»Die Schlacht ist noch lange nicht gewonnen«

Gemeinsam mit seinen Kollegen aus Warschau, Prag und Budapest gründete Bratislavas Bürgermeister Matúš Vallo 2019 den Pakt der Freien Städte – mit dem Ziel, sich anti-demokratischen Tendenzen in der Region entgegenzustellen. Der Ukraine-Krieg zeige, wie falsch Viktor Orbáns illiberale Politik sei, so Vallo im IDM-Interview. DANIELA APAYDIN hat mit ihm über die Veränderungskraft von Städten und ihren Allianzen gesprochen.

Mit einiger Verspätung schaltet sich Matúš Vallo zu unserem Zoom-Call hinzu. Er wirkt geschäftig, entschuldigt sich für die Wartezeit. Interviewanfragen von österreichischen Medien seien eher selten, an internationaler Aufmerksamkeit mangele es aber nicht, heißt es aus dem Pressebüro. Vallo spricht fließend Englisch. Er hat in Rom Architektur studiert, in London gearbeitet und erhielt ein Fulbright-Stipendium an der Columbia University in New York. Als politischer Quereinsteiger wurde er 2018 zum Bürgermeister von Bratislava gewählt. Im Herbst kämpft der 44-Jährige um die Wiederwahl zum Bürgermeister.

Herr Vallo, der US-amerikanische Politikberater Benjamin Barber argumentiert in seinem Buch »If Mayors Ruled the World« (2013), dass BürgermeisterInnen wirksamer auf transnationale Probleme reagieren als nationale Regierungen. Manche sprechen in diesem Zusammenhang von einer »lokalen Wende« des Regierens und Verwaltens. Leisten Städte und BürgermeisterInnen wirklich bessere Arbeit?

Ich kenne das Buch, und ich glaube an dieses Narrativ. Wir haben in den letzten Jahren erlebt, wie Regierungen den Kontakt zu ihrer Basis verloren haben. Als Bürgermeister kann ich diesen Kontakt nicht verlieren, selbst wenn ich das wollte. Alle guten BürgermeisterInnen, die ich kenne, gehen gern durch ihre Stadt und treffen Menschen. Manchmal halten sie dich an und erzählen dir von einem Problem. Als BürgermeisterIn bist du ein Teil der Gemeinschaft. Du kannst nicht nur leere Versprechungen geben. Du musst Ergebnisse vorweisen können. Städte sind auch flexibler und ergebnisorientierter als nationale Regierungen. BürgermeisterInnen sorgen für die Qualität des öffentlichen Raums. So ist zum Beispiel die Anzahl der Spielplätze in einem Bezirk sehr wichtig. Das klingt simpel, aber der öffentliche Raum ist ein Schlüsselelement dafür, wie die Menschen ihr Leben gestalten.

Sie sind einer von vier Bürgermeistern, die den Pakt der Freien Städte (englisch: Pact of free Cities) unterzeichneten. Damit positionierten Sie sich gemeinsam mit Budapest, Prag und Warschau als pro-europäisches und anti-autoritäres Städtebündnis. Mit welchen Absichten sind Sie dieser Allianz damals beigetreten und wie würden Sie deren Erfolge heute bewerten?

Der Pakt wurde als ein Bündnis der VisegradHauptstädte geschlossen, um ein Gegengewicht zu den antidemokratischen und illiberalen Kräften zu bilden. Wir sind durch unsere Werte verbunden. Wir wollen den Populismus bekämpfen, Transparenz fördern und bei gemeinsamen Themen wie der Klimakrise zusammenarbeiten. Natürlich gab es schon vorher Bündnisse zu verschiedenen Themen, aber dies ist vielleicht das erste Mal, dass diese Werte im Mittelpunkt stehen.

Der Pakt der Freien Städte wurde am 16. Dezember 2019 an der Central European University in Budapest unterzeichnet. Wenig später mussten die meisten Abteilungen der Universität aufgrund politischer Repressionen nach Österreich umziehen. Erst kürzlich wurde Viktor Orbáns nationalkonservative Fidesz-Partei wiedergewählt. Ist der von Orbán propagierte Illiberalismus wieder auf dem Vormarsch? Wie reagieren die BürgermeisterInnen des Paktes darauf und wie unterstützen Sie sich gegenseitig?

Der Illiberalismus ist auf dem Vormarsch, einige führende PolitikerInnen konnten zurückschlagen, aber die Schlacht ist noch lange nicht gewonnen. Der jüngste Sieg von Viktor Orbán ist ein Beweis dafür. Wir sehen, dass die illiberale Demokratie bestimmten Gruppen oder einzelnen BürgerInnen Vorteile verschafft. Wir sehen aber auch, dass die Situation in der Tschechischen Republik anders ist und dass in Polen bald Wahlen stattfinden werden. Warschaus Bürgermeister, Rafał Trzaskowski, ist eine große Hoffnung für uns alle. Auch in der Slowakei haben wir eine pro-europäische Regierung und ich freue mich darüber, wie sie die Dinge regelt, um der Ukraine zu helfen. Von dort, wo ich jetzt sitze, sind es nur sechs Autostunden bis zur ukrainischen Grenze. Dieser Krieg zeigt auch, dass Orbán im Unrecht ist. Seine Unterstützung für Russland bedeutet auch die Unterstützung eines Regimes, das unschuldige Menschen tötet. Wo sehen Sie die konkreten Vorteile in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zwischen BürgermeisterInnen und Städten? Da gibt es zwei Ebenen: Erstens geht es darum, miteinander zu reden. Bratislava ist die kleinste Stadt unter den Gründungsmitgliedern. Daher waren wir sehr froh, als wir in den ersten Wochen des Ukraine-Krieges die Bürgermeister von Warschau und Prag um Know-how und Ratschläge bitten konnten. Ich bin nach Warschau geflogen und habe mich mit dem Bürgermeister darüber beraten, wie sich die Stadt darauf vorbereitet. Der Pakt bietet eine sehr konkrete und direkte Möglichkeit, Wissen auszutauschen. Die zweite Ebene ist die Bildung eines Bündnisses von BürgermeisterInnen mit den gleichen Werten, die auch bereit sind, auf europäischer Ebene für diese Werte zu kämpfen. Durch die Pandemieerfahrung ist die Position der Städte noch stärker als zuvor. Ich glaube, dass in vielen Ländern die Städte und ihre BürgermeisterInnen die Situation gut meisterten. Die Menschen nehmen die Städte als ihre Partner wahr. Deshalb ist es wichtig, die Kräfte zu bündeln und mit einer klaren Stimme zu sprechen.

