
Weshalb nicht jeder Europas Wettsingen gewinnen will und ob heuer jemand aus dem Donauraum Chancen auf den Titel hat, erzählt MARIO LACKNER.
Dieser Artikel wurde in Info Europa 1/2026: Eurovision Song Contest im Donauraum: Kulturführer Mitteleuropa 2026 veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist .
35 Nationen treten 2026 auf der Bühne des Eurovision Song Contest (ESC) gegeneinander an – darunter zehn aus Mittel- und (Süd-)Osteuropa. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) orientierte sich bei der Konzeption des ESC vor 70 Jahren am Festival della Canzone Italiana in Sanremo, wo aus mehreren Einsendungen ein Gewinnerbeitrag gewählt wird. 1956 wurde dann beim allerersten ESC Lys Assia aus der Schweiz zur ersten Gewinnerin gekürt. Dass die Rundfunkanstalt des siegreichen Beitrags im darauffolgenden Jahr Gastgeberin wird, wurde 1957 Teil des Reglements. Dieser auf den ersten Blick sehr lukrative Anreiz den Grand Prix nach Hause zu holen, entpuppte sich alsbald als Bumerang. Schon 1960 und 1963 ließen die Vorjahressieger (Niederlande und Frankreich) die Ehre – und Mehrarbeit! – an sich vorüber gehen. In beiden Fällen übernahm die BBC die Organisation des ESC in London.
Insbesondere Sender mit wenig Budget oder zu kleinen Veranstaltungshallen fürchten einen Triumph. In San Marino rätselt jedermann, wo das Festival stattfinden könnte, und in den Neunzigerjahren stand die irische RTÉ sogar vor dem Bankrott, da ihre Beiträge vier Mal auf Platz eins landeten!
Betriebswirtschaftlich eine Katastrophe stellt der ESC volkswirtschaftlich einen Lottosechser dar – insbesondere ab der „Mega-Eventisierung“ zur Jahrtausendwende. Die Umwegrentabilität steigt stetig durch das Pilgern tausender Fans an den Ort des Geschehens und die Ausweitung des Spektakels ab 2004 bzw. 2008 auf zwei bzw. drei Live-Sendungen. So ist es auch nachvollziehbar, dass noch im Morgengrauen nach JJs Sieg Wiens Bürgermeister verkündete, dass Österreichs Hauptstadt nach 2015 auch 2026 bereit für den ESC sei, während der ORF zu grübeln begann, welche Formate neben Dancing Stars gestrichen werden müssten, um das Festival finanzieren zu können.
Zwischen Prestige, Kostenfalle und Kalkül
Während für Städte ein Sieg pures Gold und grenzenlosen Enthusiasmus bedeutet, bleibt die größte TV-Show der Welt für den Gastgeber-Sender ein Mammutprojekt, das bei Möglichkeit doch lieber jemand anderes stemmen soll. Daher ist für die Sender eine Qualifikation fürs Finale und eine Platzierung unter den Top zehn oftmals Erfolgsziel genug. Dies erklärt vielleicht auch die gern kritisierte Qualität der Beiträge, die uns Jahr für Jahr PR-stark als wettbewerbsfit verkauft werden.
Mit ungebremstem Siegeswillen gehen nur wenige an den Start. Allen voran Schweden und das nachhaltig: kein Land gewann derart oft und verblüffend regelmäßig – durchschnittlich alle sieben Jahre seit 1974! Und sein Sender SVT scheint die Aufgabe jedes Mal begeistert in einer unterhaltsamen Melange aus Perfektion und Selbstironie zu meistern.
Dass die „ESC bubble“ auch hoch politisch ist, illustrieren autoritäre Regierungen, die sie instrumentalisieren, um sich im Rampenlicht zu suhlen. Das zeigen die protzigen Austragungen des Festivals 2009 und 2012 in Russland und Aserbaidschan sowie ständige Interventionen durch den belarusischen Präsidenten Alexander Lukaschenko. Auch Jugoslawiens Führung kam die Trophäe 1990 kurz vor dem Kollaps der Vielvölkerföderation gerade recht, um in Zagreb die Illusion eines friedlichen Miteinanders aller Religionen, Sprachgemeinschaften und Teilrepubliken zu präsentieren. Konträr dazu dürfen die Siege der Türkei und der postsowjetischen Staaten Estland, Lettland und der Ukraine betrachtet werden. Diese stellten ab 2001 wichtige nationalkulturelle Meilensteine auf dem Weg europäischer Integration dar. Im Falle der Türkei war der Erfolg von 2003 Ausdruck einer damals noch stärkeren westlichen Orientierung, während Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan wieder deutlich auf Distanz geht und zwischenzeitlich sogar den Alternativwettbewerb Türkvizyon initiierte.
