zu meiner Kultur wurden dadurch verstärkt, dass ich mittlerweile in Belgien wohne. Meine künstlerischen Interessen verbinde ich mit den Traditionen und Ritualen des Balkans, wo meine Wurzeln sind. Es ist eine Untersuchung heiliger Rituale: die Handarbeit der Frauen dieser Region, ihre Symbole und ihr Wirken auf die moderne Kultur und alltägliche Praktiken. Rituale ermöglichen es uns, eine Verbindung mit der Natur, mit uns selbst und mit unserer Umwelt zu kultivieren. Wenn es uns gelingt, solche Bindungen zu knüpfen, können wir vielleicht auch uns selbst, unseren Gemeinschaften und der Natur gegenüber mit mehr Demut und Respekt begegnen. Wir könnten so auf eine umweltbewusste Gesellschaft hinarbeiten, die keine strikten Grenzen zwischen Natur und Kultur zieht, sondern sie als zwei gleichwertige Seiten derselben Medaille begreift.

Trauer zulassen

Das Projekt The Last Straw (Der letzte Strohhalm) begann während einer provokanten und auf den ersten Blick frivolen Trauer über den Verlust von Plastikstrohhalmen. Im Januar 2019 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Verwendung aller nicht recycelbaren Plastikgegenstände verbietet. The Last Straw aktiviert einen Raum der Trauer, indem er Möglichkeiten bietet, sich von Gewohnheiten und Technologien zu verabschieden, selbst wenn es schlechte waren. Unser Abschied von ihnen ist für das Überleben und eine bessere Zukunft notwendig. Um den Verlust zu verarbeiten, den wir uns selbst verweigern, tun wir lieber so, als wäre er nicht da, als wäre er irrelevant. Stattdessen sollten wir ihn anerkennen und ehren. Der Ausgangspunkt für The Last Straw war das Weben eines traditionellen serbischen Teppichs. Dieser von Hand gewebte Teppich wurde aus gebrauchten, nicht wiederverwertbaren Plastikstrohhalmen, die ich in den letzten zwei Jahren in den Bars des Marnixplaats in Antwerpen gesammelt hatte, hergestellt. Er wurde mit traditionellen »magischen« Symbolen bemalt. Der Teppich wurde so zu einem nomadischen Raum, der die Geschichte des Loslassens erzählt und die Gelegenheit bietet, einen Moment der Trauer zuzulassen. Da es üblich ist, Trauer in fünf Phasen zu erleben, hat auch The Last Straw fünf Phasen: Verleugnung, Verhandeln, Traurigkeit, Wut und Akzeptanz. Durch traditionelle Trauer- und Bestattungsrituale des Balkans verwandelte sich der Teppich zum Trauerraum.

Verleugnung

Die erste Phase, die Verleugnung, fand vor einem Jahr auf dem Marnixplaats statt – dort, wo die Strohhalme gesammelt wurden. In dem Intermezzo zwischen dem ersten Lockdown und der Hoffnung, dass ein Impfstoff kommen wird, versammelte sich eine Handvoll Menschen, um das Projekt auf den Weg zu bringen. Für die Verweigerung wurde ein Ritual des Waschens des »Verlorenen« durchgeführt. Die Phase der Verleugnung hilft uns, den Schock der Erkenntnis zu überstehen, dass etwas oder jemand für immer aus unserem Leben verschwunden ist.

Verhandeln

Die zweite Phase der Trauer, das Verhandeln, fand dreimal im Jahr 2021 zu verschiedenen Anlässen in Belgien statt. In dieser Phase versuchen wir, der Realität und dem Schmerz des Verlusts zu entgehen, indem wir in der Vergangenheit verharren und einen Weg aus dem Schmerz suchen. Das Feilschen wurde durch das Ritual des Klagens durchgeführt. Das Lamentieren wird in bestimmten südlichen Kulturen von Frauen praktiziert, die den Kummer der Trauernden durch Lieder und Schreie zum Ausdruck bringen. Bei der Durchführung dieses Rituals habe ich zum ersten Mal die Bedeutung von Traditionen und die Zeitlosigkeit der Trauer verstanden.

Traurigkeit

Die dritte Phase, Traurigkeit, fand nie in der Öffentlichkeit statt. Die Rituale wurden im vergangenen Jahr in einer Arbeitsgruppe von KünstlerInnen geteilt. Wir tauschten unsere Bewältigungsmechanismen aus, so wie man geheime Familienkochrezepte austauscht, was einen offenen Umgang mit der Traurigkeit ermöglichte, ohne sie rechtfertigen und entschuldigen zu müssen.