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In Medienberichten wurden die Gründungsmitglieder des Pakts auch als »liberale Inseln in einem illiberalen Ozean« dargestellt. Diese Metapher birgt jedoch die Gefahr, bereits bestehende Gräben zwischen der urbanen, oft liberaler eingestellten, Bevölkerung und konservativeren BürgerInnen in ländlichen Gebieten zu vertiefen.

Ich verwende diese Metapher nie, und ich versuche auch nicht, diese Spaltung vorzunehmen. Ich bin mir über meine Werte im Klaren, aber als Bürgermeister setze ich mich für Dinge ein, die allen zugutekommen, etwa Spielplätze oder bessere öffentliche Verkehrsmittel. Das ist keine Frage von konservativen oder liberalen Werten. Wir haben Prides in Bratislava, aber wir unterstützen auch die OrganisatorInnen eines großen Treffens der christlichen Jugend. Ich arbeite mit konservativen und liberalen KollegInnen zusammen. Ich weiß, dass das schwierig sein kann, aber wir versuchen, die Menschen zu verbinden. Einige PolitikerInnen nutzen die Spaltung aus, weil sie wollen, dass sich die Menschen streiten, aber ich möchte lieber für eine gute Lebensqualität arbeiten.

Wenn Sie sich von der nationalen Regierung etwas wünschen könnten, das die Städte stärken würde, was wäre das?

Unser Verhältnis zur slowakischen Regierung ist nicht ideal. Auch nach COVID sieht man uns nicht als Partner. Wir brauchen klare Regeln und mehr Finanzmittel, denn im Vergleich zu anderen europäischen Städten sind wir sehr unterfinanziert.

 

Interview mit Daniela Apaydin und Matúš Vallo. Matúš Vallo ist ein slowakischer Politiker, Architekt, Stadtaktivist, Musiker und Bürgermeister von Bratislava. 2018 wurde er als unabhängiger Kandidat mit 36,5 Prozent der Stimmen an die Spitze der slowakischen Hauptstadt gewählt. 2021 zeichnete ihn der internationale Thinktank City Mayors mit dem World Mayor Future Award aus.

Route neu berechnen

Was tun, wenn eine Wanderausstellung vor geschlossenen Grenzen steht? Mit den Absagen von physischen Events wuchs das Projekt Kunst am Strom über sich und die Grenzen der analogen Welt hinaus. Ein Bericht von MÁRTON MÉHES.

Alles hat so gut angefangen: »Das internationale Kunstprojekt ‚Kunst am Strom‘ führt Kunstpositionen, KünstlerInnen und KuratorInnen aus dem Donauraum zusammen (…). Ziel des Projekts ist der Dialog von verschiedenen Kunstpositionen aus den Donauländern, die in einer Wanderausstellung (…) in acht Städten der Region gezeigt werden. Darüber hinaus werden sich KünstlerInnen und KuratorInnen aus Deutschland, Österreich, der Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Rumänien und Bulgarien im Rahmen von Symposien begegnen, sich austauschen und Netzwerke bilden.« Soweit ein Zitat aus der Projektbeschreibung, verfasst Mitte 2019. Im Nachhinein merkt man dem Text ein gewisses Selbstbewusstsein an: Wir planen etwas und setzen es dann um – was soll da schon schiefgehen? Nur wenige Monate später, im Mai 2020, schlugen wir im Einführungstext zu unserem Ausstellungskatalog bereits ganz neue Töne an: »Angesichts der aktuellen Klimakrise und der Fragen der post-epidemischen ‚Weltordnung‘ ist der Donauraum mit der Herausforderung konfrontiert, Vergangenheitsbewältigung und die Entwicklung von Zukunftskonzepten gleichzeitig voranzutreiben. Die historischen Erfahrungen aus dieser Region könnten dabei auch hilfreich werden. Wir müssen jetzt auf Innovation und Kreativität setzen.« Unser Selbstbewusstsein ist verpufft. An seine Stelle sind offene Fragen, Herausforderungen und eine ungewisse Zukunft getreten. Die Wanderausstellung Kunst am Strom, die auf viele Treffen, Grenzüberschreitungen, Eröffnungsevents und den persönlichen Austausch setzte, war in der Pandemie-Realität angekommen.

Unerwartete Blickwinkel

Von nun an kamen sich ProjektleiterInnen, KuratorInnen und KünstlerInnen wie ein Navigationsgerät vor, das die Route ständig neu berechnen muss, und dennoch nie ans Ziel kommt. Von den ursprünglich geplanten drei Ausstellungen konnten 2020 zwar immerhin noch zwei (im Museum Ulm und auf der Schallaburg) veranstaltet werden, allerdings mit erheblichen Einschränkungen. In Ulm fand sie ohne den großangelegten Kontext des Internationalen Donaufests statt, und auf der Schallaburg musste sie wegen des erneuten Lockdowns Wochen früher schließen. Ursprünglich hätte die Schau 2021 an weiteren fünf Stationen Halt gemacht – möglich war lediglich eine Veranstaltung in Košice im Herbst 2021, unter Einhaltung strengster Hygiene- und Sicherheitsregeln. Mitte des Jahres 2021 war allen Beteiligten klar, dass das Projekt verlängert werden muss, was dann von den FördergeberInnen auch genehmigt wurde. Spätestens im Sommer hätten sich also alle zurücklehnen können, nach dem Motto »Wir sehen uns nach der Krise…« Doch bald stellte sich heraus, dass der Satz aus dem Katalog von allen Beteiligten ernst gemeint war: Wir müssen jetzt auf Innovation und Kreativität setzen. Im April 2021 fand ein Online-Symposium mit den KuratorInnen statt, um gemeinsam auf innovative, aber rasch und unkompliziert umsetzbare Austauschformen im virtuellen Raum zu setzen. Das Meeting funktionierte gleichzeitig als Ventil: KuratorInnen schilderten die Lage in ihren Städten und die teils dramatische Situation der jeweiligen Kunstszene. Im Mai folgte dann Studio Talks. Die KünstlerInnen wurden im Vorfeld gebeten, ihre Arbeit, ihre Ateliers, ihre Stadt und ihr Lebensumfeld in kurzen Video-Selbstportraits festzuhalten. Diese Videos wurden dann im Laufe der Veranstaltung gezeigt und von den teilnehmenden KünstlerInnen live kommentiert. Aus diesen Videos ist ein einzigartiges Panorama künstlerischen Schaffens im Donauraum entstanden.