Chancen 2026: Wer spielt vorne mit?
Doch wie steht es um die Karten für Österreich und die anderen Donau-Anrainerstaaten beim ESC 2026?
Nach dem Sieg mit Wasted Love wird das heurige Lied Tanzschein voraussichtlich deutlich weniger Punkte für Österreich sammeln können. Der Sänger Cosmó erfüllt damit den Anspruch, das Land weder zu blamieren noch dem ORF ein zweites Mal hintereinander das kostspielige und arbeitsaufwändige Pop-Festival in den Jahreshaushalt zu katapultieren. Auch Deutschlands Fire, das wie zig andere Uptempo-Nummern der letzten Jahre den Charme des zypriotischen Beitrags Fuego von 2018 versprüht, wird nicht um Platz eins mitkämpfen. Recycling hat noch nie an die Spitze des ESC geführt und der innerhalb der ARD neu zuständige Südwestrundfunk kommt damit auch nicht in die Verlegenheit, gleich 2027 das Megaprojekt stemmen zu müssen. Kroatien hätte da schon mehr Lust, da der bis dato einzige ESC auf dessen Boden noch zu Zeiten Jugoslawiens stattfand. Mit dem sphärisch verstrahlten, ebenso Jahre zu spät kommenden Andromeda wird dies aber genauso wenig gelingen wie mit Serbiens Rammstein-Gedächtnisode Kraj mene (dt. Neben mir).
Ähnlich steht es um den repetitiven Party-Song Viva Moldova, den Beitrag aus Rumänien Choke me mit Vampirmotiven und die restlichen Beiträge aus Ostmitteleuropa und donauabwärts: Polen und Tschechien brillieren mit radiotauglichen, aber wenig vielversprechenden Songs, Bulgarien bedient das Song-Contest-Tanzparkett und die Ukraine verliert langsam den Solidaritätsfaktor im Televoting.
Erfolgsformel
Wer es beim ESC wirklich wissen will, der muss spezifischer auf 3 S fokussieren: Song, Sänger*in, Show. Melodie und Arrangement müssen nicht absolut dem Zeitgeist entsprechen, da zu moderne Songs selten zu den erfolgreichsten Beiträgen zählen. Eingängig sollte er aber sein, leicht mitzupfeifen und entweder nach etwas mehr als 2 Minuten zu Ende sein oder in der dritten Minute mit einer kräftigen Überraschung aufwarten. Auch der* oder die* Sänger*in braucht vokaltechnisch nicht top of the pops sein, aber negativ auffallen war noch nie profitabel. Dana Internationals Platz eins für Israel 1998 war beispielsweise nur möglich, da ihr Chor ihren beschränkten Stimmumfang und die außergewöhnliche Stimmfarbe perfekt ergänzte. Und Elena Paparizou hätte Griechenlands bis dato einzigen Sieg 2005 nicht verwirklicht, wäre da nicht ein zypriotischer Backgroundsänger gewesen, der sie bei den zahlreichen Tanzsequenzen rettete.
Bleibt noch das dritte S: die Show! Sie sollte die Story, die durch Song und Interpret*in verkörpert werden, illustrieren, aber nicht mit Bombast überladen. Ob dies aufregende Choreos, LED-Feuerwerke oder lediglich einen einzelnen Lichtkegel (reduzierte Kamerafahrten inklusive) erfordert, bleibt offen und ein bis zu den Proben vor Ort diskutiertes „Detail“.
Das Rennen 2026 ist eröffnet und wenn Sie diese Zeilen lesen, wissen wir bereits, wer in den Wettquoten auf Platz eins und zwei liegt. Wird wie in den letzten Jahren einer dieser Beiträge den Wettbewerb für sich entscheiden? Oder erleben wir nach längerer Zeit mal wieder eine echte Überraschung?
Mario R. Lackner ist Volksbildner (u.a. bis 2025 an der Wiener Urania), Moderator und in seiner Freizeit Singer/Songwriter. Er verfolgt den ESC seit 1989, gestaltete 2020 mit Martin Beischl die Liedtextausstellung „Poesie, 12 Points!“ und ist Autor dreier Sachbücher (darunter 2015 mit Oliver Rau „Friede, Freude, Quotenbringer“).
Foto: Verena Teuber