Multimodal unterwegs im Donauraum

Zu Fuß und mit dem Rad zum Bus und zur Bahn? Das ist im Donauraum noch lange kein Mainstream. IRENE BITTNER und JITKA VRTALOVÁ berichten, wie das EU-Projekt Active2Public Transport neue Maßstäbe in der Mobilitätswende setzt.
Dieser Artikel wurde in Info Europa 3/2025: In Bewegung: Mobilität im Donauraum veröffentlicht. Die gesamte Ausgabe ist hier abrufbar.
„Gönn’ deinem Auto eine Pause” – nach diesem Motto gestalteten etwa 50 Testpersonen einen Monat lang ihr Leben. Sie erhielten Monatstickets für den öffentlichen Verkehr für ihre Alltagswege und konnten ein E-Bike, Faltrad oder konventionelles City-Bike für den Weg zur Haltestelle ausprobieren. Auch zu Fuß gehen oder mit dem E-Scooter zur Haltestelle war erlaubt, nur das Auto musste in der Garage bleiben.
Dieser Testlauf ist nur eine von sechs Pilotaktionen im EU-geförderten Projekt Active2Public Transport. Ziel ist, mehr Bewusstsein für die multimodale und klimafreundliche Kombination von aktiver Mobilität und öffentlichem Verkehr zu schaffen. Dabei werden Bewohner*innen aus neun Regionen im Donauraum angesprochen und unterschiedliche Stakeholder und Entscheidungsträger*innen zwischen 2024 und 2026 involviert.
Erfolgreiche Innovationen
Im Südburgenland und in Bratislava-Umgebung wird seit Juli 2025 die Fahrradmitnahme auf Radträgern in Kooperation mit Linienbussen für den Regelbetrieb erprobt. In den Stadtregionen Olomouc und Bukarest sowie im Belgrader Stadtteil Novi-Beograd wird sicheres Radparken an Umsteigeknotenpunkten wie Bahnhöfen (sogenannten „Mobility Hubs“) mit abschließbaren Fahrradboxen getestet. Andere Pilotaktionen setzen auf Digitalisierung: Die Region Bratislava führte Kombitarife und digitales Ticketing für Fahrgäste ein und in Tschechien werden digitale Planungstools mit Geoinformationen auf Online-Karten für Fachplaner*innen entwickelt.
In Zusammenarbeit mit Gemeinden konnten ebenfalls Pilotaktionen entwickelt werden. Der Hauptbahnhof in Ljubljana wird in den nächsten Jahren komplett saniert. Eine bestehende Verkehrsachse ins Zentrum soll den neuen Bahnhof multimodaler anbinden. Der auf dem Weg liegende Miklošič-Park und die angrenzenden Straßen sollen zunächst temporäre, verkehrsberuhigende Impulse erhalten. Die Idee wäre, in einem nächsten Schritt dauerhafte fuß- und radverkehrsfreundliche Anbindungen zum Bahnhof etablieren. Und nicht nur Großstädte transformieren testweise Bahnhofsvorplätze: Im burgenländischen Neufeld an der Leitha werden temporäre verkehrsberuhigende Maßnahmen im Stationsumfeld und damit die Verbesserung der Querungsmöglichkeiten für den Fuß- und Radverkehr diskutiert.
Multimodalität als Schlüssel zur Klimaneutralität
Laut ODYSSEE-MURE, der EU-weiten Datenbank zum Monitoring von Energieeffizienz in den 27 Mitgliedsländern, entfielen im Jahr 2023 fast 90 % des Energieverbrauchs im Personenverkehr auf Autofahrten. Alle Fahrten mit Bus und Bahn zusammen machten dagegen nur etwa 10 % aus.
Der Umstieg auf E-Autos allein wird nicht ausreichen, um die Klimaziele zu erreichen. Die Verlagerung auf klimaverträglichere Verkehrsmittel ist deswegen ein entscheidender Faktor auf dem Weg zur Klimaneutralität 2040. Das Projekt Active2Public Transport soll Bürger*innen und Entscheidungsträger*innen zeigen, dass die Kombination aus aktivem und öffentlichem Verkehr ein nahtloses, effizientes und umweltfreundliches Verkehrssystem ermöglicht. Zudem werden Lärm und schwere Verkehrsunfälle reduziert und gesündere, bewegungsaktivere und nachhaltigere Mobilitäts- und Lebensformen gefördert.