Unzertrennliche Welten

Durch die gewonnene Zeit hat die Projektleitung einen Audio-Guide zur Ausstellung produzieren lassen. Auch die Facebook-Seite wurde zu einer wichtigen Präsentationsplattform weiterentwickelt. Die teilnehmenden KünstlerInnen stellten sich mit einem kurzen Werdegang sowie dem Link zu ihren Studio Talks-Videos vor. Ohne diese verstärkte Online-Kommunikation hätte das Projekt nie ein so breites Publikum erreicht. Die Studio Talks und Online-Kampagnen haben unsere physische Ausstellung nicht ersetzt. KünstlerInnen und Publikum freuen sich mehr denn je auf die Veranstaltungen vor Ort. Kunst am Strom ist durch die Pandemie vielschichtiger, informativer und spannender geworden. Eine Entscheidung zwischen »nur analog« oder »nur digital« kann es nicht mehr geben: Beide Welten sind endgültig unzertrennlich geworden und ergeben nur noch gemeinsam ein ganzes Bild.

Für das von Dr. Swantje Volkmann (DZM Ulm) und Dr. Márton Méhes geleitete Projekt Kunst am Strom wählten die KuratorInnen KünstlerInnen aus Ländern und Städten entlang der Donau aus, die zwei Generationen repräsentieren. Das Projekt wird vom Museum Ulm getragen und von mehreren Kooperationspartnern mitfinanziert.

Termine 2022:
27. April–11. Mai: Zagreb
11.–24. Juni: Timișoara
8.–21. August: Novi Sad
12. Oktober–2. November: Sofia

 

Dr. Márton Méhes (*1974) ist promovierter Germanist, ehem. Direktor des Collegium Hungaricum Wien und arbeitet heute als Lehrbeauftragter der Andrássy Universität Budapest sowie als internationaler Kulturmanager in Wien. Seine Schwerpunkte sind Kulturdiplomatie, europäische Kulturhauptstädte und Kooperationsprojekte im Donauraum.

Schöpfen aus der Pandemie

2020 schlug die Geburtsstunde der COVID-Kunst. Mit der Krise brach eine Welle an visuellen Werken zur mentalen Bewältigung los. Doch der Bruch mit dem Vertrauten führte auch zu Debatten darüber, was Kunst ist und darf. ZUZANA DUCHOVÁ über offene Fragen und neue Perspektiven für die Kunstszene in der Slowakei und darüber hinaus.

Die Welt mit Corona ist unberechenbar. COVID-19 ist eine neue, weitgehend gemeinsame globale Erfahrung. Die Kunst ist vielschichtig, sie reagiert auf Krisen und sucht nach Lösungen. Während in der »alten Normalität« die meisten Menschen davon überzeugt waren, zu keinem Kunstwerk fähig zu sein, entdeckten sie während der langen Schließungen inmitten unerwarteter Freizeit ihre verborgenen Talente. Im Frühjahr 2020 kam es zu einer richtigen Explosion an mehr oder weniger gelungenen visuellen Arbeiten, die im Internet präsentiert wurden. Die Motive dieses Oeuvres kamen hauptsächlich aus dem Alltagsleben in der Pandemie. So fingen etwa Reportage-Zeichnungen flüchtige Momente ein. Großen Erfolg verzeichneten auch Darstellungen von Einsatzkräften. Die Grenzen zwischen Kunst und Kitsch wurden sehr individuell gezogen, und wir können nicht automatisch alles verurteilen, ohne den Kontext zu berücksichtigen.

Interessanter als die Frage der Qualität und der Verwendung in der Kunstwelt ist vielleicht der Moment der Schöpfung selbst. Kunst und Kunsthandwerk tragen dazu bei, Bedeutung zu geben und die Geschehnisse auf unterschiedliche Art und Weise zu erklären. Für viele Menschen ist eine künstlerische oder kreative Tätigkeit ein notwendiges »Lebensmittel« und Grundlage für ein gesundes Leben. Kunst hilft, die Welt in einem anderen Licht zu sehen, in individueller und globaler Hinsicht. Die Fragen, die sich daraus ergeben lauten: Ist Kunst ein Privileg oder wird sie als selbstverständlich angesehen? Können Menschen ohne Kunst leben? Was ist normal?

Eine Frage der Qualität?

In der Slowakei gründete sich auf Initiative der Künstlerin Ivana Šáteková die Gruppe CoronART, um Solidarität und Unterstützung, insbesondere für slowakische bildende KünstlerInnen, zu leisten. Ihr Motto lautet: »Lasst uns coronakarantena zu einer kreativen Herausforderung machen. Bilder, Fotografien, Skulpturen, Grafiken … Hängen Sie alles, was während der Quarantäne entstanden ist, hier auf und lassen Sie uns in dieser frustrierenden Zeit eine kleine Online-Galerie erstellen!« Dahinter stand die Idee, einen kreativen virtuellen Raum zu schaffen, in dem die Menschen ihr Schaffen während der Krise mit anderen teilen können. Die Gruppe wuchs von einem kleinen Kreis auf über 9000 Mitglieder an. Šáteková möchte eine kuratierte Auswahl dieser Arbeiten auch in Galerien zeigen. Ihre eigenen intimen Zeichnungen ironisieren die Konsumgesellschaft und die Ergebenheit gegenüber der Angst. Ihre größte Sorge über die Zeit nach Corona ist das zunehmende Desinteresse der Menschen an ihren Mitmenschen. Zu Beginn der Pandemie erlebte Mitgefühl einen Höhepunkt, doch mit der Zeit wurde dieses immer oberflächlicher. Während Šáteková die experimentelle Online-Galerie verwaltete, stieß sie auf negative Reaktionen und auf das Problem von schwankender Qualität bei den Einsendungen.