Wut

Die vierte Phase, Wut, fand im Oktober 2021 in Belgrad statt. Sie ermöglichte es, die Wut durch das Ritual des Schlagens auf den Teppich ausleben zu können, um ihn zu reinigen. Wut erlaubt es uns, zu fühlen und unsere Gefühle nicht zu verstecken. Sie ist eine natürliche Reaktion auf die Ungerechtigkeit des Verlustes. Oft kommt es vor, dass uns unsere Wut isoliert, aber wir sollten sie teilen, um sie zu überwinden und sie als das zu sehen, was sie sein kann: eine mächtige kreative Kraft. Wir werden wütend auf uns selbst, weil wir nicht in der Lage sind, eine bestimmte Kette von Ereignissen zu verhindern, wir werden wütend auf andere, wir werden wütend auf die Welt, in der wir leben. Ich sage: »Werdet wütend!«

Akzeptanz

Die fünfte Phase, Akzeptanz, fand im November 2021 im Kunstzentrum deSingel in Antwerpen statt. Akzeptanz ist der Moment im Trauerprozess, der uns dazu einlädt, Frieden mit der Tatsache zu schließen, dass wir in dieser Welt ohne gewisse Menschen, Technologien, Umgebungen und Gewohnheiten weiterleben müssen. Dass diese nun zu der Welt außerhalb unserer Reichweite gehören. Wir verstehen, dass unser Verlust nicht ersetzt werden kann und auch nie ersetzt werden wird. Wir bewegen uns, wachsen und entwickeln uns in unsere neue Realität hinein. Für diese Phase wurde das Ritual des Tanzes für die Toten durchgeführt.

Sinn finden

Wie bereits erwähnt, durchläuft die Trauer in der Regel fünf Phasen, aber es kommt noch eine weitere hinzu: die Sinnsuche. Wir können uns fragen: Welchen Sinn könnte der Verlust haben? Es könnte sein, dass unser Verlust uns einander näherbringt, vielleicht kann er unsere Hoffnung und unseren Glauben wiedererwecken und unser Zugehörigkeitsgefühl vertiefen. Die Suche nach einem Sinn bietet die Möglichkeit, mit Worten und Anwesenden einen magischen Raum zu schaffen, um gemeinsam einen Moment der Heilung und des Neuanfangs zu erleben. Dieses Ritual wird den ersten Zyklus der Trauer um den letzten Plastikstrohhalm abschließen. Es bindet alle Emotionen und Kämpfe der vorangegangenen Phasen zusammen und schafft einen fruchtbaren Boden für zukünftige Phasen. Das Ritual fand am 12. Februar 2022 in De Kunsthal in Gent statt.

Neue Rituale finden

Im Moment ist es sehr schwer, sich einen Reim auf die Situation zu machen oder sich eine mögliche Zukunft vorzustellen, die nicht einem Weltuntergang gleicht. Auch wenn es scheint, dass wir nach dem letzten Strohhalm der Hoffnung greifen, glaube ich, dass es Trost gibt, den Verlust zu teilen. Dass es uns Kraft gibt, sinnvolle Beziehungen zu schaffen. Blicken wir tief in unsere Wurzeln, finden wir in der Vergangenheit die nötige Kraft und Unterstützung, um vorwärtszukommen. Neue Rituale können uns in diesem Prozess der Heilung helfen.

martinapetrovic.com


Martina Petrović versteht sich als eine MultimediaKünstlerin und Abenteurerin vom Balkan. In ihrer künstlerischen Arbeit beschäftigt sie sich mit der Erforschung sozial erzeugter emotionaler Zustände bezogen auf den Verlust von Werten, die Schädigung der Umwelt und mit dem Gefühl, fehl am Platz zu sein.

Ungarn nach den Wahlen 2022

Ungarn nach den Wahlen 2022

Online Podiumsdiskussion veranstaltet vom IDM in Kooperation mit der Politischen Akademie.

Begrüßungsworte Michael Fazekas, Executive Coordinator der Southeast European Cooperative Initiative (SECI), Sebastian Schäffer, Geschäftsführer des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM)

Briefing über die aktuelle Lage in Ungarn Daniela Apaydin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM)

 

Podiumsdiskussion:

Daniela Apaydin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM)

Melani Barlai, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Andrássy Universität Budapest

Dániel Mikecz, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaften der Ungarischen Akademie der Wissenschaften

 

Moderation:

Daniel Martínek, Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Institut für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM)

IDMonSite – Anatoliy Kruglashov

The images from Bucha have shocked the world…. During a seminar organized in 2019 by the IDM together with Ulrich Schneckener (University of Osnabrück) students from Ukraine, Moldova and Germany had to develop future scenarios for Ukraine within the Eastern Partnership framework. In none of them a full-scale war in Ukraine was discussed.  Anatoliy Kruglashov, Head of the Department of Political Science and Public Administration and Director of the Institute of European Integration and Regional Studies at the Yuriy Fedkovych Chernivtsi National University, was co-organiser and host of the Seminar. Sebastian Schäffer, Managing Director of the IDM discusses with him Russia’s unprovoked aggression against Ukraine, the situation in Chernivtsi in wartime and how the worst and unexpected scenario became reality.
Erhard Busek

Mourning for a great (Central) European

The Institute for the Danube Region and Central Europe (IDM) mourns the death of its chairman, former Vice-Chancellor Dr Erhard Busek. As his family announced on Monday, he passed away in the night of 13/14 March 2022. This news fills us with deep sadness. An obituary.