Eine europaweite Befragung und vergleichende Studie in Kooperation mit der European Cyclist Federation (ECF) zeigte die größten Herausforderungen im Bereich Multimodalität auf und schlug Lösungsansätze vor. Radfahrende, die auf Freilandstrecken zur nächsten Haltestelle im Nachbarort unterwegs sind, brauchen vom motorisierten Verkehr getrennte, sichere Fahrspruren und bessere Straßenbeläge. Zudem werden an den Haltestellen sichere, gut erreichbare und witterungsgeschützte Radabstellanlagen benötigt. Für Fußgänger*innen erschweren oft Umwege oder Barrieren den Zugang zum öffentlichen Verkehr oder den Umstieg zum Anschlussverkehr. Gehen und Radfahren sollte an Haltestellen stärker priorisiert werden.
Regionale Unterschiede
Während große Städte mit fahrradfreundlichen Maßnahmen und digitalen Ressourcen bereits Fortschritte erzielen, haben ländliche Gebiete nach wie vor mit veralteter Infrastruktur und eingeschränkter Erreichbarkeit zu kämpfen. Im Donauraum zeigt sich auf der Ebene der Umsetzung multimodaler Initiativen ein regionales Gefälle. Slowenien, Deutschland und Österreich verfügen derzeit über die am weitesten entwickelten Strategien zu Aktiver Mobilität und Öffentlichem Verkehr. Insbesondere im urbanen Raum haben auch Tschechien, die Slowakei und Ungarn auf strategischer Ebene mittlerweile ein ähnliches Niveau erreicht.
In Kroatien, Serbien und Rumänien gibt es auf nationaler Ebene bereits Fortschritte für den Radverkehr, doch Mobilität zu Fuß sowie die Anbindung aktiver Mobilität an Bus und Bahn werden bislang kaum thematisiert. Kroatien und Serbien stehen außerdem vor dem Problem, dass die Schieneninfrastruktur sowohl für überregionale Städteverbindungen als auch Regional- und S-Bahnverbindungen über Jahrzehnte nichtsaniert wurden. Nur 40 % der serbischen Gemeinden sind an den öffentlichen Verkehr angebunden, E-Autos häufig nicht leistbar. Deswegen ist gerade in Serbien der Umstieg auf E-Fahrräder als Zubringer zu den Öffis eine gute Möglichkeit, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern im Verkehr zu reduzieren.
Wissen teilen und nachhaltig umsetzen
Die neun Pilotregionen im Projekt Active2Public Transport zeigen teils vergleichbare, teils sehr unterschiedliche Probleme und Lösungsansätze auf. In Partner-Meetings und Fachexkursionen werden Wissen, Strategien und Praxisbeispiele ausgetauscht. In Arbeitsgruppen mit relevanten Stakeholdern entstehen regionale Aktionspläne, deren Umsetzung 2025 begann. Die Projektpartner orientieren sich zudem an internationalen Good-Practice-Beispielen sowie an inspirierenden Initiativen aus den Partnerländern. Parallel wird eine praxisnahe Online-Toolbox entwickelt, die nach Projektende über klimaaktivmobil.at abrufbar ist und Gemeinden, Verkehrsunternehmen sowie Planer*innen praktische Hilfestellungen bietet und langfristig den Ausbau von multimodalen Verkehrsmöglichkeiten unterstützen soll. Damit zu Fuß oder mit dem Rad zum Bus und zur Bahn bald Mainstream im Donauraum sind.
Irene Bittner ist die Leitende Koordinatorin des A2PT-Projekts und arbeitet seit 2022 als Mobilitätsexpertin für die Österreichische Energieagentur (AEA) vor allem in Projekten der Bundesklimaschutzinitiative klimaaktivmobil.
Jitka Vrtalová leitet seit 2024 die internationale Öffentlichkeitsarbeit des A2PT-Projekts für die tschechischen Plattform Partnership for Urban Mobility. Sie war unter anderem Mitbegründerin der Initiativen wie „Bike toWork“, „CityChangers“ und ist Mitglied der Fahrradkommission der Stadt Prag.
Dieser Text ist auch auf Englisch abrufbar unter https://interreg-danube.eu/projects/active2public-transport/news/test-10
