Kunst als Spiegel der Gesellschaft

Viele Werke sind mit, für, trotz und wegen COVID-19 entstanden. Viele haben nur ein kleines Publikum erreicht, aber ihre Bedeutung für die Szene selbst ist erwähnenswert. Denn einer der Werte der Kunst ist es, eine öffentliche Diskussion anzuregen. Das Projekt 7×7 Seven Free Reflections on Art ist ein Gemeinschaftswerk von KuratorInnen der Slowakischen Nationalgalerie. Es reagiert auf den Boom der Online-Kultur während der Quarantänemaßnahmen. Der digitale Fußabdruck der Slowakischen Nationalgalerie war schon vorher recht prominent, sodass es für das Team selbstverständlich war, das Online-Angebot unter den neuen Bedingungen zu erweitern. Ursprünglich als Ergänzung zu ständigen physischen Ausstellungen gedacht, wurde das digitale Format für einige Wochen zu einem Schwerpunktthema. Das Ausstellungskonzept gestaltete sich bedeutend flexibel für eine Institution, deren Betrieb »normalerweise« unter konservativen Bedingungen mit einem vorher festgelegten langfristigen Plan erfolgt. In der Ausstellung stehen die KuratorInnen im Vordergrund, denn sie bringt keine neuen Werke, sondern zeigt neue Perspektiven darauf. In den einzelnen Ausstellungsräumen haben die BesucherInnen die Möglichkeit, bereits ausgestellte Werke im neuen Kontext der Pandemie kennenzulernen.

Ein ähnliches Konzept steckt hinter der Ausstellung DESIGN IS NOW! mit dem Untertitel Menschen werden Designer. Die Designer sind Menschen geblieben. Im Sommer 2020 wurde ein Querschnitt von Arbeiten von DesignerInnen im slowakischen Designmuseum ausgestellt. Die Ausstellung zeichnet die Aktivitäten von KünstlerInnen, DesignerInnen, Designstudios, EntwicklerInnen, Schulen, HerstellerInnen und LaiInnen während der Pandemie nach und zeigt markante Phänomene dieser Bewährungsprobe von Menschlichkeit und Zugehörigkeit.

Offenheit praktizieren

Das neueste Werk von Dorota Sadovská wurde in der Städtischen Galerie Bratislava in einer auf September 2020 verschobenen Ausstellung mit dem Titel Common Nonsense präsentiert. Auf die drängenden Probleme der Welt, die durch die Pandemie verursacht oder verstärkt wurden, reagierte sie mit figurativen Gemälden, die auf abstrakte Kompositionen abgestimmt waren. Die Gemälde #StayHome 1 und #StayHome 2 (2020) wurden zwar als Reaktion auf die Pandemie geschaffen, doch ihr Inhalt ist viel umfassender. Die angehäuften und ineinander verschlungenen Gliedmaßen und Körperteile sind ein subtiler, humorvoller Beitrag zur Darstellung eines überfüllten Lebensraums, sei es eine Wohnung, in der alle Familienmitglieder eingesperrt sind, oder der Planet. Durch die verwendeten Farben spielt sie auch auf Fragen der Normalität und Gesundheit an. Die Kunst enthält Elemente, die der Gesellschaft in jeder Situation helfen können – sei es ihre soziale und kommunikative Dimension, durch ihre Affinität zur Innovation oder durch die Anwendung in der Psycho- und Kunsttherapie. Die aktuellen Entwicklungen in der visuellen Kunst spiegeln weitgehend die Welt um uns herum wider, da die Krise der öffentlichen Gesundheitssysteme die Menschen unabhängig von ihrer kulturellen Zugehörigkeit betrifft. In der Welt der Kunst können wir zusammenkommen, ohne dass die Konflikte eskalieren müssen. Doch es ist ebenso in Ordnung, keine COVID-Kunst zu schaffen, denn jede Reaktion auf ein Trauma oder eine Krise ist legitim. Als Kunstmenschen sollten wir jedenfalls dazu in der Lage sein, den vielfältigen Ergebnissen dieser Schaffensprozesse mit einem gewissen Maß an Offenheit und Freundlichkeit zu begegnen.

 

Zuzana Duchová, Kuratorin und Publizistin, studierte Kunstgeschichte an der Comenius Universität in Bratislava und an der Universität Wien. Neben ihrer theoretischen Forschung über das kulturelle Leben in Städten, hat sie mehrere Veranstaltungen über die Schnittmenge von Kunst, Architektur und kreativem Tourismus mitorganisiert und zusammen mit über 40 Co-AutorInnen zwei Bücher über Bratislava veröffentlicht. Aktuell arbeitet sie für den Creative Europe Desk Slovakia und kuriert das Projekt salonik.sk.

Ein grüner Streifen Leben

Bewegung liegt in der Natur von Lebewesen. Mit der Errichtung von Grenzen, Straßen und Städten schränkt der Mensch allerdings die Bewegungsfreiheit von Tieren massiv ein. Der Biologe Christoph LITSCHAUER erklärt anhand des Eisvogels, wie die grenzüberschreitende Vernetzung von Naturräumen funktionieren kann.

Der Alpen-Karpaten-Korridor ist ein Landschaftsstreifen zwischen den östlichen Ausläufern der Alpen und dem westlichen Teil der Karpaten. Er stellt eine wichtige Verbindung dieser beiden Biotop-Hotspots für viele wildlebende Tier- und Pflanzenarten dar. Die Beckenlandschaft zwischen den Ballungszentren Wien und Bratislava ist stark vom Menschen geprägt und wird intensiv genutzt. Große Landwirtschafts-, Siedlungs- und Gewerbeflächen sowie Verkehrsinfrastruktur zerschneiden die Landschaft und schränken die Bewegungsmöglichkeiten von Flora und Fauna erheblich ein. Dies führt dazu, dass den Arten das Wandern dem einen in den anderen Großlebensraum kaum mehr möglich ist. Mit dem Verlust von naturnahen Lebensräumen geht auch die Vernetzung der beiden Gebirgsregionen verloren. Darüber hinaus können auch wichtige Leistungen des Ökosystems für den Menschen nicht mehr erbracht werden. Die Fragmentierung der Landschaft führt für viele Tier- und Pflanzenarten zu einem Flaschenhals-Effekt. Zusätzlich ändern sich durch die Folgen des Klimawandels ihre Lebensbedingungen. Höhere Temperaturen, Änderungen in der Menge und Verteilung der Niederschläge, Verschiebungen der Blüh- und Aktivitätszeiten oder Extremwetterereignisse zwingen viele dazu, erst recht zu wandern, um passende Lebensräume zu finden. Damit sind gerade auch im Hinblick auf den Klimawandel die Schaffung und Erhaltung von ökologischen Korridoren zur Erhaltung der Biodiversität enorm wichtig.