When the news of Erhard Busek’s passing reached us at the Institute, the first reaction of many colleagues was similar: first speechlessness, then a quick thought: Now of all times, when bombs are falling in Central Europe! Erhard Busek had been deeply affected by the outbreak of war in Ukraine in February 2022. The news and pictures from Kyiv, Lviv, Mariupol and other cities brought back childhood memories of the post-war period for him, being born in Vienna on 25 March 1941. Peace and stability on the European continent were a maxim throughout his life, which he never lost sight of in all his functions and activities. Whether as a politician, intellectual, expert on Eastern Europe and the Balkans, or in his manifold cultural and socio-political commitments, for example as former President of the European Forum Alpbach, to which he remained loyal until the end as a committed Honorary President.

Political Career

Busek attended the humanistic Bundesgymnasium Wien XIX and passed the Matura with distinction in 1959. He then studied law, which he also completed as a student trainee, and graduated in 1963 with a doctorate in law. Busek began his political career in 1964 as Second Club Secretary of the Austrian People’s Party (ÖVP). In 1968 he joined the Federal Executive of the Austrian Economic Association, was its Deputy Secretary General from 1969 and its Secretary General from 1972 to 1976. From 1975 he sat for the ÖVP in the National Council and was appointed the party’s new Secretary General in the same year. He relinquished this office a year later after being elected provincial party chairman of the Vienna People’s Party. From 1976 Busek was also a city councillor in Vienna and became deputy mayor in the Vienna City Hall. In order to be able to devote himself fully to his municipal political work, he resigned from his National Council mandate in 1978. In February 1980 Busek became deputy federal party leader of the ÖVP, and in May 1981 he also joined the presidium of the ÖVP Economic Association.

Busek was also involved in many political fields, including environmental, education and health policy, and continued to be a brilliant expert on Central and East European policy. In 1989 Busek was appointed Minister of Science and in 1991 Vice-Chancellor. In 1992, as Minister of Science, Busek sought the “emancipation of universities away from the centuries-old tradition of regulatory addiction in this area” with the controversial draft of a new University Organisation Act (UOG) and a study reform. In 1994-1995 he took over as Minister for Education and Cultural Affairs.

After leaving the government, Busek initially resumed his work in the National Council, but resigned again in July 1995. He found a new task away from current day-to-day politics at the Vienna “Institute for the Danube Region and Central Europe”, of which he was chairman. His office in Hahngasse in the 9th district was until the end not only a meeting place for international political guests and journalists from the region, but also for those seeking advice and all those seeking expertise and contacts in Eastern, Central and South-Eastern Europe. Above all, the office was always a place of open doors and conversations thanks to the warm hospitality of Busek’s assistant and long-time colleague Gabriele Buchinger.

Boundless commitment to Eastern, Central and South-Eastern Europe

As early as the 1960s, Erhard Busek travelled to the countries behind the Iron Curtain to get his own picture of the political and social conditions there. He maintained relations with the opposition of the Prague Spring of 1968 in Czechoslovakia, was a member of the dissident movement “Charta 77” and was also privately closely networked with civil movements and opposition groups in the former Eastern Bloc. After 1989, Busek therefore enjoyed great trust among the new political leaders. In December 1996, he was appointed coordinator of the “Southeast European Cooperative Initiative” (SECI) provided for in the Dayton Agreement and thus took over the promotion of cross-border economic cooperation between ten Balkan states.

In March 2000, he was appointed “Government Envoy for EU Enlargement”. Busek’s task was, on the one hand, to communicate the Austrian positions to the accession candidates and, on the other hand, to solicit understanding for the aspirants in Austria. From January 2001, as “Coordinator for the International Stability Pact for South Eastern Europe” (today: Regional Cooperation Council – RCC), he was actively involved in supporting the reconstruction of the countries shattered after the civil wars.