Nicht passierbar!

Schon in der Frühzeit waren Flusstäler für die Menschen bevorzugte Siedlungsräume. Sie bieten die besten Voraussetzungen für eine dauerhafte Ansiedlung. Neben den reichhaltigen Au-Lebensräumen mit Fischen und Wild gibt es hier auch fruchtbare, für den Ackerbau geeignete Böden. Einhergehend mit der Industrialisierung wurden Flüsse vermehrt als Handelsrouten, zur Produktion und zur Energieerzeugung genutzt. Hochwässer führten, vor allem durch die steigende engere räumliche Bindung der Menschen an die Flüsse, zu teils beträchtlichen Verwüstungen. Daher entwickelte sich spätestens im 19. Jahrhundert, also in Zeiten starker Bevölkerungszunahme, der Flussbau mit starken Regulierungen. Die natürliche Dynamik der Flüsse wurde massiv eingeschränkt. Seit einigen Jahrzehnten treten immer stärker die Kehrseiten der fast überall erfolgten harten Regulierungen der Fließgewässer in den Vordergrund. Fließgewässer-Ökosysteme sind ausgesprochen artenreich. Obwohl Flüsse und Seen nur 2,3 Prozent der Landfläche der Erde bedecken und nur 0,01 Prozent des Wassers umfassen (der überwiegende Teil des Wassers auf der Erde befindet sich in den Ozeanen), beherbergen sie über 10 Prozent der bisher beschriebenen Arten, davon 30 Prozent aller Wirbeltiere. Fluss-Ökosysteme leisten uns viele Dienste: Die Versorgung mit Trinkwasser, Hochwasser- und Erosionsschutz, Nährstoffrückhalt und Schadstofffilter sowie Habitate für Pflanzen und Tiere und Erholungsraum für den Menschen. Sie zählen aber auch zu den am meisten bedrohten Lebensräumen der Erde. So nahm dem Living Planet Report 2020 zufolge der Süßwasserökosystem-Index zwischen 1970 und 2018 um 84 Prozent ab (WWF 2020). Dieser Index zeigt die durchschnittliche prozentuale Veränderung der Bestandsgröße aller erfassten Populationen von Wirbeltieren seit 1970. Die Hauptursachen für die Gefährdung liegen in der Verschmutzung von Gewässern, dem Einschleppen invasiver Arten sowie hydrologischen und morphologischen Veränderungen – also Veränderungen in der Interaktion des Gewässers mit umliegenden Lebensräumen und der Gestalt des Gewässerbettes. Die Situation der Gewässer in der Beckenlandschaft zwischen den Alpen und den Karpaten stellt sich sehr ähnlich dar wie sie weltweit im Living Planet Report aufgezeigt wird. Zahlreiche nicht passierbare Querelemente verhindern das Wandern der wassergebundenen Arten in Schwechat, Fischa und Rudava – den wichtigsten Zubringern zur Donau im Alpen-Karpaten-Korridor. Weite Strecken sind zudem hart verbaut, das heißt die Ufer der Flüsse sind mit Blockwürfen befestigt.

Vernetzung wiederherstellen

Im Zentrum des Projektes »Alpen Karpaten Fluss Korridor« steht die Vernetzung der beiden Gebirgszüge durch Fließgewässer und deren unmittelbarem Umland. Gewässer durchziehen die Landschaft wie ein blaues Netz und bilden daher oft die einzig verbliebenen vernetzenden Elemente zwischen bestehenden Schutzgebieten. Deshalb ist es vor allem aufgrund der zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels wichtig, Flüsse und ihre begleitenden Auen zu erhalten und zu renaturieren. Als Herzstück des Projektes wurden 13 ökologische Pilot-Maßnahmen an fünf Flüssen in der Grenzregion Österreich – Slowakei (Schwechat, Fischa, Rudava, Mociarka und Malina) umgesetzt. Wichtig für die Umsetzung waren neben der direkten Beteiligung der Gemeinden und der Bevölkerung die grenzübergreifende Zusammenarbeit und die gemeinsame Entwicklung von Strategien mit dem Ziel, der Verinselung von Lebensräumen entgegenzuwirken und seltene Arten vor dem Aussterben zu schützen. Eine dieser seltenen Arten ist der Eisvogel; er wurde als »Projekt-Leitart« ausgewählt. Der Eisvogel nimmt aufgrund seiner hohen Lebensraumansprüche die Rolle einer sogenannten Indikatorart für naturnahe, dynamische Fließgewässer ein. Eine gute Nahrungsgrundlage (Fischreichtum), adäquate Habitatstrukturen (Ufergehölz als Ansitzwarten und Deckung), gute Jagdbedingungen (klares, langsam fließendes Gewässer) sowie nutzbare Brutwände (überhängende, vegetationsfreie und störungsfreie UferAbbruchkanten) sind entscheidende Faktoren für das Vorkommen und die Siedlungsdichte des Eisvogels. Die Ergebnisse einer von BirdLife im Zuge des Projektes durchgeführten Studie zeigen eindeutig, dass die höchste Dichte an Brutplätzen wenig überraschend an unregulierten Gewässerbereichen festgestellt wurde. Im abschließend erstellten Aktionsplan wurden MaßnahmenVorschläge für insgesamt 100 Standorte gelistet, um den Eisvogelbestand grenzüberschreitend zu stützen. Zwei dieser Maßnahmen wurden bereits gemeinsam mit SchülerInnen des Bundesrealgymnasiums Schwechat, der Gemeinde Schwechat sowie ExpertInnen des Nationalpark Donau-Auen und BirdLife umgesetzt. Auch bei zusätzlichen Maßnahmen für die Verbesserung der Habitate für weitere gefährdete Arten wie Würfelnatter, Nase und Co. haben die Gemeinden entlang der Flüsse des Alpen-Karpaten-Korridors engagiert mitgeholfen, Projektmaßnahmen erfolgreich umzusetzen und Naturschutz für die Bevölkerung erlebbar zu machen. Insgesamt wurden rund zwei Millionen Euro in die Umsetzung von FlussRevitalisierungen und Artenschutzmaßnahmen investiert. 85 Prozent davon wurde durch den European Regional Development Fund bereitgestellt, der Rest durch Ko-Finanzierung von Bund, Land NÖ und Schwechat Wasserverband.

Wie soll es weitergehen?

Die erfolgreiche Umsetzung des Projektes kann nur ein erster Schritt zur Verbesserung der ökologischen Konnektivität des Alpen-KarpatenKorridors sein. Um das ökologische Netzwerk der Schutzgebiete und Lebensräume für die kommenden Herausforderungen durch den Klimawandel zu stärken, sind weitere Investitionen in Grüne Infrastruktur, wie Revitalisierung von Flussgebieten, unerlässlich.

 

Mag. Christoph Litschauer studierte Biologie mit Schwerpunkt Ökologie an der Universität Wien. Nach seinem Abschluss begann er für den WWF Österreich im Bereich Gewässerschutz zu arbeiten. Von 2010 bis 2013 leitete er das transnationale Projekt »Save the Alpine Rivers!« für das Europäische Alpenprogramm des WWF. Ziel des Projekts war es, Schutzmaßnahmen für alpine Flüsse in Frankreich, Italien, Slowenien und Österreich voranzutreiben. Nach einem Sabbatical wechselte er in den Nationalpark Donau-Auen und ist dort als Projektmanager für den Alpen Karpaten Korridor zuständig.

Gefahrenzone Himmel: Vögel vor Stromschlägen bewahren

Jährlich werden tausende Vögel durch Stromschläge oder Kollisionen mit oberirdischen Stromleitungen getötet oder verletzt. Mit länderübergreifender Anstrengung soll der Himmel über der Donau für Vögel sicherer werden. Wie das geht, zeigen Marek GÁLIS und Eva HORKOVÁ in ihrem Gastbeitrag für Info Europa.

Die Donau, der so genannte »europäische Amazonas«, ist einer der wichtigsten Zugkorridore, Zwischenstopps, Schlaf- und Überwinterungsplätze für hunderte Vogelarten in Europa. Mit ihren Uferzonen und Flusslebensräumen bildet die Donau ein ökologisches Netz, das oft auch als Rückgrat für biologische Korridore fungiert. Jedes Jahr folgen Millionen Vögel auf ihrer Odyssee von und zu weit entfernten Zuggebieten dem Strom. Allein die Untere Donau und das Donaudelta beherbergen rund 360 Vogelarten, etwa den seltenen Krauskopfpelikan sowie 90 Prozent der Weltpopulation der Rothalsgans. Viele dieser Arten haben in den letzten Jahrzehnten einen dramatischen Rückgang erlebt. Durch Stromschläge und Kollisionen sterben in diesem Gebiet jedes Jahr 20 Prozent der sich fortpflanzenden Populationen von Kaiseradler, Sakerfalken und Krauskopfpelikanen. Zahlreiche Projekte des EU-geförderten LIFE-Programms widmeten sich bisher der Wiederherstellung von Wasserlebensräumen. Diese Maßnahmen haben zur Folge, dass der Vogelzug in diese geschützten Rückzugsgebiete zunimmt. Daher ist der Schutz gefährdeter Arten vor Kollisionen und Stromschlägen enorm wichtig, insbesondere um damit andere Bedrohungen, etwa durch die Folgen des Klimawandels, zu kompensieren.

Leitungen und Masten als Gefahrenquellen

Projektpartner aus sieben von zehn Donauländern, darunter Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien und Rumänien, sind Teil des LIFE Danube Free Sky-Projekts, das sich darauf konzentriert, die Gefahren durch Stromleitungen zu lindern. Vögel sind vor allem in der Nähe von Gewässern und deren Umgebung in erheblichem Maße von Stromschlägen oder Kollisionen mit Stromleitungen bedroht. Das fand ein vorhergehendes LIFE-Projekt, das in der Slowakei zwischen 2014 und 2019 durchgeführt wurde, heraus. Infolgedessen konzentriert sich das aktuelle Projekt auf 23 sogenannte Besondere Schutzgebiete (BSG) sowie auf neun signifikante Gebiete für Vögel, Important Bird Areas (IBA). Der Aktionsradius ist enorm: Denn entlang der gewählten 2000 Kilometer befinden sich acht verschiedene Arten oberirdischer Stromleitungen, die allesamt eine potenzielle Gefahr für Vögel darstellen. Ein wesentliches Ziel besteht darin, direkte und indirekte Vogelsterblichkeit durch Stromschläge und Kollisionen mit den Stromleitungen innerhalb des Projektgebiets zu verhindern bzw. zu verringern. Damit trägt das Projekt dazu bei, die Biodiversitätsstrategie der EU umzusetzen, und dem Verlust der biologischen Vielfalt und der Ökosystemleistungen entlang der Donau entgegenzuwirken. Indem sichere Zugrouten und Lebensräume geschaffen werden, können sich die Populationen von 12 Zielarten* erholen und anwachsen.

Betroffene Arten

Zu einer der häufigsten Gefahren zählen Zusammenstöße mit Hochspannungsleitungen. Viele Vögel können die Leitungen nicht rechtzeitig erkennen. Das geschieht vor allem in offenen Gebieten, in denen Stromleitungen wichtige Futter-, Nahrungs- und Nistplätze kreuzen. Vogelverluste aufgrund von Kollisionen mit oberirdischen Stromleitungen können an Verteilungs- oder Übertragungsnetzen auftreten. Am stärksten gefährdet sind große, schwere Vogelarten mit geringer Manövrierfähigkeit, das heißt solche mit hoher Flügelbelastung und geringer Streckung, wie beispielsweise Trappen, Pelikane, Wasservögel, Kraniche, Störche und Schneehühner. Das Risiko von Zusammenstößen ist nachts, in der Dämmerung und bei schlechten Sichtverhältnissen generell  höher. Zusammenstöße mit hoher Geschwindigkeit haben oft tödliche Folgen für die Vögel. Neben Kollisionen gehören auch Stromschläge zu den größten Gefahren. Sie treten meist dann auf, wenn Vögel auf dem Strommast landen und gleichzeitig mit einem Draht in Berührung kommen oder wenn sie die beiden Leiter gleichzeitig berühren. Das höchste Risiko besteht bei Mittelspannungsleitungen, die für viele Vögel in offenen ländlichen Gebieten ohne Baumbewuchs sehr attraktive Sitzstangen darstellen. Die höchste Sterblichkeitsrate durch Stromschläge verzeichnen mittelgroße und große Vögel, insbesondere Adler, Falken, Geier, Milane, Falken, Eulen, Störche und Rabenvögel. Bei ihnen ist die Wahrscheinlichkeit höher, mit ungeschützten Elementen der Mastkonstruktion in Kontakt zu kommen.