Beyond politics, in addition to several activities in the economy, including as President of the Vienna Economic Forum (2005-2016), he was also frequently active in higher education, for example as Rector of the newly founded Salzburg University of Applied Sciences (2004-2011), as a lecturer at the Vienna University of Technology and as a visiting professor at Duke University in North Carolina, USA. In 2008 he was awarded the Jean Monnet Professorship ad personam, which he held at the Salzburg University of Applied Sciences and the University of Graz. The higher education landscape of South-Eastern Europe was a particular concern of his, which is why the former Minister of Science continued to promote academic education in the region as Chairman of the Supervisory Board of the “IEDC-Bled School of Management” in Slovenia and as a patron at the Center for Advanced Studies Southeast Europe (CAS SEE) in Rijeka. This also includes the Danubius Award presented by the IDM and the Federal Ministry of Education, Science and Research since 2011, which has also been supplemented by the Danubius Young Scientist Awards since 2014.

The promotion of the joint reappraisal and communication of history was just as important to Busek as reconciliation in the Western Balkans. From 2008 to 2018, he was also Chairman of the University Council of the Medical University of Vienna and subsequently a member of the Supervisory Board of the MUW. A great lover of culture, Busek was, among other things, President of the Gustav Mahler Youth Orchestra, President of the Chamber Music Festival Lockenhaus and Vice-President of the Gottfried von Einem Foundation.

Farewell to a role model and friend

As IDM Chair, he was keen to “not be a think tank, but a do tank”. Among the more recent testimonies to his role as a critical thinker, admonisher and taboo-breaker is his book “Balkans to Europe – Now!”, published in 2021 together with IDM Managing Director Sebastian Schäffer, in which the two call for the Western Balkan countries to join the EU as soon as possible.

It is the combination of Busek’s extensive knowledge, his close-knit network, his love for the region and his profound experience that makes his award-winning and lasting contribution to the region so unique. With his death, we lose a committed representative of the idea of a united Central Europe, a Danube enthusiast and an active European to the end. His unyielding commitment to mutual understanding, readiness for dialogue and his never-ending curiosity and openness for the people and their concerns in the Danube Region will continue to guide us in our activities.

Dear Dr Busek, dear Erhard, thank you for your many years of incredibly energetic work, your inspiration, your humour and your curiosity, which have never been lost on you despite all the ups and downs in the region and in life! You will remain a role model for us and many others as a champion of regional cooperation.

 

Honorary doctorates and awards:

Honorary doctorates from the Universities of Krakow, Bratislava, Czernowitz, Rousse, Brasov, Liberec (2003), Webster-St. Louis University in Vienna, IEDC – Bled School of Management, Vienna (2008), University of Prishtina (2009) and Eötvös Loránd University Budapest (2015), Marmara Group Foundation Medal of Honor (2015), Ukrainian Free University in Munich (2016)

Honorary Professor of the University of Rijeka (2021).

Awards:

Commendatore all’Ordine al Merito della Repubblica Italiana (OMRI) (5.01.1980).

Honorary Senator of the University of Natural Resources and Applied Life Sciences Vienna, Vienna University of Technology, University of Innsbruck, Medical University of Innsbruck

Bulgarian Cross of Merit

“Grand Decoration of Honour in Gold for Services to the Province of Vienna with Star”.

Croatian-Austrian Society Zagreb (2000)

Decoration of Honour “For Services to Polish Culture” (2003)

“Great Order of the Tyrolean Eagle” (2004)

“Corvinus Award” of the European Institute Budapest (2005)

“Great Cross of Saint Sylvester” awarded by Pope John Paul II (2005)

“Julius Raab Medal in Gold” awarded by the Austrian Economic Association (2006)

“Pax Mercuria Sympathia” (2008)

“Dr. Elemer Hantos Prize” (2009)

Honorary Senator of the Medical University of Innsbruck (2009)

“Golden Badge of Honour of the Municipality of Alpbach” (2009)

“The European Speech of the Year” from the European Movement Croatia in Zagreb (2009)

“Order of the White Double Cross 2nd Class for special services to the development of relations between the Slovak Republic and the Republic of Austria and the spread of the good name of the Slovak Republic abroad” (2011)

“The Merit Award of the Romanian Academy” (2012)

“Decoration of Honour of the Province of Salzburg” (2012)

“Honorary Citizenship of the Municipality of Alpbach” (2012)

“Golden Coffee Setter’s Jug” (2012)

“Golden Decoration of Honour of the Province of Styria” (2013)

“Golden Owl” in the category: Friend of Poland and Poles (2014)

“Freedom Ring” of the FEK – Fördergesellschaft für Europäische Kommunikation (2015)

“Grand Decoration of Honour of the Vienna Medical Association” (2016)

“Honorary Citizenship of the Municipality of Lockenhaus” (2016)

“Donauland Non-Fiction Book Prize 2016” (2016)

“Grand Decoration of Honour of the Province of Burgenland” (2017)

“Grand Decoration of Honour of the Vienna Medical Association” (2018)

“Honorary Senator of the Medical University of Vienna” (2019)

“Order of Prince Branimir with Neck Ribbon” from Croatia (2021)

War in Europe