Wie geholfen wird

Um so effektiv wie möglich zu helfen und die Ressourcen so effizient wie möglich einzusetzen, müssen die Maßnahmen im Rahmen des genannten LIFE-Projekts an jenen Orten ergriffen werden, die die größten Risiken für Vögel bergen. Dazu muss durch koordinierte Feldforschung der Grad der Gefährdung von Vögeln ermittelt und bewertet werden. Insgesamt werden im Rahmen des Monitorings mehr als 1150 Kilometer Stromleitungen und über 10.000 potenziell gefährliche Strommasten untersucht. Feld-AssistentInnen sammeln in den beteiligten Ländern die entsprechenden Daten. Danach kommen die am Projekt beteiligten Energieversorgungsunternehmen ins Spiel: Sie werden gemeinsam auf 245 Kilometer vorrangiger Leitungen Warnvorrichtungen installieren, um Kollisionen zu verhindern. Darüber hinaus werden mindestens 3250 Masten isoliert, um Stromschläge zu vermeiden. In Österreich isolieren die Projektpartner in Zusammenarbeit mit der ÖBB-Infrastruktur AG hunderte der gefährlichsten Bahnstrommasten in der Nähe der Donau. In Rumänien, Serbien und der Slowakei werden Jungtiere (Sakerfalken, Kaiseradler und Krauskopfpelikane) mit Sendern ausgestattet, um gefährliche Masten in ihrem Heimatgebiet und ihren bevorzugten Lebensräumen zu identifizieren. In der Slowakei werden zehn Hektar Land von Ackerland wieder zurück in Weiden verwandelt. So wird der Naturwert des Gebietes erhöht, wovon verschiedenste Vogelarten profitieren. Zudem unterstützt das Projektteam die Brutmöglichkeiten für Sakerfalken, Blauracken und Rotfußfalken, indem es in Bulgarien, Rumänien, Serbien und in der Slowakei insgesamt 370 Nistkästen anbringt.

Transnationale Zusammenarbeit unerlässlich

Um die Vögel auf ihren Zugrouten zu schützen, müssen die Stromleitungen auf den gefährlichsten Abschnitten entschärft werden, und zwar über Ländergrenzen hinweg. Im Zuge des Projekts DANUBEparksCONNECTED wurde daher eine Plattform für die transnationale Zusammenarbeit geschaffen. Sie bildet die Grundlage für die LIFE Danube Free Sky-Projektpartnerschaft, an der acht Energieunternehmen, drei Nationalparks, drei Vogelschutzorganisationen und ein Eisenbahnunternehmen beteiligt sind. Obwohl das Projekt während der Pandemie begann, funktioniert die Zusammenarbeit aller beteiligten Projektpartner sehr gut. Die meisten der Koordinierungstreffen finden immer noch online statt, doch die Hoffnung ist groß, dass persönliche Treffen bald möglich sein werden.

Projektwebseite: danubefreesky.eu
Facebook/Instagram: danubefreesky

Natura 2000 ist ein Netz von zentralen Fortpflanzungs- und Ruhestätten für seltene und bedrohte Arten und einige seltene natürliche Lebensraumtypen, die geschützt sind. Es erstreckt sich über alle 27 EU-Länder, sowohl an Land als auch im Meer. Ziel des Netzes ist es, das langfristige Überleben der wertvollsten und am stärksten bedrohten Arten und Lebensräume Europas zu sichern, die sowohl in der Vogelschutzrichtlinie als auch in der Habitatrichtlinie aufgeführt sind. 23 besondere Schutzgebiete, die an dem Projekt beteiligt sind, sind Teil des Natura-2000-Netzes.

 

Dr. Marek Gális ist Wissenschaftlicher Koordinator der Projekte LIFE Danube Free Sky und LIFE Energy. Er studierte Ökologie und Umweltstudien an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Philosoph KonstantinUniversität in Nitra, Slowakei. Nach seiner Promotion im Jahr 2014 begann er bei der Nichtregierungsorganisation Raptor Protection of Slovakia. Er hat mehrere Artikel zum Thema Vögel vs. Stromleitungen veröffentlicht und ist aktiv am Prozess der Risikobewertung von Stromleitungen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Vögel in der Slowakei beteiligt.

Mag. Eva Horková ist Kommunikationsmanagerin des LIFE Danube Free Sky Projekts. Sie studierte Politikwissenschaft und internationale und diplomatische Studien an der Comenius Universität Bratislava und an der Hochschule für internationale und öffentliche Beziehungen Prag, Institut Bratislava. Mehrere Jahre lang war sie hauptsächlich in den Bereichen Projektkoordination, Management und Marketing in der Privatwirtschaft tätig. Mit dem Wunsch nach einem beruflichen Wechsel in den dritten Sektor trat sie ab November 2020 dem LIFE Danube Free Sky Team bei.

IDM Short Insights 11: Side effects of vaccine diplomacy in Slovakia

 

In March 2021, exactly one year since the assuming of the office after an overwhelming victory in 2020 parliamentary elections, instead of celebrating, Igor Matovič had to deal with the dissolution of his own government. What role can the vaccine diplomacy play in the domestic politics and what can be expected from the new Slovakian government? Daniel Martínek (IDM) describes the recent political storm in Slovakia and analyses the causes of the crisis.


Rechtsstaatlichkeit als wichtiger Investitionsfaktor

Die COVID-19-Krise stürzte viele Unternehmen in unsichere Gewässer. Am Beispiel der Slowakei erklärt die Ökonomin Doris Hanzl-Weiss, wie rechtliche Unsicherheit das Wirtschaftsumfeld belasten kann.

Die Slowakei ist eine kleine offene Volkswirtschaft und stark vom Außenhandel abhängig. Die Automobil-Industrie ist für rund 32% der Gesamtexporte verantwortlich und gilt damit als zentraler Exporteur des Landes. Sie stützt sich auf vier große ausländische Fahrzeughersteller im Land, darunter VW Bratislava, PSA Peugeot Citroën in Trnava, KIA Motors Slovakia in Žilina und Jaguar Land Rover in Nitra. Stabile wirtschaftliche insbesondere rechtliche Rahmenbedingungen waren und sind wichtige Faktoren für ausländische Investoren. Wie sich ausländische Direktinvestitionen in der Slowakei entwickelt haben und welche Rolle das wirtschaftlichere Umfeld dabei hatte soll hier näher erläutert werden.

Intransparenz unter Mečiar

Die erste Zeit nach Gründung der Slowakei 1993 und dem Zerfall des kommunistischen Systems war gekennzeichnet durch geringe Zuflüsse an ausländische Direktinvestitionen (ADI). Grund dafür war das autoritäre Regime unter Vladimír Mečiar, das zu internationaler Isolation, undurchsichtiger Privatisierung und Klientelismus und in Folge davon zur Abschreckung von ausländischen Investoren führte. Erst 1998 mit der neuen Regierung unter Mikuláš Dzurinda (I und II) und den damit einhergehenden tiefgreifenden Reformen konnte eine Wende erzielt werden. Zwischen 2000 und 2008 betrug der durchschnittliche jährliche ADI-Zuwachs 7,7 % des Bruttoinlandproduktes (BIP), viel höher als in den Nachbarländern Tschechien (5,9%), Ungarn (4,7%) oder Polen (3,6%).

EU-Beitritt förderte Investitionen

Entscheidende Faktoren für den Zufluss waren einerseits die Privatisierungen am Beginn der 2000er Jahre im Bereich Telekommunikation und im Energie- und Finanzsektor. Andererseits wirkte der EU-Beitritt 2004 als Katalysator für neue Investitionen. Besonders wichtige Greenfield-Investitionen, also etwa Neuerrichtungen von Produktionsstätten auf einem neuen oder noch jungen Markt, fanden im Bereich der Automobilindustrie statt. Nach der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise fiel die Slowakei bei den ADI-Zuflüssen jedoch hinter den Nachbarn zurück: Zwischen 2010 und 2018 konnte sie nur durchschnittlich 1,6% des BIP an ADI-Zuflüssen lukrieren, die anderen Länder zwischen 2,4 % (Polen) und 3 % (Tschechien und Ungarn).

Niedrige Rechtsdurchsetzung als Barriere

Um attraktiv für ausländische Direktinvestitionen zu sein, muss das wirtschaftliche Umfeld konkurrenzfähig und günstig sein. Dieses wird jedoch für die Slowakei Jahr für Jahr schlechter eingestuft. Beispielsweise fiel die Slowakei im Global Competitiveness Index des World Economic Forums 2019 um eine Position zurück und rangiert aktuell auf Platz 42 (von insgesamt 141 Plätzen). Zum Vergleich: Tschechien lag auf Platz 32, Polen auf Platz 37 und Ungarn auf Platz 47. Zwar ist der Business Environment Index des slowakischen Unternehmensverbandes (Business Association of Slovakia – PAS) langfristig angestiegen, seit 2006 befindet er sich allerdings kontinuierlich im Sinkflug. Die EU-Kommission sieht hohe regulatorische Belastungen, niedrige Rechtsdurchsetzung, anhaltende Bedenken zur Unabhängigkeit der Justiz und Polizei, häufige Gesetzesänderungen und Rechtsunsicherheit als Faktoren, die die Wettbewerbsfähigkeit behindern. Eine Umfrage unter ausländischen Investoren in der Slowakei 2019 zeigte, dass die Rechtssicherheit, die Verfügbarkeit von Fachkräften sowie steigende Lohnkosten, die Transparenz der öffentlichen Auftragsvergabe und die Bekämpfung der Korruption zu den am schlechtesten bewerteten Standortbedingungen derzeit zählen.

Reformen in Sicht?

Die COVID-19 Krise hat die Unsicherheit für Unternehmen – nicht nur in der Slowakei – in den ersten Monaten 2020 weiter verstärkt. Es mussten fast täglich neue Vorgaben, Reglungen oder Gesetzesänderungen verfolgt werden. Vorgaben für Hilfsmaßnahmen wurden als kompliziert und intransparent angesehen, z.B. welche Unternehmen anspruchsberechtigt sind und welche Bedingungen erfüllt werden müssen, um Hilfsmaßnahmen zu bekommen. Aus Angst vor Strafen haben viele nicht um Hilfe angesucht.

Langfristig gesehen könnten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unter der neuen konservativen Regierung unter Igor Matovič verbessern. Er hat mit seinem Anti-KorruptionsWahlkampf die letzten Parlamentswahlen im März 2020 gegen die lang amtierende Partei Smer gewonnen. Auf der Agenda der neuen Justizministerin Mária Kolíková steht eine Reform der Justiz. Um die Unvorhersehbarkeit des Gesetzgebungsprozesses zu verbessern, möchte sie indirekte Gesetzesänderungen stoppen, einzelne Gesetze, die miteinander verbunden sind, im Paket und zu einem gemeinsamen Zeitpunkt einführen, sowie das übliche Gesetzgebungsverfahren stärken und respektieren. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die neue Regierung ihre Versprechungen einhalten kann. Wenn es ihr gelingt, das wirtschaftliche Umfeld zu verbessern, wird die Slowakei wieder für Investitionen attraktiver werden.

Alle ADI-Daten basieren auf der wiiw FDI Database: data.wiiw.ac.at

The Slovak Spectator: spectator.sme.sk

European Commission (2020), Country Report Slovakia 2020: ec.europa.eu/info/publications

 

Doris HanzlWeiss ist Ökonomin am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Sie ist Länderexpertin für die Slowakei und befasst sich mit Themen des Strukturwandels und Sektoranalysen. Hanzl-Weiss hat Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien studiert und arbeitete an verschiedensten Projekten für internationale Institutionen (z. B. UNIDO, Europäische Kommission vDG Grow, etc.).